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Feuilleton

Aufstehen im NACHTZUG

1945 1960 1980 2000 2020

Auf den Gleisen von Budapest nach München: In Waggons voll mit Flüchtlingen wird die Zugfahrt zur emotionalen Hochschaubahn.

1945 1960 1980 2000 2020

Auf den Gleisen von Budapest nach München: In Waggons voll mit Flüchtlingen wird die Zugfahrt zur emotionalen Hochschaubahn.

Was alles Heimat ist. Für mich zum Beispiel auch die Chris Lohner. In guten wie in bösen Bahntagen haben mich die Lohner-Ansagen auf den Bahnsteigen des Landes begleitet, dass ich heute sage: In ihrer Stimme ist Österreich. In dieser Nacht, auf diesem Bahnsteig das verspätete Österreich: "EuroNight 462 von Budapest Keleti pályaudvar nach München Hauptbahnhof wird mit 140 Minuten Verspätung abfahren; Grund dafür ist ein Polizeieinsatz." Gottseidank kein Personenschaden, die Umschreibung für unter den Zug gekommene Menschen, an einen Zug voller Flüchtlinge denke ich in dem Moment noch nicht. Der Flüchtlingszug von Ungarn durch Österreich nach Deutschland, der zur Herausforderung der vergangenen Tage geworden ist, setzt sich gerade erst in Bewegung. Und ich stolpere schlaftrunken in einen der ersten Züge mit diesen Menschen und in diese Geschichte hinein.

Mitleid nach Aristoteles

Zwei Uhr in der Nacht ist vorbei und so schauen mich die Fahrgäste, in der Überzahl schwarzhaarige, dunkelhäutige Männer, auch an, als ich mir einen Sitzplatz im voll besetzten Waggon suche: erschöpft. Jetzt dämmert mir, wem der lange Polizeieinsatz gegolten hat. Und nachdem ich einige Fragen, ob das Germany sei, verneine, weiß ich, dass die Zusage der deutschen Bundeskanzlerin, für Syrer die Dublin-Verordnung auszusetzen, sie also nicht ins das Land zurück zu schicken, in dem sie erstmals auf EU-Boden aufgeschlagen sind, diese Menschen nach Deutschland zieht.

In vollen Zügen ist kein Zögern und Zaudern erlaubt. Der erste und einzige freie Platz weitum, ich setz mich hin. Der Mann neben mir nickt und schläft weiter. Ein Bub, auf dem Platz vis-à-vis von ihm, später werde ich draufkommen, dass die beiden Vater und Sohn sind, hat sich nicht aufwecken lassen. Mir gegenüber sitzt eine junge Frau, bayerischer Akzent, mein Tipp Berchtesgadener Land, sehr, sehr blond, sehr, sehr helle Haut. Wäre ich der Frau anderswo begegnet, hätte ich sie nur als blond und hellhäutig beschrieben, in diesem Waggon voller dunkler Männer, und nach diesem Sommer gehe auch ich locker als Syrer durch, hat diese Frau aber geleuchtet wie ein Eierschwammerl auf einem Schwarzerde-Waldboden. Und gelächelt hat sie und freundlich geschaut, ein Segen um diese Uhrzeit, das haben die Männer, die von weiter her gekommen sind als ich, genauso empfunden.

Der Nachtzug 462 von Budapest nach München heißt "Kálmán Imre", benannt nach dem ungarischen Operettenkomponisten ("Gräfin Mariza"). Auf der Strecke, die "sein" Zug heute fährt, musste der Jude Kálmán 1938 aus Wien emigrieren, über Zürich nach Paris und weiter in die USA. Die Rückkehr nach dem Krieg wurde ihm vergällt. In dieser Nacht wird der Zug seinem Namensgeber gerecht; und die Kálmán-Melodien, die die Schwermut so lange streicheln, bis dieser neuer Lebensfreude weichen muss, passen sowieso in jede Zeit und jedes Leben.

Weitere Flüchtlinge zwängen sich durch den Waggongang. Einer zieht eine Platzreservierung aus der Hose und weckt den Mann neben mir auf, er muss den Platz räumen. Der Mann tut mir leid, das hätte mir auch passieren können. Der Salzburger Philosoph Clemens Sedmak hat mich einmal darauf hingewiesen, dass laut Aristoteles das Ausmaß von Mitleid von drei Faktoren abhängt: Dem Anderen muss etwas Schlechtes passiert sein, er muss unschuldig in dieses Übel hineingerutscht sein, und es müsste mir selbst auch passieren können. Zum Beispiel bei Hochwasser oder Feuer treffen für viele alle Faktoren zu, das Mitleid ist groß. Dass das Mitleid mit Flüchtlingen heute oft nicht sehr groß ist, führe ich auf das Fehlen der dritten Mitleidskomponente zurück: Ist es doch nahezu unvorstellbar geworden, dass wir vor einem Krieg fliehen müssen. Wobei, ich muss mich korrigieren, die letzten Tage am Grenzübergang Nickelsdorf oder am Wiener Westbahnhof waren der wunderbare Gegenbeweis, aber ich lese schon wieder Kommentare, die sagen, mit Herz lasse sich keine Flüchtlingspolitik machen - aber ohne Herz halt auch nicht!

Im falschen Land geboren

Der Syrer muss stehen, ich darf sitzen, wie leicht hätte es umgekehrt sein können. Einmal am falschen Platz gesessen, schon muss man ihn räumen, einmal im falschen Land geboren, schon muss man fliehen. Im Roman "Nachtzug nach Lissabon" steht die Hauptfigur Gregorius vor einem Grabmal mit der Inschrift: "Wenn die Diktatur eine Tatsache ist, ist die Revolution eine Pflicht." Ein Grabstein hält das aus, Steine sind Pathos gewohnt, aber ein Mensch? Ich habe irgendwo gelesen, dass ein Flüchtling auf die Frage, warum er geflüchtet sei, geantwortet hat: "Ich wollte nicht ermordet werden, und ich wollte auch nicht zum Mörder werden." Ich wünsche ihm, dass dieses Zitat einmal nach einem noch langen Leben in Sicherheit und voller Zufriedenheit über seine damalige Entscheidung auf seinem Grabstein stehen wird.

Nachtzug 462 verlässt den Bahnhof Linz. Halbzeit, in Salzburg steige ich aus. Da ist es nur fair, dass ich dem Syrer meinen Sitzplatz anbiete. Es wehrt kurz ab, dann lässt er sich nieder und schläft gleich ein. Die blonde Frau sieht ein anderes Gegenüber, überlegt kurz und tauscht dann ebenfalls mit einem stehenden Mann den Platz. "Jetzt kommt Bewegung rein" - der Bahnslogan wirkt, noch einer und noch einer weiter hinten stehen auf. Es ist nur eine winzige Geste, aber mir kommt vor, es tut denen gut, die sich niedersetzen können, und vielleicht sogar noch mehr denen, die aufstehen. Zwei amerikanische Fahrgäste missdeuten die Umgruppierung, glauben sich nahe Salzburg, räumen ihre Plätze und quetschen ihre riesigen Koffer Richtung Ausgang. Aber ist es denn entscheidend, warum man etwas tut und nicht vielmehr, dass man es tut?

Was hast du (nicht) getan?

Einen Tag später werden die Politischen Gespräche beim Europäischen Forum Alpbach ebenfalls mit Aufstehen eröffnet. Viermal lassen drei Aktions-Künstlerinnen vom "Zentrum für Politische Schönheit" das Publikum, vom Bundespräsidenten angefangen, sich von den Sitzen erheben. Im Gedenken an umgekommene Flüchtlinge, Krieg und Elend in der Welt. Und sie stellen drei Fragen, die uns einmal unsere Enkelkinder fragen könnten: Was hast du gewusst? Was hast du getan? Was hast du nicht getan?

Der Nachtzug "Kálmán Imre" fährt am im Vollmondlicht glänzenden Wallersee vorbei. Henndorf und Carl Zuckmayers Wiesmühl liegen auf der anderen Uferseite. So wie der Operettenkomponist ist in der Zeit auch der Schriftsteller auf diesen Geleisen geflüchtet, hat vom Gang des D-Zuges aus hinübergeschaut zu seiner Badehütte, hat geglaubt, seine Hunde bellen zu hören. "Als wir Henndorf verlassen mussten, glaubten wir, alles verloren zu haben, was uns lieb und teuer war, und was das Leben lebenswert machte", hat Zuckmayer in seinen Lebenserinnerungen "Als wär's ein Stück von mir" seine Vertreibung beschrieben. Und was das Härteste betrifft, den Verlust der Heimat, verklärt "Zuck" nichts: "Die Fahrt ins Exil ist 'the journey of no return'. Wer sie antritt und von der Heimkehr träumt, ist verloren. Er mag wiederkehren - aber der Ort, den er dann findet, ist nicht mehr der gleiche, den er verlassen hat, und er selbst ist nicht mehr der gleiche, der fortgegangen ist. Er mag wiederkehren, zu Menschen, die er entbehren musste, zu Stätten, die er liebte und nicht vergaß, in den Bereich der Sprache, die seine eigene ist. Aber er kehrt niemals heim."

Was alles Heimat ist. Für mich zum Beispiel auch die Chris Lohner. In guten wie in bösen Bahntagen haben mich die Lohner-Ansagen auf den Bahnsteigen des Landes begleitet, dass ich heute sage: In ihrer Stimme ist Österreich. In dieser Nacht, auf diesem Bahnsteig das verspätete Österreich: "EuroNight 462 von Budapest Keleti pályaudvar nach München Hauptbahnhof wird mit 140 Minuten Verspätung abfahren; Grund dafür ist ein Polizeieinsatz." Gottseidank kein Personenschaden, die Umschreibung für unter den Zug gekommene Menschen, an einen Zug voller Flüchtlinge denke ich in dem Moment noch nicht. Der Flüchtlingszug von Ungarn durch Österreich nach Deutschland, der zur Herausforderung der vergangenen Tage geworden ist, setzt sich gerade erst in Bewegung. Und ich stolpere schlaftrunken in einen der ersten Züge mit diesen Menschen und in diese Geschichte hinein.

Mitleid nach Aristoteles

Zwei Uhr in der Nacht ist vorbei und so schauen mich die Fahrgäste, in der Überzahl schwarzhaarige, dunkelhäutige Männer, auch an, als ich mir einen Sitzplatz im voll besetzten Waggon suche: erschöpft. Jetzt dämmert mir, wem der lange Polizeieinsatz gegolten hat. Und nachdem ich einige Fragen, ob das Germany sei, verneine, weiß ich, dass die Zusage der deutschen Bundeskanzlerin, für Syrer die Dublin-Verordnung auszusetzen, sie also nicht ins das Land zurück zu schicken, in dem sie erstmals auf EU-Boden aufgeschlagen sind, diese Menschen nach Deutschland zieht.

In vollen Zügen ist kein Zögern und Zaudern erlaubt. Der erste und einzige freie Platz weitum, ich setz mich hin. Der Mann neben mir nickt und schläft weiter. Ein Bub, auf dem Platz vis-à-vis von ihm, später werde ich draufkommen, dass die beiden Vater und Sohn sind, hat sich nicht aufwecken lassen. Mir gegenüber sitzt eine junge Frau, bayerischer Akzent, mein Tipp Berchtesgadener Land, sehr, sehr blond, sehr, sehr helle Haut. Wäre ich der Frau anderswo begegnet, hätte ich sie nur als blond und hellhäutig beschrieben, in diesem Waggon voller dunkler Männer, und nach diesem Sommer gehe auch ich locker als Syrer durch, hat diese Frau aber geleuchtet wie ein Eierschwammerl auf einem Schwarzerde-Waldboden. Und gelächelt hat sie und freundlich geschaut, ein Segen um diese Uhrzeit, das haben die Männer, die von weiter her gekommen sind als ich, genauso empfunden.

Der Nachtzug 462 von Budapest nach München heißt "Kálmán Imre", benannt nach dem ungarischen Operettenkomponisten ("Gräfin Mariza"). Auf der Strecke, die "sein" Zug heute fährt, musste der Jude Kálmán 1938 aus Wien emigrieren, über Zürich nach Paris und weiter in die USA. Die Rückkehr nach dem Krieg wurde ihm vergällt. In dieser Nacht wird der Zug seinem Namensgeber gerecht; und die Kálmán-Melodien, die die Schwermut so lange streicheln, bis dieser neuer Lebensfreude weichen muss, passen sowieso in jede Zeit und jedes Leben.

Weitere Flüchtlinge zwängen sich durch den Waggongang. Einer zieht eine Platzreservierung aus der Hose und weckt den Mann neben mir auf, er muss den Platz räumen. Der Mann tut mir leid, das hätte mir auch passieren können. Der Salzburger Philosoph Clemens Sedmak hat mich einmal darauf hingewiesen, dass laut Aristoteles das Ausmaß von Mitleid von drei Faktoren abhängt: Dem Anderen muss etwas Schlechtes passiert sein, er muss unschuldig in dieses Übel hineingerutscht sein, und es müsste mir selbst auch passieren können. Zum Beispiel bei Hochwasser oder Feuer treffen für viele alle Faktoren zu, das Mitleid ist groß. Dass das Mitleid mit Flüchtlingen heute oft nicht sehr groß ist, führe ich auf das Fehlen der dritten Mitleidskomponente zurück: Ist es doch nahezu unvorstellbar geworden, dass wir vor einem Krieg fliehen müssen. Wobei, ich muss mich korrigieren, die letzten Tage am Grenzübergang Nickelsdorf oder am Wiener Westbahnhof waren der wunderbare Gegenbeweis, aber ich lese schon wieder Kommentare, die sagen, mit Herz lasse sich keine Flüchtlingspolitik machen - aber ohne Herz halt auch nicht!

Im falschen Land geboren

Der Syrer muss stehen, ich darf sitzen, wie leicht hätte es umgekehrt sein können. Einmal am falschen Platz gesessen, schon muss man ihn räumen, einmal im falschen Land geboren, schon muss man fliehen. Im Roman "Nachtzug nach Lissabon" steht die Hauptfigur Gregorius vor einem Grabmal mit der Inschrift: "Wenn die Diktatur eine Tatsache ist, ist die Revolution eine Pflicht." Ein Grabstein hält das aus, Steine sind Pathos gewohnt, aber ein Mensch? Ich habe irgendwo gelesen, dass ein Flüchtling auf die Frage, warum er geflüchtet sei, geantwortet hat: "Ich wollte nicht ermordet werden, und ich wollte auch nicht zum Mörder werden." Ich wünsche ihm, dass dieses Zitat einmal nach einem noch langen Leben in Sicherheit und voller Zufriedenheit über seine damalige Entscheidung auf seinem Grabstein stehen wird.

Nachtzug 462 verlässt den Bahnhof Linz. Halbzeit, in Salzburg steige ich aus. Da ist es nur fair, dass ich dem Syrer meinen Sitzplatz anbiete. Es wehrt kurz ab, dann lässt er sich nieder und schläft gleich ein. Die blonde Frau sieht ein anderes Gegenüber, überlegt kurz und tauscht dann ebenfalls mit einem stehenden Mann den Platz. "Jetzt kommt Bewegung rein" - der Bahnslogan wirkt, noch einer und noch einer weiter hinten stehen auf. Es ist nur eine winzige Geste, aber mir kommt vor, es tut denen gut, die sich niedersetzen können, und vielleicht sogar noch mehr denen, die aufstehen. Zwei amerikanische Fahrgäste missdeuten die Umgruppierung, glauben sich nahe Salzburg, räumen ihre Plätze und quetschen ihre riesigen Koffer Richtung Ausgang. Aber ist es denn entscheidend, warum man etwas tut und nicht vielmehr, dass man es tut?

Was hast du (nicht) getan?

Einen Tag später werden die Politischen Gespräche beim Europäischen Forum Alpbach ebenfalls mit Aufstehen eröffnet. Viermal lassen drei Aktions-Künstlerinnen vom "Zentrum für Politische Schönheit" das Publikum, vom Bundespräsidenten angefangen, sich von den Sitzen erheben. Im Gedenken an umgekommene Flüchtlinge, Krieg und Elend in der Welt. Und sie stellen drei Fragen, die uns einmal unsere Enkelkinder fragen könnten: Was hast du gewusst? Was hast du getan? Was hast du nicht getan?

Der Nachtzug "Kálmán Imre" fährt am im Vollmondlicht glänzenden Wallersee vorbei. Henndorf und Carl Zuckmayers Wiesmühl liegen auf der anderen Uferseite. So wie der Operettenkomponist ist in der Zeit auch der Schriftsteller auf diesen Geleisen geflüchtet, hat vom Gang des D-Zuges aus hinübergeschaut zu seiner Badehütte, hat geglaubt, seine Hunde bellen zu hören. "Als wir Henndorf verlassen mussten, glaubten wir, alles verloren zu haben, was uns lieb und teuer war, und was das Leben lebenswert machte", hat Zuckmayer in seinen Lebenserinnerungen "Als wär's ein Stück von mir" seine Vertreibung beschrieben. Und was das Härteste betrifft, den Verlust der Heimat, verklärt "Zuck" nichts: "Die Fahrt ins Exil ist 'the journey of no return'. Wer sie antritt und von der Heimkehr träumt, ist verloren. Er mag wiederkehren - aber der Ort, den er dann findet, ist nicht mehr der gleiche, den er verlassen hat, und er selbst ist nicht mehr der gleiche, der fortgegangen ist. Er mag wiederkehren, zu Menschen, die er entbehren musste, zu Stätten, die er liebte und nicht vergaß, in den Bereich der Sprache, die seine eigene ist. Aber er kehrt niemals heim."