Literatur

Optimistischer Wutanfall

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Er war bereits 87, als er „Cʼétait mieux avant“ schrieb, das heuer, kurz vor seinem Tod am 1. Juni, allerdings mit einem Fragezeichen versehen, auf Deutsch erschienen ist: „Was genau war früher besser?“ (Suhrkamp 2019) Darin lässt der französische Philosoph Michel Serres einen, wie es der Untertitel verrät, „optimistischen Wutanfall“ vom Stapel, der sich lesen lässt.

Dieser richtet sich gegen bestimmte Greise. Sie, so setzt Serres ein, verklären ihre Jugend. „Andererseits nörgeln sie.“ Vor allem die Franzosen. „Greise plus Nörgler, zwei nichtexklusive Populationen. Ihre Summe oder Mischung verwandelt unser Frankreich in einen Tummelplatz von Meckergreisen.“ Und „Däumelinchen“, jener Arbeitslosen oder Praktikantin, die die Rente der Nörgler bezahlt, erzählen sie dann: Früher war alles besser.

Serres erntete für seinen okzidentalen Akzent bei der mündlichen Prüfung auf der französischen Marineschule einst Gelächter. Bei der Zulassungsprüfung für das Lehramt an höheren Schulen setzte ihm der Präsident der Prüfungskommission, „ein namhafter Philosoph“, die Note herunter, weil er meinte, Serres wäre nicht „im gesamten Einzugsgebiet“ einsetzbar. „Ich bezweifle nicht, daß er recht hatte, denn wir verstanden einander tatsächlich nicht.“ Serres, Jahrgang 1930, ist selbst ein Greis, war dabei, bei diesem Früher. „Ich kann ein Expertenurteil abgeben. Hier ist es.“

„Früher wurden wir von Mussolini und Franco regiert, von Hitler, Lenin und Stalin, Mao, Pol Pot, Ceauşescu“. „Früher, da zogen unsere Vorfahren in den Krieg von 1870 und unsere noch jungen Väter in den von 1914, in dem fast alle unsere Bauern fielen.“ „Früher, als wir noch keine Antibiotika kannten, starb man an Tuberkulose oder Syphilis“. „Früher machten wir zweimal im Jahr die Wäsche“. „Früher starben die Frauen am Kindbettfieber“. Frauen hatten nicht dieselben Rechte wie Männer und Juden durfte man „unbehelligt karikieren und massiv beleidigen“. Was genau also war früher besser?

Mit stilsicherem Furor schreibt Michel Serres auf wenigen, aber dichten Seiten gegen dieses Früher an, ohne einer blinden Fortschrittsgläubigkeit zu huldigen. Er weiß: Was früher einmal war, muss nicht für immer vorbei sein. Und so ist Serresʼ Wortfeuer gegen die Meckerei der Alten doch auch eine klare Warnung an die Gegenwart, ein Gespräch mit der Enkelgeneration. Wenn er etwa Feindbilder thematisiert und pointiert erinnert, dass es früher kaum eine soziale Gruppe gab, „die kein Komplott gegen uns schmiedete“, merkt er an, dass soziale Netzwerke heute dieses dumme und gefährliche Spiel weiterspielen. „Zutiefst vom Haß gegen andere erfüllt, steuerten gesellschaftlicher Dialog und politische Auseinandersetzung ohne große Widerstände auf die oben erwähnten Verbrechen zu. Übergang von den Worten zu den Taten.“

Er war bereits 87, als er „Cʼétait mieux avant“ schrieb, das heuer, kurz vor seinem Tod am 1. Juni, allerdings mit einem Fragezeichen versehen, auf Deutsch erschienen ist: „Was genau war früher besser?“ (Suhrkamp 2019) Darin lässt der französische Philosoph Michel Serres einen, wie es der Untertitel verrät, „optimistischen Wutanfall“ vom Stapel, der sich lesen lässt.

Dieser richtet sich gegen bestimmte Greise. Sie, so setzt Serres ein, verklären ihre Jugend. „Andererseits nörgeln sie.“ Vor allem die Franzosen. „Greise plus Nörgler, zwei nichtexklusive Populationen. Ihre Summe oder Mischung verwandelt unser Frankreich in einen Tummelplatz von Meckergreisen.“ Und „Däumelinchen“, jener Arbeitslosen oder Praktikantin, die die Rente der Nörgler bezahlt, erzählen sie dann: Früher war alles besser.

Serres erntete für seinen okzidentalen Akzent bei der mündlichen Prüfung auf der französischen Marineschule einst Gelächter. Bei der Zulassungsprüfung für das Lehramt an höheren Schulen setzte ihm der Präsident der Prüfungskommission, „ein namhafter Philosoph“, die Note herunter, weil er meinte, Serres wäre nicht „im gesamten Einzugsgebiet“ einsetzbar. „Ich bezweifle nicht, daß er recht hatte, denn wir verstanden einander tatsächlich nicht.“ Serres, Jahrgang 1930, ist selbst ein Greis, war dabei, bei diesem Früher. „Ich kann ein Expertenurteil abgeben. Hier ist es.“

„Früher wurden wir von Mussolini und Franco regiert, von Hitler, Lenin und Stalin, Mao, Pol Pot, Ceauşescu“. „Früher, da zogen unsere Vorfahren in den Krieg von 1870 und unsere noch jungen Väter in den von 1914, in dem fast alle unsere Bauern fielen.“ „Früher, als wir noch keine Antibiotika kannten, starb man an Tuberkulose oder Syphilis“. „Früher machten wir zweimal im Jahr die Wäsche“. „Früher starben die Frauen am Kindbettfieber“. Frauen hatten nicht dieselben Rechte wie Männer und Juden durfte man „unbehelligt karikieren und massiv beleidigen“. Was genau also war früher besser?

Mit stilsicherem Furor schreibt Michel Serres auf wenigen, aber dichten Seiten gegen dieses Früher an, ohne einer blinden Fortschrittsgläubigkeit zu huldigen. Er weiß: Was früher einmal war, muss nicht für immer vorbei sein. Und so ist Serresʼ Wortfeuer gegen die Meckerei der Alten doch auch eine klare Warnung an die Gegenwart, ein Gespräch mit der Enkelgeneration. Wenn er etwa Feindbilder thematisiert und pointiert erinnert, dass es früher kaum eine soziale Gruppe gab, „die kein Komplott gegen uns schmiedete“, merkt er an, dass soziale Netzwerke heute dieses dumme und gefährliche Spiel weiterspielen. „Zutiefst vom Haß gegen andere erfüllt, steuerten gesellschaftlicher Dialog und politische Auseinandersetzung ohne große Widerstände auf die oben erwähnten Verbrechen zu. Übergang von den Worten zu den Taten.“