Joker - © Warner Bros.
Film

Alle setzten auf den „Joker“

1945 1960 1980 2000 2020

In Venedig siegte mit Todd Phillips’ „Joker“ ein Film, der ein Genre völlig neu definiert.

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In Venedig siegte mit Todd Phillips’ „Joker“ ein Film, der ein Genre völlig neu definiert.

Es sind zumindest ungewöhnliche Entscheidungen, die da am vergangenen Wochenende von der Jury beim Filmfestival von Venedig getroffen wurden. Der Start-Ziel-Sieg von „Joker“, jener US-Comic-­Adaption über Batmans größten Erzfeind, war ja schon vorhergesehen worden, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen: Der Film eroberte Publikum wie Kritiker nach seiner Premiere im Sturm – und zum Schluss auch die von der argentinischen Regisseurin Lucrezia Martel geführte Jury (Martel hätte man so viel Neigung zum Mainstream gar nicht zugetraut). Aber eigentlich dachten am Lido alle, Joaquin Phoenix würde hier als bester Darsteller vom Feld gehen, weil die gebrochene Darstellung dieses Psychopathen bei ihm so unglaublich fies und zugleich Mitleid erregend daherkommt, dass man fast schon gespenstische Angst vor diesem Charakter entwickelt, wie man sie nicht einmal bei Heath Ledger gehabt hatte – und dieser hatte für seinen Joker immerhin (pos­tum) einen Oscar bekommen.

Erinnerung an frühen Scorsese

Nun also der Hauptpreis. „Joker“ in der Regie von Todd Phillips ist ein Meilenstein des Mainstreams, auch weil Phillips sich traut, mit den Konventionen und Regeln des Blockbusterkinos zu brechen und daraus einen hocheffektiven Thriller generiert, der an den Look früher Scorsese-Filme aus den 70ern erinnert. Ein Meisterstück, und das von einem Regisseur, der mit Filmklamauk wie „Hangover“ bekannt wurde. Ausgerechnet er lieferte den atemberaubendsten Film dieses Festivals, ja vielleicht dieses Jahres.

Angesiedelt ist die Genese des verrückten Psychopathen weit außerhalb des DC-Comic­-Universums und verhält sich auch wie ein Außenseiter. Das Studio Warner gab den Filmemachern offenbar sämtliche Freiheiten im Umgang mit der Comic-Herkunft des Schurken, denn hier heißt er nicht Jack Napier, sondern Arthur Fleck. Fleck, ein Versager voller Minderwertigkeitskomplexe, stets verspottet und verprügelt worden, hält sich als mietbarer Clown über Wasser und träumt davon, Stand-up-Comedian zu werden und in der Late-Night-Show von Murray Franklin (grandios: Robert De Niro) aufzutreten. Der Weg dorthin ist steinig, doch als Fleck höchstselbst eine hasserfüllte Rebellion auf den Straßen Gothams auslöst und zum Star wird, da hat das Unheil in seinem Kopf schon seinen Lauf genommen.merz-Debatten führt, aber eigentlich, wie der Jahrgang 2019 zeigt, gänzlich überflüssig ist.

"Joker" ist ein Meilenstein, weil Phillips sich traut, mit den Konventio­nen und Regeln des Blockbusterkinos zu brechen.

Es ist die Fülle an filmischen Einfällen, an Variationen über das Thema, das diesen „Joker“ so außergewöhnlich frech, ungestüm und gegen alle Regeln erscheinen lässt. Phillips und der geniale Joaquin Phoenix in der Titelrolle formen ein Duo, das das Genre der Comic-Adaptionen für das Kino auf ein völlig neues Niveau hebt: „Joker“ bringt dem Hollywood-Kino zum längst überfälligen Zeitpunkt jenen entscheidenden Input, den Frank Miller der (Batman-)Comicwelt mit seiner Graphic Novel „The Dark Knight Returns“ (1986) brachte: Die Geschichte Batmans ließ sich nach Millers Novel in ein Davor und ein Danach teilen. Das Genre der Comicverfilmungen, seit vielen Jahren überfrachtet von seelenlosen Marvel-Aufgüssen, hat mit „Joker“ nun auch den Film, der das Davor vom Danach trennt. Und so falsch lagen Martel und ihre Jury nicht: Denn „Joker“ zeigt, dass auch im Mainstream ganz große Kunst passieren kann.

Dennoch: Die großen Preise gewinnen solche Filme gemeinhin nicht bei den Festivals. Für „Joker“ ist es Gewissheit, dass da bis zum Oscar noch etliches an Preisen hinzukommen wird, für Venedig ist diese Auszeichnung auch ein Zugeständnis an US-Filme, die sich mehr trauen als die ausgetretenen Pfade der Geldmaximierung an den Kinokassen zu beschreiten.

Dreyfus-Drama von Roman Polanski

Die Jury von Venedig hat aber auch andere ungewöhnliche Entscheidungen getroffen: Etwa der Große Preis an Roman Polanski für „J’accuse“. Das Drama über die Dreyfus-Affäre um den gleichnamigen jüdischen Offizier, die in den 1890er Jahren zum Justizskandal in Frankreich führte, ist großes, dialog­lastiges Kino, ein Drama um den aufkeimenden Rassismus im Fin de Siècle, feinfühlig inszeniert und packend gespielt, jedoch nicht frei von Unstimmigkeiten in der Rezeption: Für viele war schon die Einladung Polanskis in den Wettbewerb von Venedig ein Frevel, weil immer noch der Vergewaltigungs-Prozess in den USA auf Polanski wartet. Mit ein Grund, weshalb er gar nicht anreiste, denn Italien hat ein Auslieferungsabkommen mit den USA – und bei einer Anreise hätten wohl die Handschellen geklickt.

Roy Andersson für „About Endlessness“ als besten Regisseur zu benennen, ist auch kurios: Sein Film ist zwar in gewohnter Manier komisch, aber vom Goldenen-Löwen-Gewinner „Eine Taube sitzt auf einem Dach und denkt über das Leben nach“ (2014) doch ein Stück weit entfernt. Ebenso nicht ganz auf der Höhe scheinen die Preise für die bes­ten Darsteller: Der Italiener Luca Marinelli spielt in der Jack-London-Verfilmung „Martin Eden“ eher stoisch, die Französin Ariane Ascaride in dem Sozialdrama „Gloria Mundi“ von Robert Guédiguian eher solide denn herausragend.

Unzufrieden kann man mit dem ungewöhnlichen Preisregen dennoch nicht sein: Es sind tatsächlich Filme mit einer Qualität darunter, die auch Zuschauermassen begeis­tern können – eine Diskrepanz, die immer wieder zu Kunst-oder-Kommerz-Debatten führt, aber eigentlich, wie der Jahrgang 2019 zeigt, gänzlich überflüssig ist.

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