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Immer noch viel Atomstrom

Zwölf Jahre nach dem verheerenden Reaktorunfall in Tschernobyl hat die Atomenergie keineswegs ausgedient. Erst vorige Woche war sie Thema einer Sondersitzung im Parlament. Die Grünen beklagten das Erlahmen der österreichischen Bemühungen im Kampf gegen die Kernkraft. Man finde sich damit ab, daß unsichere Kraftwerke der östlichen Nachbarn in Betrieb gehen. Auch der Entwurf für das Elektrizitätsgesetz (es wurde Dienstag im Ministerrat behandelt) sorge nicht gegen die Überflutung Österreichs mit ausländischem Atomstrom vor.

Europa rechnet nämlich weiterhin mit der Kernenergie. Auch das Protokoll der Alpenschutz-Konvention zum Thema Energie (es wurde heuer im Jänner verabschiedet) ließ in Sachen Atomenergie alles offen. Man konnte sich nicht darauf einigen, den derzeitigen relativ atomfreien Zustand festzuschreiben. Kein Wunder: Es sind zu viele Interessen mit der Atomkraft verbunden, spielt sie doch immer noch eine beachtliche Rolle.

1996 waren weltweit 442 Atomkraftwerke (AKW) in Betrieb . Der Bau weiterer drei wurde in Angriff genommen. Damit befanden sich insgesamt 36 AKW in 14 Ländern im Bau. Die nichtmilitärischen Atomkraftwerke waren bis Ende 1996 insgesamt 8.135 Stunden in Betrieb. Stillgelegt hatte man bis dahin 71 Reaktoren, die im Durchschnitt 16,5 Jahre in Funktion gewesen waren.

Der Anteil des Atomstroms ist in einigen Ländern sehr hoch (siehe Graphik). Acht Länder beziehen 40 Prozent ihres Stroms oder mehr aus AKW. 150 Reaktoren waren 1996 allein in Westeuropa in Betrieb (im Osten 68) und vier in Bau (im Osten 17).

Selbst die Internationale Atombehörde (IAEA) geht davon aus, daß die Atomenergie bis 2015 an Bedeutung verlieren wird. Schuld daran sei die anhaltende öffentliche Ablehnung der Atomenergie "trotz ihrer kompetitiven Kostenvorteile und ihres möglichen Beitrags zur Verringerung der von der Elektrizitätserzeugung ausgehenden Umwelteinflüsse". In Westeuropa werde der Anteil des Atomstroms an der Elektrizitätserzeugung von derzeit 31 auf 22 bis 25 Prozent zurückgehen, in Osteuropa hingegen leicht ansteigen.

Was die erwähnte Umweltfreundlichkeit der Atomenergie anbelangt, ist zu sagen: Solche Aussagen beruhen meist auf Vergleichen, die den Betrieb von kalorischen (meist kohlebefeuerten) Kraftwerken und seine Folgen (SO2, Stickoxide, CO2, Asche, Schwermetalle in Riesenmengen) mit den Nebenwirkungen von Atomkraftwerken (vergleichsweise geringe Mengen von radioaktivem Abfall) vergleichen. Ein vordergründiger Vergleich, wie eine nähere Betrachtung zeigt (siehe Interview S. 15).

Erst kürzlich bekam die Entsorgungsfirma "Nirex" Großbritannien keine Bewilligung für den Bau eines Atommüllagers in Sellafield. Auch in den USA ist die Endlagerung immer noch nicht gelöst, obwohl ein zwischen der US-Regierung und der E-Wirtschaft abgeschlossener Vertrag eine Entsorgung bis spätestens Jänner 1998 vorgesehen hatte.

Trotz der vielen Probleme (siehe Interview) droht insbesondere Frankreichs Atomstrom Europa zu überschwemmen. 25 Prozent mehr Strom, als er selbst verbraucht, erzeugt dieser größte Atomstromproduzent Westeuropas und drängt daher ins Ausland. Allerdings zu Dumping-Preisen, wie eine Studie des französischen Energieforschungsinstituts "Inestene" (zitiert in "Die Französische Elektrizitätswirtschaft als Stromexporteur", Studie der E.V.A.) aus dem Jahr 1996 zeigt: Die im Export erzielten Preise sind nur etwa halb so hoch wie die inländischen.

Das Institut kommt somit zum Ergebnis, daß die französischen Stromexporte jährlich mit neun bis elf Milliarden Schilling subventioniert werden, vor allem durch überhöhte Konseumentenpreise und durch die Nichtberücksichtigung wesentlicher Kostenpositionen. Die Atomenergie bleibt also eine unwirtschaftliche und unökologische Form der Energieerzeugung (siehe Interview).

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