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Gesellschaft

"Hier ist die Zeit der Scham vorbei“

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Brigitte Bauer ist es gewohnt anzupacken: Im Basisbildungszentrum abc-Salzburg, das sie gegründet hat - wie auch im Zirkus, der lange Zeit Teil ihres Lebens war.

Von ihren Seminarräumen sieht Brigitte Bauer direkt auf den neuen Salzburger Hauptbahnhof. Neugierig hat sie stets die Fortschritte beim Umbau beobachtet. Und auch jetzt wirft sie noch immer gern einen Blick hinüber: "Dieser Kuppelbau fasziniert mich“, sagt sie vor einer Pinnwand mit Satzbausteinen. "Am liebsten hätte ich gefragt, ob ich mitbauen darf. Ich bin nämlich garantiert schwindelfrei und kann gut zupacken!“ Dabei hat sich die quirlige Geschäftsführerin des Alphabetisierungs- und Basisbildungszentrums abc-Salzburg einst nur eines geschworen: Keine Baustelle mehr in meinem Leben!

Zum Glück hat sie diesen Schwur gebrochen. Sonst hätten 130 Menschen so manche Chancen weniger. Hier in der Salzburger Lastenstraße wie auch am Standort Bischofshofen erhalten sie in kostenlosen Kursen einen erwachsenengerechten Einstieg ins lebenslange Lernen. Das Lesen, Schreiben und Rechnen steht ebenso auf dem Programm wie der Umgang mit dem Computer. Am Bedarf mangelt es nicht: Rund 15 von 100 Erwachsenen haben laut Schätzungen des EU-Parlaments keine ausreichenden Basisqualifikationen, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.

Der Mut, sich den eigenen Defiziten zu stellen, wird freilich mit neuem Selbstbewusstsein belohnt: Wie bei jener Frau, die nun endlich ihren Enkelkindern Geschichten vorlesen und nicht nur nacherzählen kann; oder wie bei jenem Unternehmer, der bei der Führung seines Betriebes endlich nicht mehr von Verwandten abhängig ist. Wer immer den Schritt zur Veränderung wagt, trifft hier im abc-Zentrum auf verständnisvolle, diskrete und adäquat bezahlte Trainerinnen und Trainer. "Gerechtigkeit ist ein hoher Wert für mich“, betont die 53-Jährige. "Ich komme schließlich selbst aus einer Arbeiterfamilie. Das Haus haben sich meine Eltern vom Munde abgespart: Sie haben zehn Jahre daran gebaut - und ich war immer dabei.“

Vom Klassenzimmer auf die Straße

Brigitte Bauer ist 20 Jahre alt und ausgebildete Volksschullehrerin, als sie in Holzhausen in einer Mini-Schule mit nur 30 Kindern zu unterrichten beginnt. Ein Traum für die Pädagogin - doch leider nur eine Karenzstelle. Die junge Lehrerin, die gut mit auffälligen Schülerinnen und Schülern umgehen kann, meldet sich für diverse Schulversuche. "Mir ist es immer um die gegangen, die es schwerer hatten und die dadurch auch schwieriger waren“, erinnert sie sich. "Doch das ständige Bewertenmüssen hat meine Arbeitsfreude Tag um Tag verringert.“ Also wagt die umtriebige Frau einen radikalen Schritt: Sie wird Straßenmusikerin, singt, tanzt und spielt vor Publikum - und lässt sich von der Lust am Inszenieren packen.

Kunst und Kultur prägen diese Zeit in den frühen 1980er- Jahren: sei es auf den wilden Demonstrationen, bei denen in Salzburg für eine freie Kulturszene gekämpft wurde, sei es im Zirkuskollektiv, dem sich Brigitte Bauer mit ihrem Partner und der gemeinsamen Tochter Raffaela anschließt. Die Nachricht, dass dieses Kollektiv die junge Familie aufnimmt, erreicht sie - so ein Zufall! - auf ihrer Baustelle. "In dieser Zeit haben wir viele Erfahrungen gesammelt. Unsere zweite Tochter ist auf die Welt gekommen. Und dann war klar: Wir wollen unseren eigenen Zirkus.“ Noch heute strahlt die Erwachsenenbildnerin, wenn sie von der Umsetzung der Zirkuspläne erzählt. Das Paar nimmt eine Hypothek auf sein Haus auf und gibt das eigene Zirkuszelt, einen Zweimaster für 350 Zuschauer, in Auftrag. Die Eisenteile fertigt ein befreundeter Schlosser an, während die Zelthaut in Mailand entsteht. Zwei Tage lang wird aufgebaut, bis am Schluss alles zusammenpasst. Die zierliche Frau klettert selbst zehn Meter in die Höhe, um den Kamin mit speziellen Knoten zu schließen: "Das muss man ganz behutsam machen, sonst verletzt man die Haut“, erklärt sie. "Ganz oben bin ich gesessen - das ist Freiheit!“

Das Zelt steht freilich sicherer als die internationale Zirkusproduktion, die sich bald als Chaos herausstellt und die Familie zur Neuorientierung zwingt. Man vermietet das Zelt, fährt mit zwei Lkws übers Land - und Brigitte Bauer beginnt, Nachhilfestunden zu geben. Eine erwachsene Frau, die das Lesen und Schreiben nicht beherrscht, stellt schließlich neue Weichen im Leben der Pädagogin: "Ich habe begriffen, dass diese Defizite nicht nur die Folge persönlicher Probleme Einzelner sind, sondern auch strukturelle Ursachen haben“, erinnert sie sich. "Und wieder habe ich zu mir gesagt: Brigitte, pack zu!“ Zurück in Salzburg gründet sie den Verein "AlfaBetisierungsCentrum“ als Ein-Frau-Pilotprojekt: Sie unterrichtet, putzt, macht Öffentlichkeitsarbeit und Buchhaltung. Freunde unterstützen sie.

Heute wird ihre Non-Profit-Organisation von Land und Stadt Salzburg sowie vom Unterrichtsministerium und dem Europäischen Sozialfonds finanziert. "Für viele ist die Zeit der Scham vorbei, wenn sie bei uns anrufen und sich zu einem Gespräch anmelden“, sagt Brigitte Bauer mit leuchtenden Augen und bunten Satzbausteinen im Rücken. "Und wenn sie dann zu unseren Kursen kommen, dann merken sie schnell: Ich bin nicht allein.“

Brigitte Bauer ist es gewohnt anzupacken: Im Basisbildungszentrum abc-Salzburg, das sie gegründet hat - wie auch im Zirkus, der lange Zeit Teil ihres Lebens war.

Von ihren Seminarräumen sieht Brigitte Bauer direkt auf den neuen Salzburger Hauptbahnhof. Neugierig hat sie stets die Fortschritte beim Umbau beobachtet. Und auch jetzt wirft sie noch immer gern einen Blick hinüber: "Dieser Kuppelbau fasziniert mich“, sagt sie vor einer Pinnwand mit Satzbausteinen. "Am liebsten hätte ich gefragt, ob ich mitbauen darf. Ich bin nämlich garantiert schwindelfrei und kann gut zupacken!“ Dabei hat sich die quirlige Geschäftsführerin des Alphabetisierungs- und Basisbildungszentrums abc-Salzburg einst nur eines geschworen: Keine Baustelle mehr in meinem Leben!

Zum Glück hat sie diesen Schwur gebrochen. Sonst hätten 130 Menschen so manche Chancen weniger. Hier in der Salzburger Lastenstraße wie auch am Standort Bischofshofen erhalten sie in kostenlosen Kursen einen erwachsenengerechten Einstieg ins lebenslange Lernen. Das Lesen, Schreiben und Rechnen steht ebenso auf dem Programm wie der Umgang mit dem Computer. Am Bedarf mangelt es nicht: Rund 15 von 100 Erwachsenen haben laut Schätzungen des EU-Parlaments keine ausreichenden Basisqualifikationen, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.

Der Mut, sich den eigenen Defiziten zu stellen, wird freilich mit neuem Selbstbewusstsein belohnt: Wie bei jener Frau, die nun endlich ihren Enkelkindern Geschichten vorlesen und nicht nur nacherzählen kann; oder wie bei jenem Unternehmer, der bei der Führung seines Betriebes endlich nicht mehr von Verwandten abhängig ist. Wer immer den Schritt zur Veränderung wagt, trifft hier im abc-Zentrum auf verständnisvolle, diskrete und adäquat bezahlte Trainerinnen und Trainer. "Gerechtigkeit ist ein hoher Wert für mich“, betont die 53-Jährige. "Ich komme schließlich selbst aus einer Arbeiterfamilie. Das Haus haben sich meine Eltern vom Munde abgespart: Sie haben zehn Jahre daran gebaut - und ich war immer dabei.“

Vom Klassenzimmer auf die Straße

Brigitte Bauer ist 20 Jahre alt und ausgebildete Volksschullehrerin, als sie in Holzhausen in einer Mini-Schule mit nur 30 Kindern zu unterrichten beginnt. Ein Traum für die Pädagogin - doch leider nur eine Karenzstelle. Die junge Lehrerin, die gut mit auffälligen Schülerinnen und Schülern umgehen kann, meldet sich für diverse Schulversuche. "Mir ist es immer um die gegangen, die es schwerer hatten und die dadurch auch schwieriger waren“, erinnert sie sich. "Doch das ständige Bewertenmüssen hat meine Arbeitsfreude Tag um Tag verringert.“ Also wagt die umtriebige Frau einen radikalen Schritt: Sie wird Straßenmusikerin, singt, tanzt und spielt vor Publikum - und lässt sich von der Lust am Inszenieren packen.

Kunst und Kultur prägen diese Zeit in den frühen 1980er- Jahren: sei es auf den wilden Demonstrationen, bei denen in Salzburg für eine freie Kulturszene gekämpft wurde, sei es im Zirkuskollektiv, dem sich Brigitte Bauer mit ihrem Partner und der gemeinsamen Tochter Raffaela anschließt. Die Nachricht, dass dieses Kollektiv die junge Familie aufnimmt, erreicht sie - so ein Zufall! - auf ihrer Baustelle. "In dieser Zeit haben wir viele Erfahrungen gesammelt. Unsere zweite Tochter ist auf die Welt gekommen. Und dann war klar: Wir wollen unseren eigenen Zirkus.“ Noch heute strahlt die Erwachsenenbildnerin, wenn sie von der Umsetzung der Zirkuspläne erzählt. Das Paar nimmt eine Hypothek auf sein Haus auf und gibt das eigene Zirkuszelt, einen Zweimaster für 350 Zuschauer, in Auftrag. Die Eisenteile fertigt ein befreundeter Schlosser an, während die Zelthaut in Mailand entsteht. Zwei Tage lang wird aufgebaut, bis am Schluss alles zusammenpasst. Die zierliche Frau klettert selbst zehn Meter in die Höhe, um den Kamin mit speziellen Knoten zu schließen: "Das muss man ganz behutsam machen, sonst verletzt man die Haut“, erklärt sie. "Ganz oben bin ich gesessen - das ist Freiheit!“

Das Zelt steht freilich sicherer als die internationale Zirkusproduktion, die sich bald als Chaos herausstellt und die Familie zur Neuorientierung zwingt. Man vermietet das Zelt, fährt mit zwei Lkws übers Land - und Brigitte Bauer beginnt, Nachhilfestunden zu geben. Eine erwachsene Frau, die das Lesen und Schreiben nicht beherrscht, stellt schließlich neue Weichen im Leben der Pädagogin: "Ich habe begriffen, dass diese Defizite nicht nur die Folge persönlicher Probleme Einzelner sind, sondern auch strukturelle Ursachen haben“, erinnert sie sich. "Und wieder habe ich zu mir gesagt: Brigitte, pack zu!“ Zurück in Salzburg gründet sie den Verein "AlfaBetisierungsCentrum“ als Ein-Frau-Pilotprojekt: Sie unterrichtet, putzt, macht Öffentlichkeitsarbeit und Buchhaltung. Freunde unterstützen sie.

Heute wird ihre Non-Profit-Organisation von Land und Stadt Salzburg sowie vom Unterrichtsministerium und dem Europäischen Sozialfonds finanziert. "Für viele ist die Zeit der Scham vorbei, wenn sie bei uns anrufen und sich zu einem Gespräch anmelden“, sagt Brigitte Bauer mit leuchtenden Augen und bunten Satzbausteinen im Rücken. "Und wenn sie dann zu unseren Kursen kommen, dann merken sie schnell: Ich bin nicht allein.“