Zweite Wiener Türkenbelagerung - Gemälde von Frans Geffels, Badisches Landesmuseum - © Wikipedia / Zweite Wiener Türkenbelagerung. Von Frans Geffels - Badisches Landesmuseum
Politik

Jedem Zeitgeist sein 1683

1945 1960 1980 2000 2020

Ursula Stenzel lobte das „Geschichtsbewusstsein“ der Identitären und liegt damit völlig neben den historischen Fakten.

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Ursula Stenzel lobte das „Geschichtsbewusstsein“ der Identitären und liegt damit völlig neben den historischen Fakten.

Ein Fluch sagt mehr als tausend Interpretationen: „Kruzitürken!“ Das Wort ist eine Zusammenziehung von „Kuruzen und Türken“ und beschreibt die Zusammensetzung der Truppen, die 1683 bei der Belagerung Wiens, davor und danach gegen das Haus Habsburg in den Krieg zogen. Die Kuruzen, von denen viele immer wieder mit der osmanischen Armee kollaborierten, waren eine vom niederen ungarischen Adel ausgehende Gruppe antihabsburgischer Aufständischer im Königreich Ungarn – von ihrer Religionszugehörigkeit waren sie Christen, sowohl Protestanten als auch Katholiken.

„Die Vorstellung eines Religions- oder Zivilisationskrieges wird den historischen Fakten nicht gerecht“, antwortet deshalb Johannes Feichtinger, Historiker der Akademie der Wissenschaften, im FURCHE-Gespräch auf die Frage nach der historischen Seriosität des umstrittenen Auftritts von FPÖ-Stadtpolitikerin Ursula Stenzel beim diesjährigen Aufmarsch rechtsextremer Identitärer zum Gedenken an die Schlacht um Wien am 12. September auf dem Wiener Kahlenberg. Stenzel lobte dabei das „Geschichtsbewusstsein“ der Teilnehmer – und liegt damit völlig daneben. Mit his­torischen Fakten hatte diese Inszenierung eines vermeintlichen Religionskriegs nichts zu tun. „Bei dem Krieg gegen die Osmanen standen sich zwei Dynastien mit unterschiedlichen geostrategischen und ökonomischen Interessen gegenüber“, sagt Feichtinger. Aufseiten des Habsburger-Reiches hätten Katholiken, Protestanten und ausländische Kontingente gekämpft, unter den Osmanischen Besatzern sei zwar ein großer Teil muslimischen Glaubens gewesen, aber auch viele Christen.

Ein Fluch sagt mehr als tausend Interpretationen: „Kruzitürken!“ Das Wort ist eine Zusammenziehung von „Kuruzen und Türken“ und beschreibt die Zusammensetzung der Truppen, die 1683 bei der Belagerung Wiens, davor und danach gegen das Haus Habsburg in den Krieg zogen. Die Kuruzen, von denen viele immer wieder mit der osmanischen Armee kollaborierten, waren eine vom niederen ungarischen Adel ausgehende Gruppe antihabsburgischer Aufständischer im Königreich Ungarn – von ihrer Religionszugehörigkeit waren sie Christen, sowohl Protestanten als auch Katholiken.

„Die Vorstellung eines Religions- oder Zivilisationskrieges wird den historischen Fakten nicht gerecht“, antwortet deshalb Johannes Feichtinger, Historiker der Akademie der Wissenschaften, im FURCHE-Gespräch auf die Frage nach der historischen Seriosität des umstrittenen Auftritts von FPÖ-Stadtpolitikerin Ursula Stenzel beim diesjährigen Aufmarsch rechtsextremer Identitärer zum Gedenken an die Schlacht um Wien am 12. September auf dem Wiener Kahlenberg. Stenzel lobte dabei das „Geschichtsbewusstsein“ der Teilnehmer – und liegt damit völlig daneben. Mit his­torischen Fakten hatte diese Inszenierung eines vermeintlichen Religionskriegs nichts zu tun. „Bei dem Krieg gegen die Osmanen standen sich zwei Dynastien mit unterschiedlichen geostrategischen und ökonomischen Interessen gegenüber“, sagt Feichtinger. Aufseiten des Habsburger-Reiches hätten Katholiken, Protestanten und ausländische Kontingente gekämpft, unter den Osmanischen Besatzern sei zwar ein großer Teil muslimischen Glaubens gewesen, aber auch viele Christen.

Die ungarische Unterstützung für die türkische Armee und Frank­reich wurde damit begründet, dass sich manche vom Kaiser in Wien im Stich gelassen fühlten.

"Die Ideologisierung der militärischen Auseinandersetzung mit den Türken als Religionskrieg überdeckte die massiven territorialen Interessen Habsburgs“, schreibt auch die Historikern Verena Moritz im „Schwarzbuch der Habsburger“ (Haymon, 2012). Die ungarische Unterstützung für die türkische Armee begründet sie damit, dass sich manche vom Kaiser in Wien im Stich gelassen fühlten und in der Zusammenarbeit mit Franzosen und Osmanen eine Möglichkeit sahen, „sich der habsburgischen Herrschaft zu entledigen“. Die Befreiung vom „türkischen Joch“, als die Habsburg die Vertreibung der Türken aus Ungarn bezeichnete, wurde ebenfalls nicht von allen als Wohltat gesehen.

Die kaiserlichen Truppen betrachteten Ungarn als feindliches Gebiet, verhielten sich dementsprechend und wurden in der Folge als Okkupanten empfunden, schreibt Moritz. Dass Habsburgs Joch dem türkischen um nichts nachstand, bestätigt auch Historiker Feichtinger. Deshalb ist es verständlich, „wenn ungarische Kleinadelige die 125 Jahre dauernde Dienstknechtschaft unter türkischer Fernverwaltung angenehmer empfunden haben als die habsburgische Zentralverwaltung“.

Ideologisierung politischer Interessen

Zum verklärten Geschichtsbild von Stenzel & Co. passen auch die weiteren Bruchlinien nicht, die Wien damals prägten: Als 1683 die Türken vor Wien standen, der „Türken-Poldl“ die Flucht ergriff und sich nach Passau und Linz absetzte, buhten ihn laut zeitgenössischen Quellen die Wiener aus und pfiffen ihm nach, sagt Feichtinger.

Der habsburgtreue Historiker Onno Klopp wiederum drehte 1882 den Spieß um und warf den Wiener Bürgern vor, sie hätten dem osmanischen Heerführer Kara Mustafa die Kapitulation angetragen und an die „Uebergabe der Stadt“ gedacht. In mehreren Publikationen entlarvte Klopp die Tradition von der Verteidigung Wiens durch seine tapferen Bürger als haltlosen Mythos – was entsprechend heftige Kontroversen auslöste.

Selbst das Geschichtsbild von Polenkönig Jan III. Sobieski, des „Befreiers Wiens“, war im Laufe der Jahrhunderte einem ständigen Wandel unterworfen: Von den Wienern umjubelt, wurde Sobieskis Leistung bei der Schlacht am Kahlenberg von österreichischen Historikern zunehmend geschmälert. Je mehr Sobieski von polnischen Nationalisten vereinnahmt wurde, desto tiefer sank die Anerkennung auf österreichischer Seite, erklärt Feichtinger den Bedeutungsverlust: „Sobieski wurde zum Spielball von unterschiedlichen Nationalismen.“ Auch in den 1950er-Jahren, als Polen kommunistisch wurde, durfte ein polnischer König in der österreichischen Geschichte keine Rolle mehr spielen. Erst 1983, zum 300. Jahrestag der Schlacht, sei es wieder zu einer Annäherung des Geschichtsbildes gekommen.

Anstelle Sobieskis hob man in Österreich­ den Schlachtenprediger Marco d’Aviano auf das Schild und ehrte in als „Retter des Abendlandes“. 1935 wurde in einer groß angelegten Feier eine Statue d’Avianos vor der Wiener Kapuzinerkirche enthüllt. „Das Kreuz in seiner Hand richtet er in der Ständestaat-Zeit aber gegen die Nationalsozialisten“, sagt Feichtinger.

Heute wird der Ungeist-„Spirit of 1683“ weltweit vereinnahmt – bis hin zum Attentäter von Neuseeland. Oder wie es Feichtinger vom Wiener Kahlenberg bis zur Al-­Noor-Moschee in Christchurch auf den Punkt bringt: „Jede Epoche schreibt ihre eigene Geschichte.“