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Die Schande brennt am meisten

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Die erste Dekade im neuen Jahrtausend widmet die UNO "einer Kultur des Friedens für die Kinder dieser Welt". Was kann sie damit erreichen?

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Die erste Dekade im neuen Jahrtausend widmet die UNO "einer Kultur des Friedens für die Kinder dieser Welt". Was kann sie damit erreichen?

Wenn die Vereinten Nationen ein bestimmtes Anliegen, ein spezielles brennendes Problem quasi als Titel über ein Jahr oder gar ein Jahrzehnt schreiben, dann weiß man, daß es den Menschen, die das jeweilige Anliegen betrifft, schlecht geht. Die Idee einer solch globalisierten Kampagne für die Verbesserung von Zuständen ist an sich zu begrüßen, nur zeigen leider die bisherigen Erfahrungen, daß sich letztlich für die betroffenen Menschen nichts wirklich zum Besseren wendet. Oder geht es den Frauen weltweit heute besser als vor der in den achtziger Jahren zelebrierten UNO-Dekade für die Frauen. Wohl kaum, oder?

Eines hat die Kampagne gebracht: Viel mehr Frauen wissen heute, warum es ihnen schlecht geht, daß das nicht einfach ihr Schicksal, daß das nicht einfach gottgewollt ist, sondern Ursachen hat in den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen. Viele Frauen haben heute ein geschärftes Bewußtsein und beginnen sich vermehrt zu wehren.

Neues Denken gefragt Es darf also trotz aller inneren Zurückhaltung auch weiter gehofft werden, gehofft, daß zuerst das Jahr 2000 und dann die UNO-Dekade 2001-2010 den Kindern wirklich etwas bringen wird, wenn die Verantwortlichen, die Mächtigen der Welt umkehren und vielleicht doch endlich neu zu denken beginnen.

Es geht um eine "Internationale Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit für die Kinder dieser Welt". Die Intention hinter diesem etwas schwülstigen Titel ist gut. Bereits im Jahr 1996 stellten der für die Rechte der Kinder seit langem kämpfende Franzose Pierre Marchand gemeinsam mit der irischen Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire einen ersten Antrag an die UNO. Alle Friedensnobelpreisträger und -trägerinnen tun sich daraufhin zusammen und formulieren einen Aufruf, der in der französischen Tageszeitung "Le Monde" erstmals veröffentlicht wird. Die birmesische Oppositionsführerin, die im Jahre 1991 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, formuliert die Präambel: Ziel dieser Dekade soll es sein, weltweit auf allen Ebenen der Gesellschaft, in den verschiedenen Bildungseinrichtungen, in allen Bereichen der Kultur, im sozialen Bereich und im interreligiösen Dialog, in Politik und Wirtschaft, Wege gewaltfreier Konfliktlösungen aufzuzeigen und Möglichkeiten der Umsetzung zu suchen. "Das ist ein Ziel auf's innigste zu wünschen" - könnte man mit Hugo von Hofmannsthal sagen, wenn man seinen Blick über eine Weltkarte schweifen läßt und im Geist alle die akuten und schwelenden Brandherde einzeichnet, vom ganz normalen Wahnsinn der Abgründe der Ungerechtigkeit einmal abgesehen.

Ein gutes Jahrtausend Zahllos sind die Kinder dieser Welt, die heute leiden, die heute auf der Flucht sind, in Lagern oder Elendsvierteln dahinvegetieren, chancenlos Hunger und Krankheit ausgeliefert, und deren Chance größer ist denn je, vor der Zeit zu sterben.

Würde die Weltgemeinschaft tatsächlich ernst machen und sich am Aufbau einer solchen "Kultur des Friedens und der Gerechtigkeit" aktiv und jeder und jede nach seinen/ihren Möglichkeiten beteiligen, dann wäre der Beginn des neuen Jahrtausends gut und vielversprechend, was den uns nachfolgenden Generationen aus vollem Herzen zu wünschen wäre. Die Errichtung eines Friedensreiches war ja schon damals am Anfang eine der großen Visionen, der großen Utopien des Mannes aus Nazareth. Auch andere Religionen, wie zum Beispiel die Mayas, haben eine solche Vision vor Augen, wenn sie sagen: "Der Sinn der Geschichte ist ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen."

Es ist unmöglich, alle Bereiche anzusprechen, für die eine solche "Kultur des Friedens" not-wendend wäre. Also nehme ich ein spezielles Problem heraus, das indische Kastensystem, unter dem seit 3000 Jahren ein beachtlicher Teil der Bevölkerung des indischen Subkontinents leidet. Die Kastenlosen, die Unberührbaren, die Haridjans, wie Mahatma Gandhi sie nannte, die Dalits, wie sie sich selber bezeichnen, stehen im Zentrum einer Kampagne, die schon seit mehr als einem Jahr in allen indischen Bundesstaaten läuft. Auf ihrem in violett gehaltenen Plakat steht in weißen Lettern: "Dalit Rights are Human Rights" - die Rechte der Dalits, sind Menschenrechte. Und in einem Bogen über zwei markanten Profilen steht geschrieben: "Wir fordern die Befreiung von Kastenschranken für 260 Millionen Dalits in Asien."

Inzwischen haben sich in Indien unzählige Organisationen, große und kleine Basisgruppen gebildet, die den Kampf für die Befreiung der Dalits auf ihre Fahnen geschrieben haben. Auch kirchliche Gruppen, allen voran die Jesuiten, sind in diesem Befreiungskampf engagiert, der nur von unten nach oben laufen kann, denn die Angehörigen der oberen Kasten werden das System nicht verändern, gingen sie dadurch doch ihrer Privilegien verlustig.

Was es in Indien - einem demokratischen Staat, in dem per Gesetz jegliche Diskriminierung verboten ist - heißt, ein Dalit oder noch mehr eine Dalitfrau zu sein, verdichtete sich für mich in einem Lied, das Dalitfrauen in Karnatakat singen: Mensch, schau unser Leben an /und du wirst wissen, was wir leiden./Wir Frauen leben in den Straßen,/wir schlafen und essen in den Straßen,/wir arbeiten und gebären in den Straßen,/wir sterben in den Straßen, an Hunger/oder unter den Knüppel der Polizei./Wir Frauen leben auf dem Land in winzigen Hütten./Wir arbeiten von Morgen bis Abend auf den Feldern./Wir pflügen und hacken,/wir säen und ernten, aber nicht für uns./Sklavinnen sind wir,/unsere Arbeit gehört den landlords./Wenn wir müde und zerschunden von den Feldern kommen/sind unsere Hände leer/und unsere Kinder weinen sich hungrig in den Schlaf. Dieses Lied erzählt nicht von einem Alptraum, sondern beschreibt die Wirklichkeit, die tägliche Lebensrealität dieser Frauen.

Das ist Dalit-Angst Ein junger Jesuit, einer der immer noch wenigen Dalits, denen der Sprung in einen anerkannten Teil der Gesellschaft gelungen ist, beschreibt eine andere Dimension, wenn er sagt: "Es ist ein Schmerz, ein Dalit zu sein und eine Angst. Als ich in den Orden eingetreten bin, fragte mich ein Priester: Bist du Dalit? In diesem Augenblick war ich schweißgebadet und zitterte am ganzen Körper. Das ist Dalit-Angst. Ein Dalit will nicht als solcher erkannt werden, denn er muß fürchten, sofort schlecht behandelt zu werden. Die Unberührbarkeit, wie wir sie hier erleiden, ist einzig in der Welt, einzig." Ja, das ist das Eigentliche. Natürlich ist da auch die materielle Armut, die Not, das Elend, worin die Dalits seit jeher gehalten werden, damit sie nicht auf dumme Ideen kommen, schließlich müssen auch all die dreckigen, gefährlichen, gesundheitsschädigenden Arbeiten getan werden, mit denen ein Kastenmensch sich nicht beschmutzen möchte; ja, natürlich das Elend brennt, aber die Schande brennt mehr. Und es ist eine Schande, ein Dalit, ein Unberührbarer und damit aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein.

Von Angst befreien Auch die christlichen Kirchen haben dieses schändliche Spiel mit Menschen über eine lange Zeit mitgespielt, um sich die Gunst der Reichen und Mächtigen, der hohen Kasten nicht zu verscherzen. Mir erzählte man noch von getrennten Kirchenräumen, eine Seite für die einen und eine für die anderen. Es gab getrennte Schlangen, die sich zum Empfang der Kommunion anstellen mußten. Und es ist noch nicht so lange her, wie mir ein Dalits-Priester erzählte, daß der Ortspfarrer, den er an einem Sonntag vertreten hatte, Kelch und Patene und überhaupt alles mit kochendem Wasser von allen Dalit-Spuren gereinigt hat.

Da hat sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil einiges zum Besseren verändert. Sogar Bischöfe schreiben von Zeit zu Zeit Hirtenbriefe gegen die Diskriminierung der Dalits. Wenn es um konkrete Maßnahmen geht, ziehen sie sich allerdings schnell zurück und sagen: Wir sind da ganz hilflos. Aber unter den Priestern und Ordensleuten und unter den Gläubigen an der Basis hat sich viel getan und tut sich viel, um die Dalits von ihrer ewigen Angst zu befreien, ihnen ihre Rechte bewußt zu machen, ihnen den Rücken zu stärken.

Und hier gründet auch die Hoffnung der Organisatoren der Kampagne: Der Widerstand unter und vor allem bei den Frauen wächst, und wenn sich die indischen Frauen einmal auf die Füße stellen, wenn sie aufwachen, dann sind sie hellwach, dann sind sie stark und dann werden auch die Kinder der Dalits, wie hoffentlich alle Kinder der Welt, eine Chance auf Zukunft bekommen, auf eine Kultur des Friedens und der Gerechtigkeit.

Die Autorin ist Religionsjournalistin beim ORF-Hörfunk.

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