venedig lockdown - © Foto: Giacomo Sini

Corona und Tourismus: Venezianisches Comeback

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Einer der zentralen Tourismuspunkte der Welt, Venedig, ist von Covid-19 hart getroffen worden. Die Krise hat aber auch zu einem Umdenken in der Bevölkerung geführt – und zu einer Rückbesinnung auf die Schönheit einer Welt von gestern.

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Einer der zentralen Tourismuspunkte der Welt, Venedig, ist von Covid-19 hart getroffen worden. Die Krise hat aber auch zu einem Umdenken in der Bevölkerung geführt – und zu einer Rückbesinnung auf die Schönheit einer Welt von gestern.

Der Matrose öffnet das Tor des Vaporetto und ruft „Fondamente Nuove!“ und Passagiere strömen auf den Kai. „Um nach Burano zu kommen, musst du das Boot mit dem hohen Steuerhaus nehmen, gleich über der Brücke“, erklärt ein Mann in den Fünfzigern, der nach Murano fährt und setzt skeptisch hinzu. „Aber die Arbeiter demonstrieren gegen Gehaltskürzungen und die Fahrpläne sind alle aus dem Ruder geraten, ich weiß nicht, wie lange du warten musst“. Dann zuckt er mit den Schultern: „Willkommen in unserer Welt!“

Am Dock von Burano steigen nur wenige Menschen aus. Die traditionellen Spitzenläden und Restaurants an den Fassaden der bunten Häuser sind geschlossen, und die engen Gassen liegen still. Bruno, ein 83jähriger Pensionist ist einer der wenigen, die hier spazieren gehen: „Zu dieser Tageszeit ist es hier meistens voll von Touristen, aber schau dir das an!“, sagt er und zeigt auf die Kirche auf dem verlassenen Platz.
Brunos Geschichte ist wie die vieler anderer hier. Geboren in Burano in einer großen Familie von Fischern, verließ er in jungen Jahren das harte Leben auf dem Meer, um im Tourismus zu arbeiten. „Ich war früher Kellner“, sagt er stolz, „jetzt reinige ich die Fische in der Küche, ich mache alle Jobs, die ein alter Mann machen kann“, lächelt er ironisch und erinnert sich: „Das da ist ein historisches Restaurant! Ich habe Fotos mit De Niro, mit Carters Frau, mit den berühmtesten Fußballern.“ Die Trattoria Da Romano, in der er arbeitet, hat – nachdem sie in der Pandemie mit Schließungsmaßnahmen belegt worden war - in den letzten Monaten nur sporadisch geöffnet. Nun soll sich das ändern: Ab kommender Woche ist Italien für den Tourismus geöffnet. Der erwartete Ansturm ein Segen - nicht nur für den alten Bruno.

Schönheit und Verwüstung

Im Schatten des Campanile auf dem Markusplatz stehen voluminöse Stapel, in Plastik gewickelte Stühle der Cafés, die die Arkaden säumen. Es ist ein sonniger Tag Mitte April, aber die Passanten können an einer Hand abgezählt werden. Die Museen und der Campanile sind geschlossen, und nur eine Kapelle in der Markusbasilika ist zum Gebet geöffnet. Reisen innerhalb des Landes sind von der Regierung aufgrund der Pandemie noch stark eingeschränkt. Wenn man die Basilika von der gegenüberliegenden Seite des Platzes betrachtet, könnte jeder beim Anblick der Geometrie der Gebäude von Ehrfurcht ergriffen werden. Eine noch nie so wahrgenommene Schönheit und eine lähmende Verwüstung zugleich. Das ist das kontrastreiche Spektakel, das die italienischen Kunststädte, die inzwischen zur Gänze für den touristischen Konsum aufbereitet sind, den Besuchern in diesen Zeiten des Lockdowns bieten.

Von St. Marco bis zur Rialtobrücke, auf den Straßen, die am meisten von Touristen frequentiert werden, ist die Szene immer die gleiche: geschlossene Rollläden, Leere. Ladenbesitzer, die an der Schwelle der wenigen offenen Läden stehen, murmeln immer wiederkehrende Worte: „Wie lange wird das noch dauern?“ „Es wird vorbeigehen.“ Auf der Rialto Brücke schlendert jemand und hält manchmal an, um einen Blick auf die Schaufenster der wenigen offenen Geschäfte zu werfen. Weiter unten ist das normalerweise überfüllte Vaporetto-Dock leer. Unter der Sonne haben einige Gondoliere ihre Jacken geöffnet und zeigen ihre gestreiften Hemden. Einige reden, während sie auf dem Steg stehen, andere sitzen gemütlich auf dem Gondel-Parcio und essen ein Sandwich. Nur einer von ihnen, der am Kai steht und einen Strohhut trägt, versucht, einer kleinen Gruppe von Studenten in breitem Venezian „Gondoa, ragazzi gondoa!“ schmackhaft zu machen.

Giovanna öffnet das grüne Tor zum Garten des Hotels, das sie seit dreißig Jahren leitet und dessen Jubiläum im vergangenen Februar während der Sperrung ohne Gäste gefeiert werden musste. Im Frühstücksraum der Pensione Accademia sind Möbel und Imbissregale mit weißen Tüchern bedeckt, durch das Fenster kann man den Canal Grande sehen. „Egoistischer Weise könnte ich jetzt sagen, dass Venedig zurzeit fabelhaft ist, aber wirtschaftlich ist es eine Katastrophe“, sagt sie, „und es wird fast zwei Jahre dauern, bis wir uns erholen“. Ihr Hotel hat eine von der Regierung versprochene Entlastung erhalten, aber „die Mitarbeiter leiden unter dieser Situation sehr, der Mitarbeiter-Entlassungsfonds wird verspätet ausgezahlt und deckt nur die Hälfte des normalen Gehalts ab. Sie haben ihre Ersparnisse schon fast aufgebraucht.“ Viele Häuser haben in Verbesserungen investiert, um wieder öffnen zu können. „Als Hotelmanager“, sagt Giovanna, „erleben wir die Situation als Ungerechtigkeit“.

Sie meint, diese Zeit sollte dazu dienen, ein neues Bewusstsein zu schaffen, denn offensichtlich habe im Massentourismus „etwas nicht funktioniert, das müssen wir einsehen“. Kurz vor der Brücke, die Giudecca mit Sacca Fisola verbindet, öffnet sich Francescas Garten auf einer Seite. In dieser bunten Oase empfängt sie seit fast 15 Jahren Gäste in ihrem Haus: „Ich war eine der ersten, die in Venedig ein Bed & Breakfast eröffnete“, erinnert sich Francesca lächelnd. Für sie wurde es bald eine echte Leidenschaft: „Durch die Eröffnung meines Hauses versuchte ich, einen anderen Blick auf die Stadt zu bieten, etwas an die Gäste weiterzugeben“.

Gewinn statt Teilen

Vor fast zehn Jahren, als Airbnb in Italien beliebter wurde, kontaktierte das Unternehmen Francesca, weil ihr B&B Al Canal eines der bekanntesten war: „Zunächst stand die Philosophie des Home-
Sharing im Mittelpunkt von Airbnb, aber dann änderte sich alles“. Das Teilen ist nun dem Gewinn gewichen. Aber für Francesca gibt es noch andere Probleme: „Es ist die lokale Verwaltung, die regulieren sollte“, und vor allem fehle es an „Wohnungspolitik, es gibt weder Unterstützung für die Fischerei und traditionelles Handwerk, noch für Innovationsprojekte. Stattdessen wurde Geld für MOSE ausgegeben - jenen mobilen Damm, der die Stadt Venedig und die Lagune vor Überschwemmungen schützen soll, aber er funktioniert bereits jetzt nicht mehr.“ In anderthalb Jahren der Pandemie hatte Francesca nur zwei Gäste, jetzt gibt es keine Buchungen mehr und sie hat keinen Zugang zu staatlichen Förderungen. Francesca hofft, dass diese Situation den Menschen bewusst macht, dass eine Stadt nicht vom Massentourismus, von großen Kreuzfahrtschiffen abhängig gemacht werden kann. „Venedig ist einzigartig und wir laufen Gefahr, es zu zerstören.“

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