Semier Insayif - © Foto: Leo Fellinger

Semier Insayif: Was ein Gedicht ist

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Leicht hat es die zeit­genössische Lyrik nicht, inmitten von Katastrophen­alarm und Krawall. DIE FURCHE schenkt ihr Gehör und beginnt eine neue Serie: „ganz dicht“.

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Leicht hat es die zeit­genössische Lyrik nicht, inmitten von Katastrophen­alarm und Krawall. DIE FURCHE schenkt ihr Gehör und beginnt eine neue Serie: „ganz dicht“.

„Niemand weiß, was ein Gedicht ist“, so lautet Peter von Matts erster Satz in seinem Buch „Die verdächtige Pracht“. Was ist ein Gedicht? Warum scheint es so prächtig? Und weshalb ist es mit ständigem Argwohn belastet und stets unter Verdacht? Woraus besteht ein Gedicht? Und wie kommt es zur Welt, also aufs Papier?

Welche Übersetzungsarbeit muss geleistet werden, um ein Gedicht zu schreiben? Wie geartet müssen Materialien, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Emotionen, Inspirationen sein und auf welche inneren Strukturen, Zustände, Verfasstheiten und Verknüpfungen müssen sie in einem Menschen treffen, dass er oder sie Gedichte schreibt oder sie macht oder sie in ihn eingeschrieben werden?

„Niemand weiß, was ein Gedicht ist“, so lautet Peter von Matts erster Satz in seinem Buch „Die verdächtige Pracht“. Was ist ein Gedicht? Warum scheint es so prächtig? Und weshalb ist es mit ständigem Argwohn belastet und stets unter Verdacht? Woraus besteht ein Gedicht? Und wie kommt es zur Welt, also aufs Papier?

Welche Übersetzungsarbeit muss geleistet werden, um ein Gedicht zu schreiben? Wie geartet müssen Materialien, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Emotionen, Inspirationen sein und auf welche inneren Strukturen, Zustände, Verfasstheiten und Verknüpfungen müssen sie in einem Menschen treffen, dass er oder sie Gedichte schreibt oder sie macht oder sie in ihn eingeschrieben werden?

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aus dem außen ausnehmend hineinnehmen – aus dem innen innerlich herausgeben – mit durch und von allen sinnen hineintransformieren – ins innerste hineinerinnern – aufs äußerste herausveräußern ohne zu wissen wann und wo es begonnen hat – geschweige denn je enden wird durch meinen kopf hindurch – aus meinen gehörgängen heraus – in meine gehörgänge hinein – durch meinen kopf hindurch – aus meinem mund heraus – in meinen mund hinein – durch meinen kopf hindurch – aus dem hirn heraus – von der zunge auf die hand gelegt – übers gehör zurück ins hirn gedrückt – und vom hirn ins herz – und vom herz auf die nackte haut – und von der haut über alle zellmembranen ins mitochondrienkraftwerk der poesie – und wieder retour – und irgendwann dann von der hand zum stift aufs papier?

Keine eindeutigen oder allgemeingültigen Aussagen scheinen möglich oder auch sinnvoll. Kann man also über das Schreiben von Gedichten „angemessen“ sprechen? Vielleicht immer nur, wenn man poetisch über Poesie spricht? Oder gerade eben nicht? Allen Widerständen, Gefahren und innerem Zweifel zum Trotz will ich es hier an dieser Stelle versuchen. Wieder und wieder und immer wieder. In der Furche eine Furche, eine Mulde zu graben. Spuren zu hinterlassen und den Spuren auf der Spur zu sein. Vielleicht gelingt das, indem einzelne Gedichtbände genauer betrachtet, sie ins Gespräch gebracht werden, sodass sie wahrgenommen, gelesen und diskutiert werden können.

2022 habe ich die redaktionelle Arbeit und Moderation der Veranstaltungsreihe Dicht-Fest in der Alten Schmiede in Wien von Christine Huber übernommen, die dieses wunderbare Format viele Jahre lang auf so produktive und poetische Weise geprägt hat. DIE FURCHE hat mich eingeladen, diese Reihe mit der Vorstellung der dort präsentierten Bücher jeweils drei Wochen vorab zu begleiten. Ab nächster Woche werden Sie unter der Rubrik „ganz dicht“ kurze Hinweise auf jene Bände finden, die am 14. Februar Thema des Dicht-Festes sein werden. Mit zwei besonderen Gedichtbänden, die im Rahmen dieser Veranstaltung im vergangenen Jahr vorgestellt wurden, möchte ich diese Serie heute beginnen.

Mensch und Natur

Zum Beispiel der Gedichtband „Hecken sitzen“ (Limbus) von Maria Seisenbacher. Wer sich fragt, was es mit dem Begriff „Hecken“ auf sich hat, der wird gleich am Beginn des Gedichtbandes fündig. Dort heißt es: „Heckensitzerinnen wurden alte Frauen genannt, welche die Macht besaßen, Verbindung mit der Anderswelt herzustellen.“ Diese Gedichte ertasten und erforschen innere Verbindungslinien von Mensch und Natur. Auch um zu fragen, was denn Natur eigentlich sei. Was die Natur des Menschen? Und wie geartet ihre Beziehung zueinander? Und sie tun das mit poetischen Mitteln, die dem Dunklen, der Nacht als Symbol des Magischen, als Übergang von Licht und Nichtlicht nachspüren. Bis hin zur mahnenden Angst vor einer endgültigen Zerstörung einer Welt, der man sich nie sicher sein kann, auch wenn sie grundsätzlich eine Beheimatung als Möglichkeit in Aussicht stellt.

„alles drängt zur Landschaft –“ heißt es da zum Beispiel in einem Gedicht. Alles drängt in diesem Gedichtband zu den Grenzen und zu Grenzerfahrungen, zu den Zwischenbereichen eines Seins und von Existenz an sich. Dorthin, wo man nicht sieht, sondern fühlt. Als wären Buchstaben die Rillen der Haut, als wären Worte Fingerkuppen, die langsam das Dunkel berührten. Als wären Gedichte Hände oder Fühler, mit denen man Geheimnisse zu untersuchen weiß. Es sind oft sehr kurze Gedichte. Alle ohne Titel. Jeweils auf einer Seite. Ganz für sich allein. So treffen sie ohne Vorbereitung auf die Augen der Leser und Leserinnen.

Es sind Gedichte, die in ihrer Kürze und Stille große Weite erzeugen und mit ungewöhnlichen oder leicht verschobenen Blicken, das Innen und das Außen ineinander übergehen lassen und verweben. In der Mitte des Gedichtbandes sind zehn rechteckige Holzschnitte von Isabelle Peterhans zu sehen, die mit der Licht- und Schattenhaftigkeit der Gedichte korrespondieren. Gedichte zwischen Natur und Körper. Gedichte als Natur und Körper. So heißt es: „es gibt Tage / die nahtlos übergehen in Haut“, Gedichte, die nahtlos ins Innere von Lesern und Leserinnen gelangen, die gewillt sind, sich verzaubern zu lassen.

Als wären Buchstaben die Rillen der Haut, als wären Worte Fingerkuppen, die langsam das Dunkel berührten.

Im nächsten Gedichtband gilt es Fäden aufzugreifen und einzufädeln. Timo Brandt lotet in „Nicht noch mal Legenden“ (edition keiper) aus, was Sprache sein könnte und was ein Gedicht. Und dies vollzieht er mit präziser Ungezügeltheit, mit einem unvorhersehbaren Wechsel von Leichtigkeit und Schwere und entgegen jeder poetischen Legendenbildung. In drei Kapiteln mit 58 Gedichten und einem Zyklus wird immer wieder Sprache mit Sprache reflektiert. Oder sollte ich schreiben: Sprache in Sprache? Nicht dass es Antworten gäbe oder sie leichtfertig angeboten würden, doch die Suche danach mit sprachlichen Mitteln ist allgegenwärtig. Da heißt es zum Beispiel: „Die Gedichte sind nicht wahr, / doch alles andere ist gelogen.“ Was für zwei Verszeilen, die ein Erkenntnispotenzial ungeahnten Ausmaßes in sich tragen. Allein dafür schon ist dieser Gedichtband ein Geschenk.

Dichtung als Aufzug

Alltagssprache und poetisch reflexive Sprache oder eine, die erkenntnistheoretischen Gestus signalisiert, wechseln sich ab oder vermischen oder durchdringen sich gegenseitig. Das führt zu Überraschungen und produktiv ungewöhnlichen Bildern, die auch die Poesie selbst und Gedichte an sich betreffen. „Gesteht mir zu: Ich sage, dass die Dichtung / ein von Gewichten betriebener Aufzug ist.“

Es gibt Gedichte mit Titel und ohne Titel, kürzere und längere und selbst Groß- und Kleinschreibung wird nicht durchgehend verwendet. So findet sich ein Gedicht, das ausschließlich in Kleinschreibung abgedruckt ist. Die Freiheit der Variabilität scheint mit Sprachlust, Untersuchungsgeist und Witz gepaart. So gilt es also die Einladung anzunehmen, die Flexibilität des eigenen Geistes zu aktivieren und die sprachlichen Fäden aufzugreifen und einzufädeln, denn, wie an einer Stelle zu lesen ist: „ungestört gibt es nichts zu verstehen.“

Der Autor lebt als freier Schriftsteller in Wien. Zuletzt erschien: „ungestillte blicke“ (Klever 2022).

Hecken sitzen - © Limbus
© Limbus
Literatur

Hecken sitzen

Gedichte
von Maria Seisenbacher
Limbus 2021
96 S., geb., € 15,–

Nicht noch mal Legenden - © keiper
© keiper
Literatur

Nicht noch mal Legenden

Gedichte
von Timo Brandt
keiper 2020
80 S., kart., € 16,50

Veranstaltung

Dicht-Fest

14. Februar, 19 Uhr
Alte Schmiede, Wien
alte-schmiede.at

Fakt

ganz dicht

Der Lyriker Semier Insayif wird in der FURCHE in der neuen Serie „ganz dicht“ jeweils drei Wochen vor einem Dicht-Fest in der Alten Schmiede (2023: 14.2., 15.6., 12.10., 05.12.) zeitgenössische Lyrik vorstellen.

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