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Kein Defizit an Fakten, sondern an intelligenten Interpretationen

Vielleicht fehlt es mir an dem nötigen Verständnis, aber ich kann die Aufregung um die 08/15-Lügnereien des früheren Spiegel-Reporters Claas Relotius nicht ganz nachvollziehen. Seit Menschengedenken beginnen Reportagen doch so: "Corinna F. (32) war entsetzt. Als sie an einem Februarmorgen in ihrer Cottbusser Altbauwohnung erwachte, bemerkte sie, dass ihr Ehemann Ralf (42) keine Nase mehr hatte. Im nahegelegenen St.-Hedwig-Spital schüttelte Holger Viehhahn (57), ein erfahrener Hals-Nasen-Ohren-Spezialist, den Kopf " und so weiter und so fort. Das war immer schon erfunden, hat aber bisher offenbar niemanden wirklich gestört. Man hat diese Introduktion als Stilelement einer Reportage akzeptiert und Chefredakteure haben sie genau so verlangt. Im nächsten Absatz wurde dann die wissenschaftliche Studie nachgereicht, auf der die Geschichte angeblich basierte. Die Studie war dann vielleicht etwas windig, aber immerhin: eine schöne Geschichte.

Der Vorwurf "Lügenpresse" hat etwas mit dieser Journalistenpoesie zu tun. Aber das ist hier nicht der Punkt. Wie jedes Sonett auch, folgt die Reportage einem strengen Formprinzip. Wer glaubt, dass der Besuch eines russischen Provinznestes zu einer Reportage über den russischen Alltag berechtigt, irrt. Dort passiert nämlich nichts (genau genommen: gar nichts) - und um dieses Nichts in Szene zu setzen, bedarf es einer gewissen journalistischen Fertigkeit. Und es ist ja nicht nur so, dass dort nichts passiert! Es ist noch viel schlimmer! Dort leben Menschen! Ständig werden neue geboren, wachsen heran, heiraten und sterben. Manche haben Krebs, manche wählen Putin, manchen ist einfach nur langweilig.

Man muss also als Reporter schon mit einer sehr klaren Vorstellung an die Sache herangehen. Gleichzeitig muss man aufs Schärfste im Blick behalten, was die Redaktion (nicht der Leser) von einem verlangt. Hat man den neuesten Roman von Sorokin und die wichtigsten Daten zur Lage der russischen Provinz in der Tasche, kann man losziehen. "Vor Ort" sieht man dann einen hellblauen Schiguli in einer Schneeverwehung, eine gelb blinkende Ampel und eine in Pelz eingepackte alte Frau mit einem Einkaufsnetz voilà!

Man kann das nun geschickter angehen oder eben weniger. Die Wahrheit ist, das Leben schreibt keine Reportagen. Journalisten schreiben Reportagen und die richtige Mischung aus Wissen, Geschmack, Takt und Kunstfertigkeit entscheidet, ob das Werk gelingt oder nicht. "Fakten, Fakten, Fakten" ist Quatsch und "Sagen, was ist" prätentiöser Unsinn.

In den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ist ein Intellektueller aufs Pferd gestiegen und an der Seite der Roten Reiterarmee in den Russischen Bürgerkrieg gezogen. Er hat darüber Reportagen verfasst, die den Chef der Reiterarmee Marschall Budjonny zu einem wütenden Leserbrief an die Prawda veranlassten: Budjonnys Meinung nach stimmte an den Reportagen überhaupt nichts: Es war alles ganz anders! Und wenn man die Tagebuchaufzeichnungen des Reporters nachliest, muss man sagen, ja, der Marschall hatte recht: Es war alles ganz anders. Doch die "Reiterarmee" von Isaak Babel ist Weltliteratur und der Marschall ist heute nur noch eine Fußnote in einem literarischen Meisterwerk. Warum ist das so?

Das ist kein Plädoyer für Betrug, Unsinn und Lüge; Claas Relotius hat falsche Perlen vor die sprichwörtlichen Säue geworfen. Wir aber, die Leser, müssen dafür sorgen, dass der Korridor zwischen Literatur und Journalismus, zwischen Fiction und Non-Fiction frei bleibt. Weil wir gute Geschichten lesen wollen. Wir haben, glaube ich, kein Defizit an Fakten. Wir haben keinen Bedarf an größenwahnsinnigen Schöpfergesten à la "Sagen, was ist". Was allerdings fehlt, sind intelligente Interpretationen. Leute, die die Fakten zum Sprechen bringen. Fakten bestehen zu 99 Prozent aus taubem Gestein. Sie sind, für sich genommen, unbrauchbar. Allein in einer neuen und kreativen Anordnung werden Fakten interessant, nur dann kann man ihnen, wenn man die nötige Intelligenz und das Talent dazu hat, in glücklichen Momenten Sinn, Verständnis und letztlich auch tiefere Einsichten abringen.

Der Autor ist Journalist und war seit 1991 lange Jahre ORF-Korrespondent in Moskau

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