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Blutrausch der IRA-Terroristen

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Die Dynamitladung explodierte, als die Heilsarmee ihre Weihnachtschoräle spielte und Tausende im Großkaufhaus Harrods ei-.ne Woche vor dem Heiligen Abend ihre Geschenke besorgten. London trauerte um fünf Opfer eines bestialischen Anschlages mitten in der Stoßzeit vor den Feiertagen.

Die Täter und die Drahtzieher in der IRA (Irisch Republikanische Armee) — gemeiniglich nur noch Nordirlands „Mörder AG" genannt — beglückwünschen sich zu einem besonderen Coup. Denn nach der Terroristenlogik wiegt ein Anschlag im Herzen Londons deren 50 in der täglich von blutigen Akten erschütterten Provinz auf.

Die Wertskala von Verbrechen mißt das Aufsehen in der Welt und die Aufrüttelung der Weltmeinung. Von den „Friedenskämpfern" wird der Grad dieser globalen Anteilnahme mit Unterstützung für das eigene Anliegen gleichgesetzt, das da heißt: Die Briten aus Ulster zu vertreiben.

Mag sein, daß sich die eiskalt kalkulierenden Führer der IRA verschätzt haben. Der Aufschrei der Entrüstung über den Mord an Unschuldigen und die vielen Verletzten erhebt sich nicht nur in der britischen Hauptstadt.

Seit die Terroristen im November in die Pfingstler-Kirche von Darkly, Südarmagh, eingedrungen sind und das Feuer auf die Betenden eröffnet haben, ist die Öffentlichkeit weniger denn je geneigt, an die Befreiungsmission mit Gewehr und Bombe zu glauben, eher an eine Art von Blutrausch der Terroristen, der keine Grenze mehr auszunehmen vermag.

Unter dem Eindruck des sinnlosen Mordes bei Harrods sind London und Dublin näher zusammengerückt. Nachhaltiger als White-hall drängt der irische Ministerpräsident Gerrat Fitzgerald auf eine Aufhebung, ein Verbot von Sinn Fein. Diese durchaus legale Partei ist selbst ein Produkt der unruhigen Provinz, wie es anderswo schwer vorzustellen wäre. Sie nennt sich „politischer Flügel der IRA", ist also nichts anderes als die Frontorganisation der Terroristengruppe, darauf gerichtet, politischen Anhang zu verschaffen.

Und das ist Sinn Fein bisher gelungen. Sowohl bei der Wahl zur nordirischen Versammlung im Jahre 1982, wie bei den Parla-rrientswahlen im vergangenen Juni hat die Partei der Gemäßigten SDLP (Sozialdemokratische Arbeiterpartei), die sich ebenfalls auf Katholiken stützt, Stimmen abgejagt. Geht dieser Trend weiter, dann verspricht Sinn Fein sehr bald die stärkste republikanische Organisation zu sein.

Fast die Hälfte der katholischen Wähler gaben Sinn Fein ihre Stimme, trotz der Tatsache — oder gerade wegen ihr —, daß sie für Gewalt eintritt. Der neue Führer Gerry Adams ist selbst ein Mitglied der IRA, obwohl er dies stets bestreitet und für Terroranschläge verantwortlich.

Adams gilt als der Schöpfer der Doppelstrategie: Hier Gewalt und dort Ausweitung des Einflusses auf dem Wege der Demokratie. Sinn Fein stellt sich Wahlen, und letzten Endes hat Nordirlandminister Prior seine irische Versammlung geschaffen, um den Ableger der IRA mit Stimmrecht zu versehen.

Fitzgerald freilich erachtet diese Entwicklung auf das radikale Extrem als zu sehr gefährlich, nicht nur für die Provinz, sondern auch für die Irische Republik.

Der irische Premier weiß, daß der Terror den Status quo nicht ändert, ihn vielmehr verewigt.

Nachdem nun auch IRA-Opfer im Süden zu beklagen sind, macht auch dort die öffentliche Meinung einen Wandel durch, der durchaus zu Lasten der Republikaner im Norden geht.

Schon längst hat die Irische Republik aufgehört, ein Sicherheitshafen für die Terroristen zu sein. Die Grenze ist noch nie so dicht gewesen. Die Kooperation in der

Bekämpfung des Verbrechens von Dublin und London nimmt greifbare Formen an.

Fitzgerald hat das sogenannte neue irische Forum ins Leben gerufen, um die zentralen, beide Länder gleichermaßen betreffende Fragen des Nordens neu zu überdenken. Dieses Gremium veröffentlicht im Frühjahr seinen ersten Bericht und wird eine gemeinsame Sicherheitstruppe an der Grenze vorschlagen. Anvisiert ist ebenfalls ein vereinigter Gerichtshof, in welchem Richter beider Staaten sitzen, um Terrorverbrecher abzuurteilen.

Nach dem Anschlag auf das renommierte Londoner Kaufhaus haben beide Pläne größere Aussicht. Bisher ist jede Art von beidseitiger Initiative am Einspruch der überempfindlichen Unioni-sten gescheitert, die darin eine Beschränkung der britischen Souveränität sehen.

Was London anbelangt, hat sich die Haltung gegenüber Terror und IRA nur verhärtet. tKein Zweifel wurde daran gelassen, daß sich Regierung und Bevölkerung durch Anschläge derart brutalen Ausmaßes nie und nimmer in die Knie zwingen lassen. Die Initiatoren des Attentats sollten aus der jüngsten Geschichte lernen: Als 1974 IRA-Bomben in den Gaststätten von Birmingham detonierten und 24 Menschen sterben mußten, hat dies zum „Pre-vention of Terrorism"-Gesetz geführt, also zu einer stärkeren Gegenwirkung.

Die britische Regierung zählt in der Zusammenarbeit an der Grenze auf das Entgegenkommen Dublins: etwa Öffnung der Grenzen für britische Truppen bei der Verfolgung von fliehenden Terroristen, Frühwarnung durch die Iren etc.

Terrororganisationen wie IRA und INLA (Irisch Nationale Befreiungsarmee) leben und überleben nur durch den Rückhalt in der Bevölkerung. Unsinniges und wahlloses Morden durch die Schergen der Geheimorganisatio-. nen in der Art des Harrods-Atten-tates muß sich auch in der breiten Gefolgschaft auswirken. Das betrifft auch die irischen Gemeinschaften in Großbritannien (also außerhalb der grünen Insel) und in den Vereinigten Staaten.

Nordirischer Republikanismus und letztlich auch die IRA zehren von den Geldmitteln, die aus Ubersee einfließen, vor allem durch die Organisation „Noraid". US-amerikanische Bürger irischer Herkunft finanzieren indirekt die Waffenkäufe der Attentäter, vornehmlich im Osten und Mittelosten getätigt.

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