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Weigel für Fortgeschrittene

Ich habe nachgerechnet und wenn ich mich nicht sehr irre, sind es nur noch knapp zweihundert Tage und der Hans Weigel ist 30.000 Tage alt. Es wäre eigentlich gar nicht notwendig, den Hans Weigel extra zu feiern, denn er wird alle Tage gefeiert, von mir auf jeden Fall, immer wenn ich seine Bücher lese oder wenigstens sehe, denn sie

stehen bei mir in der Bibliothek in der vordersten Reihe und ich habe ihnen viel zu danken. Wenn ich also diese 30.000 Tage Weigel erwähne, dann nur deshalb, weil ich glaube, daß uns jede Gelegenheit recht sein muß, diesen Mann feierlich zu erwähnen, und weil der Neunzigste doch noch weit ist, und weil wir schon so dem Dekadischen verhaftet sind, sind diese 30.000 Tage ja auch kein Hund, den man so einfach vorübergehen lassen sollte.

Mir ist der H.W. vor Jahrzehnten zum ersten Mal begegnet. Da ist er mit der Elf riede Ott vor einem ihrer Auftritte auf einem Gang der Wiener Stadthalle gesessen. Ich bin damals hingegangen zu ihm, obwohl es mich eine starke Überwindung gekostet hat, weil ich fast ein bisserl zu feig dafür war, und ich hab ihm damals danke gesagt für die vielen schönen Stunden, die er mir mit seinen Büchern und Sendungen bis an diesen Tag bereitet hat, und ich hab gesehen, daß er sich darüber gefreut hat.

Später habe ich ihm dann zu seinen „Leiden der jungen Wörter“ ein paar Ergänzungen geschickt und er hat sie zu meiner Überraschung mit vielen anderen in einem Nachtrag, der, glaube ich, zwei Jahre danach erschienen ist, veröffentlicht, nachdem er mir sogar einen Brief geschrieben hat. Und wie ich dann Werbeleiter im Österreichischen Bundesverlag war, haben wir miteinander, aber ohne daß es einer vom anderen wußte, das so ertragsträchtige Österreichische Wörterbuch und seine - das Wort paßt hierher wie nirgends sonst - himmelschreienden Unsinnigkeiten zu bekämpfen versucht, sind aber gescheitert. Er, weil er ja doch viel zu fein ist, was man gegenüber einem Verlag nie sein darf, und ich, weil ich als Nestbeschmutzer nicht zu weit gehen wollte. Dieses Wörterbuch ist mittlerweile in der, glaube ich, vierzigsten Auflage erschienen und subventioniert dort manches andere, es hat, wie zum Beispiel ich nicht, sogar den letzten Direktionswechsel überstanden. Als ich aber noch dort war in diesem halbstaatlichen Haus, bin ich in meinem siebenten Jahr von einem tristen Exil in Wiener Neudorf in ein höchst erfreuliches Büro in die Hegelgasse in Wien übersiedelt, und da war H.W. der allererste, der

mich besucht hat und mir gratuliert hat. Leider ist damals zehn Minuten später auch mein Freund Robert Werba zum Glückwünschen ins Zimmer gekommen, einer der musikalischen Söhne des Erik Werba, und ich verlor die beiden zehn weitere Minuten später an das Cafe Schwarzenberg, weil sie irgendein Unternehmen besprechen wollten, das bis heute nicht zustandegekommen ist.

Der H.W. hat zwar für meinen Geschmack immer ein bisserl zu viele Reden und Laudatien gehalten, aber ich hab mir seine Leidenschaft zunutze gemacht und ihn für einen Wettbewerb „Junge Literatur“ eingespannt. Er war Feuer und Flamme und hat dort viele Jahre sogar als Jury-Vorsitzender gearbeitet. Dabei hat er sich sich ausbedungen, unabhängig von der Verlagslinie Entscheidungen treffen zu dürfen, was einmal zu großen Streitereien mit dem Katholischen Familienverband und zu einer mächtigen Verlags-Verlegenheit geführt hat, weil die Jury ausgerechnet eine ziemlich erotische Geschichte preisgekrönt hat.

Einmal noch streife ich den Bundesverlag. Als ichimMai 1989,noch immer als Werbemann dieser Institution, die immerhin vor mehr als zweihundert Jahren von Maria

Theresia gegründet worden ist und die aber jetzt unter der Leitung eines ehemaligen Sekretärs aus dem Finanzministerium steht - was einem den Gedanken nahelegt, dem Direktorium dasWeigel-Buch „Das Schwarze sind die Buchstaben“ zu schenken - als ich da dem H.W. einen Glückwunschbrief zum Einundachtzigsten schickte und bescheiden darunter vermerkte, soeben gekündigt worden zu sein, nach immerhin zehn Jahren, da reagierte er so faszinierend, daß ich mich noch jetzt erhoben und geadelt fühle. Er schickte mir nämlich zwei Tage später auf seinem Briefpapier den kurzen, mit seiner schon so ungelenken Hand geschriebenen Satz „Ich beglückwünsche jeden, der sich den Herbert Pirker sichert.“ Es war eine meiner letzten Handlungen im ÖBV, mir dieses Schreiben fünfzigmal zu fotokopieren.

Wenn ich der Chronologie ein Schnippchen schlage und mich damit eines Sinnes mit H.W. weiß (ich lese gerade sein „Abendbuch“, bei dem ich aus dem Schmunzeln nicht herauskomme), dann erinnere ich mich noch an die Feier im Wiener Rathaus, die der Bürgermeister Zilk für den achtzigjährigen Hans Weigel gemacht hat. Vor dem Essen sind damals spontan alle

zum Händeschütteln angetreten, es muß ihm viel zu viel geworden sein, aber er hat es tapfer durchgestanden, und ich habe im Gedränge schon ungefähr hören können, was ab dem zwanzigsten vor mir von den Gratulanten und vom Jubilar gesprochen wurde. Als ich an die Reihe kam, hat der Beglückwünschte, und ich werd's ihm nie vergessen, erfreut aufgeschaut, mich am linken Arm gepackt und „Jö“ gesagt, sonst nichts. Das ist, wirklich, wahr.Auch daß er in Salzburg zu einem Autogrammnachmittag, den ich mit ihm machen wollte, erst gar nicht hingegangen ist, weil der veranstaltende Buchhändler dumm in der Auslage ein Plakat angebracht hatte, auf dem „Autogrammnachmittag mit Hans Weigl“ stand, und der solcherart Verstümmelte zu mir sagte, daß da ein ihm Unbekannter eh schon Autogramme geben wird. Mir war das zwar sehr peinlich, aber es nötigte mir Sympathie in der Größenordnung eins ab.

Eigentlich wollte ich mich beim H.W. nur wieder einmal bedanken. Also hab ich jetzt, wo er bald 30.000 Tage alt sein wird, was ein Anlaß ist, dieses egozentrische Manuskript an die FURCHE geschickt, von der er ja immer ein Exemplar bei sich trägt. Damit alle sehr rechtzeitig von dem Jubiläum erfahren.

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