Naturfreunde alt - © Fotos: Wolfgang Machreich
Politik

Heinz Fischer im Interview: Als der Sozialismus Bergschuhe anzog

1945 1960 1980 2000 2020

Journalistische Erinnerungs-Wanderung mit Altbundespräsident Heinz Fischer in die Gründungszeit der Naturfreunde-Bewegung vor 125 Jahren. Was blieb vom ganzheitlichen Anspruch der Arbeiter-Kultur- und Sport-Bewegung und dem Ideal des „neuen Menschen“?

1945 1960 1980 2000 2020

Journalistische Erinnerungs-Wanderung mit Altbundespräsident Heinz Fischer in die Gründungszeit der Naturfreunde-Bewegung vor 125 Jahren. Was blieb vom ganzheitlichen Anspruch der Arbeiter-Kultur- und Sport-Bewegung und dem Ideal des „neuen Menschen“?

Zeitungswerbung wirkt. Zeitung- lesen macht frei. Bergfrei. Denn als die Sozialdemokratie Ende des 19. Jahrhunderts begann, alle Bereiche der Gesellschaft mit ihren Ideen zu durchfluten, kam im März 1895 der Sozialist, Freidenker und Lehrer Georg Schmiedl in die Redaktion der Wiener Arbeiter-Zeitung. Redakteur Victor Adler begrüßte ihn mit den Worten: „Ich hab mir’s gleich gedacht, dass Sie der Narr sind.“ Schmiedl hatte einige Tage zuvor folgende Annonce in der Zeitung geschaltet: „Naturfreunde werden zur Gründung einer touristischen Gruppe eingeladen.“ Die Idee dazu war ihm bei Wanderungen im Wienerwald gekommen. Für die damalige Zeit ein abstruser Gedanke. Adelige und Bürger fuhren auf Sommerfrische, dass aber auch die Arbeiterklasse touristisch aktiv werden könnte, erschien völlig illusorisch. Doch der Begründer der österreichischen Arbeiterpartei musste seine Meinung schnell revidieren, der „Narr“ hatte Erfolg.

Logo von Karl Renner

30 Interessenten meldeten sich auf das Inserat. Unter ihnen der Jusstudent Karl Renner. Der spätere zentrale Politiker für Erste wie Zweite Republik verfasste die Satzung des Vereins und entwarf aus den verschränkten Händen der Arbeiterverbrüderung und drei roten Alpenrosen das bis heute verwendete Naturfreunde-Logo. Am 14. April 1885 wurde die erste Wanderung mit 62 Teilnehmern organisiert. Treffpunkt war der Wiener Südbahnhof. Erkennungszeichen die Arbeiter-Zeitung, die einige Tage später über den Ausflug berichtete: „Die touristische Gruppe der Wiener Sozialdemokraten unternahm am Ostersonntag von Mödling aus durch die Klause, über die ‚Breite Föhre‘ und ‚Krauste Linde‘ einen Ausflug auf den Anninger. Von da ging es nach Gaaden, wo Mittagsstation gemacht wurde, und zum Schluß durch die Hinterbrühl unter fröhlichen und ernsten Arbeitergesängen bis zum Mödlinger Bahnhof zurück.“ Zur Gründungsversammlung am 16. September 1895 kamen bereits 185 Personen. Schnell kam es zur Gründung weiterer Ortsgruppen.

Die Vereinsabende wurden mit Vorträgen und Vorführungen bereichert zu „einer Art sozialdemokratischer Kulturabende“. Naturkundlich interessierte Gruppen bildeten sich genauso wie Foto-, Musik-, Tanz- und Gesangsgruppen. Man baute eigene Vereinslokale in den Städten und Vereinshütten auf den Bergen. 1905 gründete sich in Zürich die 40. Ortsgruppe und erste außerhalb Österreichs. 1910 entstand die Ortsgruppe New York, Ableger in Frankreich, Norwegen, Holland, Rumänien und Bulgarien kamen dazu. Eine Erfolgstour – als der Verein 1933/34 in Deutschland von den Nationalsozialisten und in Österreich vom Ständestaat verboten wurde, besaß er 428 Schutzhütten und -häuser. Die Mitgliederzahl betrug in beiden Ländern zusammen über 200.000.

Erst die Befreiung 1945 ermög- lichte auch den Naturfreunden einen Neubeginn. Das „Berg frei!“, erstmals bei der Generalversammlung der Ortsgruppe Graz am 14. Jänner 1900 verwendet, ist seither als Gipfelgruß wieder präsent, wahrscheinlich sogar mehr als das „Freundschaft“ im Tal und in so manchen Partei-Ebenen. Mit beiden Ausdrücken sozialisiert und groß wurde der SPÖ-Politiker, Bundespräsident a.D., langjährige Naturfreunde-Präsident und heutige Ehrenpräsident des Vereins, Heinz Fischer.

DIE FURCHE: Herr Dr. Fischer, was ist Ihre erste persönliche Erinnerung an die Naturfreunde?
Heinz Fischer: An die Naturfreunde erinnere ich mich seit meiner Kindheit, weil meine Eltern Naturfreunde-Mitglieder waren, sie mit mir als Kind immer wieder auf die Rax, den Schneeberg, die Hohe Wand, die Dürre Wand und durch das südliche Niederösterreich gewandert sind. Ich habe von klein auf gewusst, dass die Naturfreunde im weiteren Sinne zur sozialdemokratischen Familie gehören, so wie der ASKÖ, der ARBÖ, die Arbeiter-Esperantisten oder die Kinderfreunde…