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Literatur

Ein lähmender Zwiespalt

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Reinhard Kaiser-Mühlecker führt in seinem zweiten Roman nach Hallstatt.

An positiven Reaktionen mangelte es bei Reinhard Kaiser-Mühleckers Debütroman „Der lange Gang über die Stationen“ (2008) nicht: „unheimlich präzise“ und „sehr anschaulich“ sei die Sprache seiner oberösterreichischen Dorfgeschichte, der junge Autor habe einen „beobachtungsgenauen Blick“, was immer man sich darunter genau vorzustellen hat. Kritische Einwände waren spärlich, und der Autor demonstrierte seinerseits einiges an Selbstvertrauen. Er berief Handke als Kronzeugen; Stifter lernte er erst nach der Niederschrift kennen und war überrascht, dass der „das alles“ auch schon beschrieben habe, Bernhard aber sei ihm zu negativ. Mittlerweile, so der Autor in einem Interview im Februar 2008, sei er stilistisch und thematisch „schon längst ganz woanders“.

Sprachloser Außenseiter

Seinen zweiten Roman „Magdalenaberg“ hat Kaiser-Mühlecker damit wohl nicht gemeint, denn der schreibt das Thema und den Figurentypus des ersten Romans fort. Joseph Wagner ist eine im Leben wortkarge Figur; dass er von seinen Beobachtungen vor allem der Dingwelt rundum wort- und bildreich erzählt, wirkt diesmal aber plausibler. Joseph entstammt zwar demselben sprachlosen Milieu, aber er ist ausgebrochen, wenn auch nicht so radikal, wie er es sich immer gewünscht und vorgestellt hat. Nicht dank der Kreiskyschen Bildungsreform, die erstmals Kleinbauernkinder an die Universitäten brachte, sondern dank der Erbschaft von einem innerfamiliär als dubios geltenden Onkel können Joseph und sein Bruder Wilhelm studieren.

Während der Bruder seine Außenseiterrolle immer schon aktiv annahm, vielleicht auch stilisierte und in seine Malerei flüchtete, litt Joseph darunter, dass ihm eine Annäherung oft nicht gelang. Es ist denn auch der Bruder, der einen radikalen Schlussstrich zieht, während Joseph auf den Heimatort im Almtal bezogen bleibt. Nach Jahren des Reisens ist der Mitdreißiger auch räumlich in die Nähe, nach Hallstatt, zurückgekehrt; seit dem Unfalltod seines Bruders vor nunmehr drei Jahren fühlt er sich endgültig aus der Zeit gefallen und versucht, ihre gemeinsame Jugend zu rekonstruieren.

Ohne Übergänge und mitunter etwas unsanft kippen die verschiedenen Zeitebenen im Erzählfluss ineinander. Joseph denkt viel nach, aber er sieht und spürt wenig, vor allem das Verhalten der Menschen vermag er nicht zu deuten. Selbst sein titelgebender Erinnerungsort bleibt schemenhaft wie auch das eigenwillige Haus in Hallstatt mit geschnitzten Deckenbalken und Kippfenstern. Sehr viel bekommt Joseph von seiner Kindheit nicht zu fassen, einige Momente von Nähe, eine traumatische Szene, die seine Ministrantenkarriere beendet. Verstrickt in die Vergangenheit, scheitert auch seine aktuelle Beziehung mit Katharina an fehlender Offenheit und Empathie.

Für vieles blind

„Ist denn nicht das Schweigen eigentlich besser?“ Diese rhetorische Frage seines Bruders beschäftigt ihn, doch Josephs Lebensproblematik bezeugt eher das Gegenteil, er verfehlt seine Mitmenschen, weil er nicht kommunizieren kann oder will. Während Wilhelm, der Maler, zumindest immer genauer hingesehen hat, bleibt Joseph für vieles blind; er ist selbstbezogen und auch ein wenig wehleidig, ohne Lebensziel und ohne Bindungen sucht er nach einer Verankerung in der Erinnerung und damit in einer Welt, die er immer schon verlassen wollte – ein lähmender Zwiespalt, den Kaiser-Mühlecker überzeugend gestaltet.

Die Sprache wirkt, abgesehen von Fehlern in der Zeitenfolge, mitunter weniger poetisch denn manieristisch oder einfach verrutscht, etwa wenn jemand „in meinem Rücken an mir vorbei“ geht; „keine der Fragen gelangte mir zu Gehör“, heißt es, wenn der Wind, den Joseph wiederholt „gehen“ sieht, ein Gespräch unter radfahrenden Buben verhindert, während er sich in Katharina verliebt, „als die Türzarge sie gerahmt hatte“ und sein Bruder ihm nahe war „wie kein weiterer“. Die Formulierung „Er sprach mit Dürrenmatt und sagte ...“ zeigt vielleicht beispielhaft, wie der hohe Ton des Auftakts mitunter unfreiwillig auf die Nase des sprachlichen Missverständnisses fällt.

Magdalenaberg

Roman von Reinhard Kaiser-Mühlecker

Hoffmann und Campe 2009

191 S., kart., e 20,60

Reinhard Kaiser-Mühlecker führt in seinem zweiten Roman nach Hallstatt.

An positiven Reaktionen mangelte es bei Reinhard Kaiser-Mühleckers Debütroman „Der lange Gang über die Stationen“ (2008) nicht: „unheimlich präzise“ und „sehr anschaulich“ sei die Sprache seiner oberösterreichischen Dorfgeschichte, der junge Autor habe einen „beobachtungsgenauen Blick“, was immer man sich darunter genau vorzustellen hat. Kritische Einwände waren spärlich, und der Autor demonstrierte seinerseits einiges an Selbstvertrauen. Er berief Handke als Kronzeugen; Stifter lernte er erst nach der Niederschrift kennen und war überrascht, dass der „das alles“ auch schon beschrieben habe, Bernhard aber sei ihm zu negativ. Mittlerweile, so der Autor in einem Interview im Februar 2008, sei er stilistisch und thematisch „schon längst ganz woanders“.

Sprachloser Außenseiter

Seinen zweiten Roman „Magdalenaberg“ hat Kaiser-Mühlecker damit wohl nicht gemeint, denn der schreibt das Thema und den Figurentypus des ersten Romans fort. Joseph Wagner ist eine im Leben wortkarge Figur; dass er von seinen Beobachtungen vor allem der Dingwelt rundum wort- und bildreich erzählt, wirkt diesmal aber plausibler. Joseph entstammt zwar demselben sprachlosen Milieu, aber er ist ausgebrochen, wenn auch nicht so radikal, wie er es sich immer gewünscht und vorgestellt hat. Nicht dank der Kreiskyschen Bildungsreform, die erstmals Kleinbauernkinder an die Universitäten brachte, sondern dank der Erbschaft von einem innerfamiliär als dubios geltenden Onkel können Joseph und sein Bruder Wilhelm studieren.

Während der Bruder seine Außenseiterrolle immer schon aktiv annahm, vielleicht auch stilisierte und in seine Malerei flüchtete, litt Joseph darunter, dass ihm eine Annäherung oft nicht gelang. Es ist denn auch der Bruder, der einen radikalen Schlussstrich zieht, während Joseph auf den Heimatort im Almtal bezogen bleibt. Nach Jahren des Reisens ist der Mitdreißiger auch räumlich in die Nähe, nach Hallstatt, zurückgekehrt; seit dem Unfalltod seines Bruders vor nunmehr drei Jahren fühlt er sich endgültig aus der Zeit gefallen und versucht, ihre gemeinsame Jugend zu rekonstruieren.

Ohne Übergänge und mitunter etwas unsanft kippen die verschiedenen Zeitebenen im Erzählfluss ineinander. Joseph denkt viel nach, aber er sieht und spürt wenig, vor allem das Verhalten der Menschen vermag er nicht zu deuten. Selbst sein titelgebender Erinnerungsort bleibt schemenhaft wie auch das eigenwillige Haus in Hallstatt mit geschnitzten Deckenbalken und Kippfenstern. Sehr viel bekommt Joseph von seiner Kindheit nicht zu fassen, einige Momente von Nähe, eine traumatische Szene, die seine Ministrantenkarriere beendet. Verstrickt in die Vergangenheit, scheitert auch seine aktuelle Beziehung mit Katharina an fehlender Offenheit und Empathie.

Für vieles blind

„Ist denn nicht das Schweigen eigentlich besser?“ Diese rhetorische Frage seines Bruders beschäftigt ihn, doch Josephs Lebensproblematik bezeugt eher das Gegenteil, er verfehlt seine Mitmenschen, weil er nicht kommunizieren kann oder will. Während Wilhelm, der Maler, zumindest immer genauer hingesehen hat, bleibt Joseph für vieles blind; er ist selbstbezogen und auch ein wenig wehleidig, ohne Lebensziel und ohne Bindungen sucht er nach einer Verankerung in der Erinnerung und damit in einer Welt, die er immer schon verlassen wollte – ein lähmender Zwiespalt, den Kaiser-Mühlecker überzeugend gestaltet.

Die Sprache wirkt, abgesehen von Fehlern in der Zeitenfolge, mitunter weniger poetisch denn manieristisch oder einfach verrutscht, etwa wenn jemand „in meinem Rücken an mir vorbei“ geht; „keine der Fragen gelangte mir zu Gehör“, heißt es, wenn der Wind, den Joseph wiederholt „gehen“ sieht, ein Gespräch unter radfahrenden Buben verhindert, während er sich in Katharina verliebt, „als die Türzarge sie gerahmt hatte“ und sein Bruder ihm nahe war „wie kein weiterer“. Die Formulierung „Er sprach mit Dürrenmatt und sagte ...“ zeigt vielleicht beispielhaft, wie der hohe Ton des Auftakts mitunter unfreiwillig auf die Nase des sprachlichen Missverständnisses fällt.

Magdalenaberg

Roman von Reinhard Kaiser-Mühlecker

Hoffmann und Campe 2009

191 S., kart., e 20,60