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"Erkennbar bleiben in seiner Qualität“

Acht österreichische Verlage waren kürzlich im Literarischen Colloquium Berlin am Wannsee zu Gast, um auf dem heiß umkämpften deutschen Buchmarkt auf sich und ihre Autoren aufmerksam zu machen.

Ein Onkel zweiten Grades von Carl Zuckmayer hatte einst die Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Villa am Wannsee gemietet, in der sich heute das Literarische Colloquium Berlin befindet. Zuckmayer, der hier seinen "Fröhlichen Weinberg“ geschrieben hatte, nannte sie "einen grässlichen Kasten im Stil einer imitierten Ritterburg“. Er selbst hatte in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, als er Deutschland den Rücken kehren musste, Österreich zu seiner neuen Heimat gemacht.

Dieser Tage war Österreich zu Gast in der Villa mit knarrendem Parkett und breiter Holzstiege, Veranda und einem parkartigen Grünstreifen hinunter zum Wannsee. Acht Verlage präsentierten sich mit ihren Autoren dem Berliner Publikum. An diesem Nachmittag nieselt es über Berlin, nur spärlich kommt Publikum zur Österreich-Präsentation. Die Idee dazu sei vor drei Jahren auf der Leipziger Buchmesse geboren worden, erzählt Thomas Geiger, Programmchef des Literarischen Colloquiums: "Das ist ja eine komische Geschichte mit diesen drei deutschsprachigen Ländern Schweiz, Österreich, Deutschland, dass es so eine Art von Vertriebsgraben zwischen Österreich und Deutschland gibt, und den wollen wir helfen zuzuschütten.“ Dieser Graben liege an den Vertriebsstrukturen, weil die österreichischen Häuser nicht bei den großen Verlagsketten oder Verlagsgruppen dabei seien, was es aufgrund der Konzentration im deutschen Buchhandel schwer mache, dort Gehör zu finden.

Backhendel, Milchrahmstrudel …

Anders als die Schweiz mit ihrer Kulturstiftung "Pro Helvetia“ kann der österreichische Literaturbetrieb auf keine starken Förderungsstrukturen verweisen, weshalb die Organisation dieses Auftritts in Berlin so lange dauerte. Einer der heimischen Verlagsvertreter merkt deshalb auch ein wenig neidisch an, wie anders die Uhren in der Schweiz gingen: Dort gebe es etwa eine Drei-Jahres-Kooperation mit den Bundesbahnen für die Leipziger Buchmesse. Kaum vorstellbar, dass die ÖBB günstige Tickets zur Anreise nach Leipzig auflegen würden.

Alexander Potyka ist Chef des Wiener Picus-Verlags, der 70 Prozent seiner Bücher in Deutschland verkauft. Was man als kleines Unternehmen trotz Fehlens gemeinsamer Strukturen tun kann, um den deutschen Markt zu erobern? "Reden, reden, reden“, sagt Potyka. "Viele Menschen überzeugen, die Herzen gewinnen, so banal das klingt, ein bisschen Glück haben, erkennbar bleiben in seiner Qualität.“

Acht Autoren lesen an diesem Nachmittag am Wannsee aus ihren Werken. Eine ist die aus Südtirol stammende Maxi Obexer, deren Werke im Folio-Verlag, ansässig in Bozen und Wien, erscheinen. Da sie in Berlin arbeitet, ist es fast ein Heimspiel für sie. Aber sie kennt auch Wien und kann den Vergleich mit Österreich ziehen: "Das Thema der Selbstvermarktung stellt sich hier deutlicher als in Wien“, sagt sie, "in Wien, habe ich den Eindruck, wird man sehr getragen, und hier muss man sich zum Teil selbst tragen.“

Während drinnen die Autoren aus ihren Büchern lesen, wird auf der Terrasse ein österreichisches Buffet aufgebaut. Es gibt Backhendel mit steirischem Erdäpfelsalat, Schwammerlgulasch und Semmelknödel, Milchrahmstrudel mit Marillen. Und, wie der aus Tirol stammende Küchenchef Franz Rahneburger hinzufügt, der in Berlin ein Restaurant betreibt: "Streuselkuchen. Bei uns heißt er ein bissel anders, aber in Berlin ist er als Streuselkuchen bekannt - sonst kriegen wir ihn gar nicht los.“

Der Regen hat aufgehört, unterhalb der Villa schlagen die Wellen des Wannsees an die steinerne Brüstung, nebenan bringt die "Spree-Comtesse“ ihre wetterbeständigen Fahrgäste von Bord an Land, und oben kommen in der Pause Berliner Literaturinteressierte und österreichische Verleger ins Gespräch. Einer ist Jochen Jung von Jung und Jung in Salzburg. Der Name ist Programm: Man hat vornehmlich junge Literatur im Programm, aber auch sehr alte Texte, die neu übersetzt werden.

Der größte und älteste österreichische Verlag ist der Zsolnay-Verlag, 1924 gegründet. Der Gründer Paul Zsolnay war kurz mit Alma Mahler-Werfel verheiratet, sein Vater war der bedeutendste Tabakimporteur der Monarchie gewesen. Auch wenn Zsolnay 1996 von Hanser gekauft wurde, müsse der Verlag kämpfen, gibt Firmenchef Herbert Ohrlinger zu: Es gebe zwar den Österreicher-Bonus in Deutschland, doch die Österreicher würden sich nicht schlecht, allerdings auch nicht gut verkaufen, sagt er. Die Bücher müssten eben gut sein.

Eisbrecher gesucht

Darauf setzt auch der Salzburger Residenz-Verlag: Man versuche, für den deutschen Markt einen Eisbrecher zu finden, der die anderen Titel mitziehe, sagt Verlagsleiterin Claudia Romeder. Seitens des Wiener Czernin-Verlags, der 1999 als politischer Verlag gegründet wurde, gibt Verlagsleiter Benedikt Föger zu, dass man auf dem deutschen Markt spüre, dass dieser zehnmal größer als der österreichische ist: "Traditionell wie alle österreichischen Verlage haben wir schon eine Vertriebsschranke in Richtung Deutschland“, sagt er. "Es ist schwierig eine Präsenz im Buchhandel zu erreichen, aber es gelingt uns mittlerweile ganz gut.“

Für den in Innsbruck ansässigen Literaturverlag Haymon, der auch Österreichs einzige Taschenbuchreihe herausgibt, ist Österreich der Hauptmarkt, doch auch die Schweiz hat Bedeutung für ihn. Auf dem deutschen Markt möchte man schon deshalb mehr Fuß fassen, weil zunehmend Autoren von da kommen, sagt Vertriebsleiterin Saskia Ventzki.

Thomas Stangl, Autor des 34 Jahre alten Droschl-Verlags in Graz, der zeitgenössische Literatur herausgibt, liest gegen Ende der Veranstaltung im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee. Stangl erzählt, dass er bei dem Verlag so untergekommen sei, wie man es nach seiner Meinung am wenigsten erwartet hätte: Er hat ein Manuskript eingeschickt, und es wurde gelesen. Das sollte man heute nicht mehr von vornherein erwarten - weder in Deutschland noch in Österreich.

www.lcb.de

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