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Der kühle Blick

1945 1960 1980 2000 2020

Der Realismus der zwanziger Jahre in der neuen Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Realismus der zwanziger Jahre in der neuen Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München.

Am Konzert der Münchner Museen und Ausstellungshäuser ist eine markante Stimme wieder beteiligt: die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung der fusionierten Bayerischen Vereins- und der Hypobank. Der kürzlich eröffnete Neubau an der Theatinerstraße ist Teil eines ebenfalls neu errichteten, von Passagen und fünf Innenhöfen durchzogenen Viertels im Herzen Münchens - städtebaulich ein gelungener Wurf, der Charme und Modernität harmonisch verbindet und mit Leben erfüllt ist.

Die Kunsthalle selbst bleibt im Ambiente von edlen Geschäften und Cafes eher verborgen hinter dem Kettenhemd verstellbarer Lamellen an der Fassade. Nur Eingangsbereich, Aufgang und die öffentlich zugängliche Lounge im ersten Geschoß öffnen sich zum Perusahof hin. Der Weg zur Kunst führt über zwei lange Treppenläufe hinauf, fordert schrittweise ein sich Entfernen von Konsum und bummelndem Flanieren. Überraschend unspektakulär gibt sich das Bauwerk der renommierten Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, die unter anderem die Tate Modern in London geplant haben.

Dem Typus der klassischen Gemäldegalerie vergleichbar, gruppieren sich unterschiedlich große und unterschiedlich hohe Räume aneinander, bestimmt von den streng-rechteckigen Lichtöffnungen und dem hellen Eichenparkett. Eine funktionale, aber ansprechende Ausstellungsarchitektur in den Dimensionen eher einer Schatzkammer denn als Halle für riesige Formate. Vorzüglich sind die Lichtverhältnisse durch die bündig in die Decken eingelassenen Lichtmaschinen, die auf technisch neuestem Stand Kunst- und/oder Tageslicht durch fugenlose Diffusionsfolien schicken und optisch wie konservatorisch jeweils bestmögliche Beleuchtungssituationen schaffen. Johann Georg Prinz von Hohenzollern, neuer Direktor der Hypo-Kunsthalle, konnte als ehemaliger Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen auch hier seine Erfahrungen und Vorstellungen einbringen.

Eindrucksvolle Schau Für die Eröffnungsausstellung "Der kühle Blick. Realismus der zwanziger Jahre" hat Wieland Schmied als Kurator und ausgewiesener Kenner dieser vielschichtigen Strömung der Kunstgeschichte rund 180 Gemälde (davon die Hälfte aus Privatbesitz) aus der spannungsreichen Zwischenkriegszeit zu einer höchst eindrucksvollen Schau zusammengeführt. Die Ausstellung versucht nicht, Entstehung und Entwicklung der einzelnen Ausprägungen (Neue Sachlichkeit, Verismus, Magischer Realismus) chronologisch nachzuzeichnen, sondern konzentriert die Werke europäischer und - erstmalig einbezogen - amerikanischer Künstler nach Bildthemen und Motivkreisen und erreicht dadurch eine Intensivierung der Inhalte und ihrer unterschiedlichen Positionen: Die Welt bei Tag und Nacht - als Bühne für Verkleidung, Spiel und Maskerade - die Welt der Dinge - der Technik - aber auch jene der gesichtslosen Gliederpuppen (wie sie zuerst bei de Chirico auftauchen) - schließlich die Welt des Mythos und der Utopien. Allerdings bleiben politisch-gesellschaftskritische Werke, vor allem eines Georg Grosz, ausgeklammert.

Was diese unterschiedlichen Welten verbindet, ist die Suche der Künstler nach den konkreten Aspekten des Lebens in all seinen Facetten, eine "Ding-Entdeckung" und "Welt-Ergreifung" (W. Michel, 1925), die die Künstler nach den geistig inspirierten Avantgarden des zweiten Jahrzehnts fesselt. Unterschiedlich "kühl" ist der Blick, mit dem versucht wird, jenseits spekulativer Aussagen sich diesen Lebenswelten zuzuwenden, am eindrucksvollsten dort, wo der Mensch im Mittelpunkt steht, in seiner jeweiligen Umgebung, als Gegenüber; meist in direktem Blickkontakt mit dem Betrachter, fast immer von Kleidung (oder Tätowierung) verhüllt: die sinnlich-weiblichen Bildnisse in kalt-metallischer Schärfe und kühler Farbigkeit von Tamara de Lempicka, Porträts von überpointierter Genauigkeit im Detail, nah an den Bildrand herangerückt und dennoch auf Distanz bedacht (Christian Schad, Felice Casorati), in sich ruhend die mächtigen Gestalten Georg Schrimpfs, versunken in eine andere Welt das gänzlich verschlossene Porträt Rachmaninows (Boris D. Grigoriew), dessen Gesicht wie eine Landschaft modelliert ist.

Vergänglichkeit wirkt als Zustand wie eingefroren - etwa in Grethe Jürgens "Krankes Mädchen" oder in "Rothaarige Frau" von Otto Dix. Rückbezüge auf traditionelle Ikonographien finden sich immer wieder, wie Tugend und Laster in Francois-Emile Barrauds "Die Toilette", das Bild der "Vanitas" bei Otto Dix oder die sakrale Santa Conversazione in "Die drei Chirurgen" von Uduoldo Oppi. Nüchtern-realistischen Bildthemen sind verschlüsselte Inhalte unterlegt, die es zu deuten gilt.

Mit scheinbar unbeteiligter, unkommentierter Offenheit sind alle Aspekte großstädtischen Lebens festgehalten. Die menschenleeren Städte und Fabriken, Hafenanlagen, einsamen Gebäude vor allem amerikanische Künstler vermitteln die gleiche Atmosphäre von Verlorensein wie etwa die nüchterne Schilderung menschlicher Schicksale. Teilnahmslos grell beleuchtet Cagnaccio de San Pietro die am Boden liegenden Frauenkörper "Nach der Orgie". Hässlichkeit als künstlerische Form zu sublimieren ist kaum einem Künstler so meisterlich gelungen wie Ivan Albright, von dessen Verzicht auf den Kanon der Schönheit Jean Dubuffet fasziniert war. Wie unter einer Lupe wird jedes Detail der Oberflächenstruktur mit zwanghafter Genauigkeit eingefangen und gerinnt wie flüssiges Quecksilber in metallisch schimmernden Farben.

Den Künstlern gelingt mit einem Höchstmaß an künstlerisch-technischer Perfektion ein Höchstmaß an emotionsloser Thematisierung all dessen, was ihnen Leben bedeutet, wonach sie suchen. Wie mit dem Seziermesser legt das Auge des Künstlers das seelenlose Skelett seiner Motive frei: Menschen, alltägliche Gegenstände, Maschinen oder Stadtlandschaften. Der Künstler zwingt sich und den Betrachter genau hinzusehen, zwingt zu einem "Jasagen ohne Vorbehalt, zum Leiden selbst, zur Schuld selbst, zu allem Fragwürdigen und Fremden in unserem Dasein" (Friedrich Nietzsche). Die wir heute gewohnt sind, Leid, Elend und Tod tagtäglich über die Medien wahrzunehmen - die künstlerische Präzision all dessen vermag Betroffenheit auszulösen.

Bis 2. September Telefon: 0043/89/224412 www.hypo-kunsthalle.de

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