Richter - © © Gerhard Richter 2020 Foto: bpk/The Art Institute of Chicago/Art Resource, NY
Feuilleton

Gerhard Richter: Schein und Wirklichkeit

1945 1960 1980 2000 2020

Gerhard Richters Landschaften stehen im Blickpunkt der aktuellen Ausstellung im Bank Austria Kunstforum – und laden zur Kontemplation ein. Die oft verträumt anmutenden Sujets sind jedoch bar jeglicher Symbolik.

1945 1960 1980 2000 2020

Gerhard Richters Landschaften stehen im Blickpunkt der aktuellen Ausstellung im Bank Austria Kunstforum – und laden zur Kontemplation ein. Die oft verträumt anmutenden Sujets sind jedoch bar jeglicher Symbolik.

Wo enden die sich aufbäumenden Wellen und wo beginnt der düstere, wolkenverhangene Himmel, die ineinander zu fließen scheinen und den Be­ obachter in den Bann ziehen? Wer vor Gerhard Richters „Seestück“ steht, ist irritiert – und doch für den Bruchteil einer Sekunde im Unklaren, warum. Erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennt man, dass zwei Fotos des Meeresspiegels, eines um 180 Grad gedreht, aneinandergeklebt und abgemalt wurden. Das Bild ist kein Einzelfall, Richter, einer der hochdotierten Künstler unserer Zeit,
liebt es, mit Verfremdung, Unschärfen und Irritationen zu spielen.

So heterogen sein Œuvre ist, zu einem Thema kam er doch immer wieder zurück: Landschaften. Diese, die Richter als „verlogen“, aber auch als „meine Sehnsucht“ bezeichnete, stehen im Vordergrund, wenn das Bank Austria Kunstforum dem Künstler, der kürzlich 88­jährig erklärt hat, mit dem Malen aufzuhören, eine Ausstellung mit 130 Exponaten widmet. Ob er die Landschaften gegenständlich oder abstrakt darstellt, ob zwei­ oder dreidimensional, ob gemalt, gezeichnet oder als Objekt, ob verschwommen, fotorealistisch, ob mit tiefen Horizonten, unüblichen Ausschnitten, mit der für ihn charakteristischen Unschärfe oder mit kleinen, irritierenden Details – eines haben sie gemeinsam: Man kann sich in ihnen verlieren, sie sind sehnsuchts­ und stimmungsvoll.

Eine wie in Nebel getauchte Bergansicht, an Watte gemahnende Wolkenstimmungen und unendliche Weiten, die jäh durch Merkmale der Zivilisation durchbrochen werden: Es sind unendlich wirkende Landschaften, die teils etwas Tröstliches verströmen, teils Schönheit zeigen, die ins Negative zu kippen droht. Jedenfalls kann man herrlich den Blick darin versinken lassen, die sinnlichen Werke laden zur Kontemplation ein.