Norbert Gstrein - © Foto: Neumayr / picturedesk.com
Literatur

Zwischen Weite und Unendlichkeit

1945 1960 1980 2000 2020

Norbert Gstrein entfaltet in seinem neuen Roman „Als ich jung war“ ein Tableau emotionaler Verstrickungen.

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Norbert Gstrein entfaltet in seinem neuen Roman „Als ich jung war“ ein Tableau emotionaler Verstrickungen.

Hochzeitspaare an einer Lichtung vor der gähnenden Tiefe. Sie lässt einen Fluss und eine „Autobahn weit unten im Tal“ erkennen. Als Hintergrund nur der Blick in die Unendlichkeit. Eigentlich ein schönes Motiv für die Symbolkraft der Ehe, wenn die frisch Vermählten dazu nicht an den Abgrund des Schlossbergs herantreten müssten. Der Fotograf hat sich das Sujet genau überlegt. Es wird zu seinem Markenzeichen, zum Nervenkitzel für die Paare und irgendwann zum Verhängnis für den jungen Mann, der wohl schon unzählige Paare hierher geführt und mit seiner Leica am schönsten Tag ihres Lebens des Panoramas wegen an dieser Stelle abgelichtet hat.

Der aus Tirol gebürtige und nun in Hamburg lebende Schriftsteller Norbert Gstrein­ weiß, wie man Spannungsmomente platziert und einem Plot Tragfähigkeit einschreiben kann. Was er schon mehrfach bewiesen hat, gilt auch für seinen soeben erschienenen Roman „Als ich jung war“, der es im August bereits auf den ersten Platz der ORF-Bestenliste geschafft hat. Dass seine jüngste Prosa zum Teil auch autobiografische Spuren erkennen und Reminiszenzen an sein Debüt „Einer“ aufblitzen lässt, vor allem was das Verhältnis der Hauptfigur zur Tiroler Dorfwelt betrifft, zeigt sich bereits in der Handlungsexposition. Gstrein ist Sohn eines Tiroler Hoteliers, der auch eine Skischule geleitet hat. Nicht nur Ersteres verbindet ihn mit seinem Protagonisten Franz. In einer Rede zum Thema „Kindheit“ hat er jüngst erklärt, dass er „auf der Suche nach seiner Kindheit“ einen emigrierten Freund seines Vaters, einen ehemaligen Skischulbesitzer, in Jackson, Wyoming, besucht hat. Auf der Fahrt „in der Prärie“ sei ihm „die Zeit abhandengekommen“, er habe festgestellt, „wie durchlässig [sie] wurde, weil in der Weite der Landschaft alles nur mehr Raum war“. In seinem neuen Roman wird Wyoming zu einem der zentralen Schauplätze. Landschafts- und Zeitwahrnehmungen spielen – gekoppelt mit dem Festhalten der Unendlichkeit durch die Kamera auf der Suche nach „Existenzbeweisen“ – auch in Wyoming eine Rolle und verknüpfen sich über diese Ebene mit dem Erzählstrang in Tirol. Spuren von Tieren etwa führen zum Verschwinden „in einem Loch in Raum und Zeit“. Die Weite steht dabei auch im Kontrast zur Enge der dörflichen Tiroler Heimat und generiert potenziellen Erkenntnisgewinn.

Hochzeitspaare an einer Lichtung vor der gähnenden Tiefe. Sie lässt einen Fluss und eine „Autobahn weit unten im Tal“ erkennen. Als Hintergrund nur der Blick in die Unendlichkeit. Eigentlich ein schönes Motiv für die Symbolkraft der Ehe, wenn die frisch Vermählten dazu nicht an den Abgrund des Schlossbergs herantreten müssten. Der Fotograf hat sich das Sujet genau überlegt. Es wird zu seinem Markenzeichen, zum Nervenkitzel für die Paare und irgendwann zum Verhängnis für den jungen Mann, der wohl schon unzählige Paare hierher geführt und mit seiner Leica am schönsten Tag ihres Lebens des Panoramas wegen an dieser Stelle abgelichtet hat.

Der aus Tirol gebürtige und nun in Hamburg lebende Schriftsteller Norbert Gstrein­ weiß, wie man Spannungsmomente platziert und einem Plot Tragfähigkeit einschreiben kann. Was er schon mehrfach bewiesen hat, gilt auch für seinen soeben erschienenen Roman „Als ich jung war“, der es im August bereits auf den ersten Platz der ORF-Bestenliste geschafft hat. Dass seine jüngste Prosa zum Teil auch autobiografische Spuren erkennen und Reminiszenzen an sein Debüt „Einer“ aufblitzen lässt, vor allem was das Verhältnis der Hauptfigur zur Tiroler Dorfwelt betrifft, zeigt sich bereits in der Handlungsexposition. Gstrein ist Sohn eines Tiroler Hoteliers, der auch eine Skischule geleitet hat. Nicht nur Ersteres verbindet ihn mit seinem Protagonisten Franz. In einer Rede zum Thema „Kindheit“ hat er jüngst erklärt, dass er „auf der Suche nach seiner Kindheit“ einen emigrierten Freund seines Vaters, einen ehemaligen Skischulbesitzer, in Jackson, Wyoming, besucht hat. Auf der Fahrt „in der Prärie“ sei ihm „die Zeit abhandengekommen“, er habe festgestellt, „wie durchlässig [sie] wurde, weil in der Weite der Landschaft alles nur mehr Raum war“. In seinem neuen Roman wird Wyoming zu einem der zentralen Schauplätze. Landschafts- und Zeitwahrnehmungen spielen – gekoppelt mit dem Festhalten der Unendlichkeit durch die Kamera auf der Suche nach „Existenzbeweisen“ – auch in Wyoming eine Rolle und verknüpfen sich über diese Ebene mit dem Erzählstrang in Tirol. Spuren von Tieren etwa führen zum Verschwinden „in einem Loch in Raum und Zeit“. Die Weite steht dabei auch im Kontrast zur Enge der dörflichen Tiroler Heimat und generiert potenziellen Erkenntnisgewinn.

Während Norbert Gstrein die Frage nach Schuld und Verstrickung immerzu virtuos in Schwebe hält, entblößt er Schweigen und Scham.

Die Romanhandlung hat Gstrein zweisträngig und durchaus komplex angelegt. Auch wenn scheinbar Linearität vorhanden ist, so wird diese immer wieder von zarten Rinnsalen in die Vergangenheit unterbrochen, die permanent unbekannte Puzzleteile auf das Leben des Protagonisten freigeben und es wieder völlig neu belichten. Gstrein entspinnt die Geschichte um Franz, den der Vater dazu nötigt, neben der Schule als Hochzeitsfotograf im elterlichen Betrieb mitzuwirken. Eines Tages stürzt eine Braut in der Hochzeitsnacht aus ungeklärten Gründen vom Schlossberg und wird am nächsten Morgen tot aufgefunden. Der ermittelnde Kommissar geht unterschiedlichen Spuren nach. Eine führt auch zu Franz und seinen „Unendlichkeitsbildern“.

Franz braucht Abstand und geht als Skilehrer in die USA nach Wyoming. Wie es der Zufall will, wird er hier über Jahre hinweg zum persönlichen Skilehrer und schließlich Vertrauten für einen tschechischen Professor, der nach heftigen Vorwürfen plötzlich auf grausame Weise Selbstmord begeht. So ein dramatischer Auftakt kann vieles vorwegnehmen, das Gegenteil jedoch ist der Fall. Hier entblättert sich das Geschehen fortan in zwei Linien mittels einzelner, sich langsam lösender Schichten.
Zwei Tote infolge zweier „tragischer Ereignisse“, „die eigentlich unverbunden“, jedoch trotzdem verknüpft sind durch Franz, weil er „in nächster Nähe“ war, als sie sich zugetragen haben. Der Professor ist es auch, der davon überzeugt ist, „dass jeder Mensch wenigstens eine Geschichte in seinem Leben habe, von der er nicht wolle, dass jemand anderer sie zu hören bekomme“. Diese Erkenntnis wird zur unsäglichen und zugleich fluoreszierenden Leuchtspur des Textes. Denn Geheimnisse liegen überall, Schleier der Heimlichkeit lüften sich nur selten. Zudecken, Verschweigen, Nicht-Wahrhaben-Wollen, sexueller Missbrauch, Stalking – das sind Register, mit denen die Figuren vertraut sind. Franz kehrt in seine Tiroler Heimat zurück, sein Bruder Viktor nimmt ihn bei sich im Hotel auf, Altes kommt hoch, aber eigentlich ist es nie zur Ruhe gekommen.
Zwischen all das schiebt sich leitmotivisch die Einsamkeit des Protagonisten und seine Sehnsucht nach der Weite und dem Sich-Verlieren, „nach dem Nichts und nach der Leere“, die bereits in seinen Unendlichkeitsbildern ihren Anfang genommen hat. „Eine paradoxe Sehnsucht, dass sich ausgerechnet in der Leere etwas zeigen würde, das in der Welt fehlte ... Das Unsichtbare war auch auf den Negativen und Abzügen unsichtbar“. Während Gstrein die Frage nach Schuld und Verstrickung immerzu virtuos in Schwebe hält, entblößt er Schweigen und Scham. In diesem gro­ßen, souverän komponierten Roman erweist sich Gstrein einmal mehr als begnadeter Erzähler.

Als ich jung war - © Hanser
© Hanser
Literatur

Als ich jung war

Roman von Norbert Gstrein
Hanser 2019
352 Seiten, geb, € 23,70