Urwaldklavier - © Collage: Rainer Messerklinger (unter Verwendung eines Bildes von iStock/ZU_09)

Daniel Mason: Mit Musik auf dem Kriegspfad

1945 1960 1980 2000 2020

Knapp zwanzig Jahre nach seinem ursprünglichen Erscheinen hat der Beck-Verlag Daniel Masons erzählfreudiges literarisches Debüt „Der Klavierstimmer Ihrer Majestät“ neu aufgelegt.

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Knapp zwanzig Jahre nach seinem ursprünglichen Erscheinen hat der Beck-Verlag Daniel Masons erzählfreudiges literarisches Debüt „Der Klavierstimmer Ihrer Majestät“ neu aufgelegt.

Dass die Engländer Spleens durchwegs wohlwollend gegenüberstehen, ist bekannt. Aber gleich einen Flügel ins Hinterland von Birma zu ordern, war auch auf dem Höhepunkt des britischen Empires vor anderthalb Jahrhunderten eine herausfordernde Kühnheit.

Diese Forderung stellt, in Daniel Masons Roman „Der Klavierstimmer Ihrer Majestät“, der erfolgsverwöhnte Militärarzt und Kommandeur der British Army Anthony Carroll von seinem Vorposten im Dschungel von Birma aus an das Londoner Kriegsministerium. Der exzentrische Musikliebhaber Carroll ist überzeugt, dass sein Spiel auf dem Flügel in der brandgefährlichen Situation der anglo-birmanischen Grabenkämpfe mehr zur Beruhigung der Lage beitragen könnte als fortgesetzte Waffengewalt.

In London ist man zunächst entsetzt über das Ansinnen, erfüllt dem unentbehrlichen Offizier aber letztlich seinen Wunsch. Ein höchst wertvoller Erard-Flügel aus dem Jahr 1840 wird nach Asien verschifft, doch das von Schwüle und Monsunregen beherrschte Klima setzt dem Instrument heftig zu. So stellt Carroll seine nächste, nicht minder überspannte Forderung: Der beste Klavierstimmer Londons möge sich auf den Weg in den Dschungel machen.

Britische Kolonialpolitik

Erst sträubt sich der erwählte Edgar Drake gegen den Auftrag des Ministeriums. Seine Frau Katherine will er ungern allein in England zurücklassen. Doch die Krone lockt den Experten mit nicht weniger als einem Jahresgehalt für den auf drei Monate veranschlagten Einsatz. Entscheidend für seine Einwilligung sind letztlich Edgars Neugier und der Zuspruch seiner Frau, seiner Pflicht als aufrechter Patriot nachzukommen. Also macht sich der Klavierstimmer auf den Weg in den Fernen Osten.

Es ist eine Reise, die den Leser tief in die Irrungen und Fährnisse der britischen Kolonialpolitik des viktorianischen Zeitalters entführt. In Birma herrscht nach der Eingliederung des Landes in die Kronkolonie Britisch-Indien 1886 ein erbitterter Krieg zwischen den Besatzern und einer Vielzahl aufständischer Guerillakämpfer unter der Anleitung einheimischer Warlords. Eine eigenwillige Stellung nimmt der Stabsarzt Carroll ein, der beste Beziehungen zu den Ortsansässigen unterhält und ganz auf Vermittlung zwischen den birmanischen Fürsten und der Besatzungsmacht setzt.

Als Edgar in Carrolls Fort eintrifft, wird er sogleich mit den Konflikten rund um den Aufstand der Shan-Staaten konfrontiert. Die Instandsetzung des Flügels scheint für Carroll längere Zeit zweitrangig zu sein. Der Mediziner sucht die Einheimischen zu heilen, forscht in der Malariabekämpfung und ist immer wieder ohne Erklärung auf längere Zeit fern vom Fort. Nach und nach wird in der Gestalt des uniformierten Arztes ein Mensch erkennbar, der offenbar groß denkt und sich eher zum Friedensstifter als zum geharnischten Militär und gewaltsamen Kolonisator eignet.

Faszination Fremde

Mittlerweile schlagen die Rätselhaftigkeit und die exotische Pracht des Landes, das heute Myanmar heißt, den schlichten Engländer Edgar unweigerlich in Bann. Die Erkundung der Berge und Flüsse, vor allem aber die wundersamen Mythen und Riten der Menschen verändern nachhaltig seine Weltsicht. „Inzwischen glaube ich, dass es doch eine etwas heikle Sache ist, Musik und Kultur hierherzubringen“, schreibt er an seine in London zurückgebliebene Frau. „Es gibt hier bereits Kunst und Musik, birmanische Kunst und birmanische Musik. Das heißt nicht, dass wir nicht unsere eigene Kunst nach Birma tragen sollten, aber vielleicht mit etwas mehr Bescheidenheit.“

Obwohl die Regenzeit dem Instrument, das Edgar Drake reparieren soll, nachhaltig schadet, berichtet er über die Monsunzeit schwärmerisch nach Hause: „Noch nie habe ich Regen wie diesen erlebt. Das Nieseln, das wir in England Regen nennen, ist nichts gegen die Wucht des Monsunregens. Er bricht urplötzlich aus den Wolken hervor, alles rennt und sucht Schutz, die Wege verwandeln sich in Matsch, werden zu Bächen, das Wasser rauscht wie aus Kübeln von den Blättern der windgepeitschten Bäume, nichts bleibt trocken. O Katherine, es ist so seltsam: Ich könnte seitenweise nur über den Regen schreiben, darüber, wie er fällt, über die unterschiedlich großen Tropfen, über ihren Geschmack, ihren Geruch, das Geräusch, das sie machen. Ich könnte seitenweise nur über dieses Geräusch schreiben, auf Strohdächern, auf Blättern, auf Blech, auf Weiden.“

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