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Es darf geliebt werden

Beinahe klassisch gibt sich der Liebesroman

Vielleicht verliebt man sich immer wieder, um sich sein Leben immer noch einmal von vorn und neu zu erzählen." Wenn ein Buch "Die große Liebe" heißt, dann hat sein Autor Mut. Mut gehört auch dazu, eine Geschichte zu erzählen, deren Pointe darin besteht, dass das Buch, das der Ich-Erzähler schreiben will, eben jenes ist, das der Leser in Händen hält: Das ist nun wirklich keine neue Idee.

Völlig unbekümmert

Wahrscheinlich macht aber gerade Hanns-Josef Ortheils Unbekümmertheit den Reiz dieses Buches aus. Er erzählt etwas Uraltes, als wär's eine völlig neue Geschichte: Liebe, Strand, Meer, Italianità - was soll's: Für den, den's trifft, ist es das erste Mal. Und so lässt sich auch der Held nur selten von Klischees aus dem Konzept bringen: Wo "die große Liebe" ausbricht, spielen solche Bedenken keine Rolle mehr.

Es passiert in diesem Roman nicht viel: Ein Dokumentarfilmer aus München kommt nach San Benedetto in den italienischen Marken, um dort für Dreharbeiten zu recherchieren. Ein Film über das Meer soll es werden, also besucht er das berühmte meeresbiologische Institut des Hafenortes. Da ereilt ihn das Schicksal in der Gestalt der Direktorin, die ihn nicht allein durch ihre Erscheinung überwältigt, sondern auch durch den Enthusiasmus, mit dem sie ihm die Schönheit der Meereslebewesen nahe bringt.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist vor allem deshalb ungewöhnlich, weil sich, anders als im klassischen Hollywood-Film, keinerlei Hindernisse auftürmen, jedenfalls nicht zwischen den füreinander Bestimmten. Die finden bald zueinander, obwohl der Erzähler, bis dahin ein routinierter Sex-Konsument, bei seiner Annäherung äußerst behutsam, ja schüchtern vorgeht.

Störend wirkt eigentlich nur der Umstand, dass Franca, wie die kluge Dottoressa heißt, verlobt ist und der Verlobte die Einheimischen auf seiner Seite hat. Doch der Erzähler glaubt an die "große Liebe", allen Warnungen zum Trotz und wider die eigene Erfahrung. Er gibt sich der "reinen Freude" hin, die er in ihrer Gegenwart verspürt, er feiert die Liebe als "reine Verausgabung und schönste Verschwendung".

Glaubt an die große Liebe

Hanns-Joseph Ortheil hat einen Liebesroman geschrieben, in dem es nicht um die Flüchtigkeit der Empfindung, die Gefährlichkeit der Passion und das Zermahlen des großen Gefühls in den Tretmühlen des Alltags geht, sondern um das Glück der Liebe. Allein das ist originell. Was der Geschichte an Handlung mangelt, macht Ortheil durch den Rhythmus und die Methode des Erzählens mehr als wett: Er lässt den Gedanken des Erzählers dieselbe poetische Genauigkeit angedeihen wie seinen Unternehmungen, wie den Gesprächen des Paares, dem Liebesspiel, dem Meer, dem Hinterland, dem städtischen Treiben, der Speisekarte. "Sie aß und trank gern, mit Frauen, die nicht gerne aßen und tranken, dachte ich, hast du noch nie etwas anfangen können." Sogar die Dramaturgie der Begegnung mit dem Rivalen wird von einem fulminanten Menü bestimmt, zwischen Nudeln und Kutteln, zwischen "tagliatelle con porcini" und "trippa in bianco", meldet der Erzähler seinen Anspruch auf die Verlobte des Anderen an.

Ortheils Buch hat etwas Schwärmendes, Schwelgendes, es ist nicht naiv, aber ganz und gar unschuldig. Der Blick des Liebenden auf die Welt ist ein anderer, ein entflammter. Der Protagonist (und mit ihm natürlich der Autor) hat einen "Roman ganz aus Bildern" im Sinn, einen atemlosen Duktus, "einen hellen, begeisterten' Grundton".

Roman ganz aus Bildern

Dennoch lassen sich die Misstöne erahnen, die dem Liebespaar irgendwann beschieden sein könnten. Schließlich steht ihm die Bewährungsprobe des Zusammenlebens noch bevor. Die Dottoressa hat eine fatale Neigung, Wünsche zu äußern, Regeln aufzustellen, das gemeinsame Leben, vom Aussuchen des Weißweins bis zur Planung der Wiedervereinigung, energisch in die Hand zu nehmen.

Überhaupt wirkt das Zelebrieren dieser Liebe mitunter ein wenig pedantisch und kalkuliert, allzu ängstlich an einem Phantasma gemessen - dem Ideal der "großen Liebe". Dem Rivalen gegenüber, der moniert, die "große Liebe" gebe es nur in Romanen, zeigt der Erzähler sich siegessicher: "Wir befinden uns aber in einem Roman, sagte ich, Franca und ich - wir schreiben gleichsam an einem Roman, es ist ein beinahe klassischer Liebesroman, [...] zwei Menschen erkennen, daß sie füreinander geschaffen sind, das ist es, und es ist so gewaltig, daß es alles andere zum Schweigen bringt."

Auch die Kritikerin, die geneigt ist, das für fast so überzeugend zu halten wie die "trippa in bianco".

Die grosse Liebe

Roman von Hanns-Josef Ortheil

Luchterhand Literaturverlag

München 2003

317 Seiten, geb., Euro 23,20

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