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Feuilleton

Liedchen gegen Angst und Not

1945 1960 1980 2000 2020

Mit viel Komik und Klamauk inszeniert Henry Mason Shakespeares frühes Drama "Komödie der Irrungen" bei den Salzburger Festspielen und erinnert dabei an leichte Musical-Unterhaltung ohne Tiefgang.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit viel Komik und Klamauk inszeniert Henry Mason Shakespeares frühes Drama "Komödie der Irrungen" bei den Salzburger Festspielen und erinnert dabei an leichte Musical-Unterhaltung ohne Tiefgang.

Auch Shakespeare war ein blutiger Anfänger. Doch so etwas wie die "Komödie der Irrungen" muss einem erst einmal gelingen. Ein Kaufmann aus Syrakus wird auf Ephesus festgenommen, ihm droht die Todesstrafe. Gnadenhalber bekommt er einen Tag, um tausend Mark aufzutreiben, wodurch er sein Leben zu retten vermag. Grund genug, in Trauer, Elend und Furcht zu versinken, immerhin Brennstoff, aus dem echte Tragödien ihre Kraft beziehen. Nicht so bei Shakespeare. Die Lage ist schlimm, und er setzt eine heillos überdrehte, alle Gesetze von Wahrscheinlichkeit und Vernunft verhöhnende Heiterkeitsorgie in Gang. Der Jammer wird kurzerhand weggelacht.

Kette von Missverständnissen

Wie aber lacht es sich unter dem Zeichen des Todes? Das ist eine Frage, die das absurde Theater einmal beschäftigt hat. Im frühen Shakespeare-Drama, so wie Regisseur Henry Mason das sieht, gelingt Komödie deshalb so prächtig, weil gegen das so mächtig dräuende Schicksal, von dem jeder heimgesucht wird, die Individuen ihren im Vergleich dazu recht mickrigen Alltagstanz aufführen. Wenn der Einzelne mit dem großen Ganzen kollidiert, entsteht ein gravierendes Missverhältnis zwischen dem Wunsch, sich ins kleine Heil zu retten durch blitzschnelle Anpassung an unberechenbare Situationen und dem Plan, der Schicksal oder politische Autorität heißen mag, der für den Einzelnen allenfalls eine untergeordnete Rolle vorsieht.

Der Kaufmann ist ein Geschlagener, keine Frage. Zu den Unglücklichen gehören auch seine Zwillingssöhne und deren Diener, ebenfalls Zwillinge. Sie wurden in ihrer Kindheit bei einem Schiffsunglück voneinander getrennt. Dass sie just jetzt, da ihr Vater in Ephesus gelandet ist, auch an jenem Ort ankommen, um sich von nun andauernd zu verfehlen, ist eigentlich zum Heulen. Doch weil eine Kette von Missverständnissen daraus entsteht, darf man sich als Zuseher vergnügen am Leiden der anderen. Das Stück bietet gewitzten Schauspielern die unvergleichliche Chance, ihre komödiantischen Fähigkeiten auszuspielen. Florian Teichtmeister als Diener Dromio und Thomas Wodianka als sein Herr Antipholus toben als blendend gelauntes Paar über die Bühne, das jedes Unheil in tollpatschige Heiterkeit verkehrt. Die beiden kosten jede Gelegenheit zum Klamauk in vollen Zügen aus.

Artifizielle Wunderwelt

Henry Mason versucht nie, uns die an sich verkorkste Geschichte als ein Drama über die Wechselhaftigkeit des Lebens unterzujubeln. Das Stück hat mit der Wirklichkeit, mit der wir uns herumschlagen, nichts zu tun. Die Welt ist entrückt von unserer eigenen, ergibt eine artifizielle Wunderwelt. Von Tiefe der Gedanken oder Ernsthaftigkeit der Figuren ist nichts zu bemerken. Diese Kunstwelt besteht aus ihren eigenen Gesetzen, wo Kapriolen als fantastische Erfindungen eines tollkühnen Geistes durchgehen ohne unter dem Zwang zu stehen, an Alltagswirklichkeit gebunden zu werden. Wir brauchen keine soziale Verankerung, keine psychologische Begründung, keine politische Absichtserklärung, um Bedeutsamkeit herauszuschinden, die sowieso nicht vorhanden ist. Unsere eigene Existenz wird nie berührt - kein fauler Zauber, und das ist gut so.

Mason hat eine einfache Lösung gefunden. Er führt das Stück an das Wirklichkeitsverständnis des Musicals heran. Es geht um kluge Unterhaltung, die ein Publikum, das mitdenken will, durchaus fordert. Wer hier nicht mitmacht, fliegt raus, ergötzt sich vielleicht an einzelnen Szenen, von der Anlage des Ganzen bekommt er nichts mit. Zur Eigenart des Musicals gehört, dass es, sobald sich ein Problem zeigt, dieses mit einem Lied aufgehalten wird. Danach ist es einem leichter ums Herz, das Problem ist nicht gelöst, aber erträglicher geworden. Im Hintergrund spielt eine Band, die die Darsteller animiert, kurzfristig aus ihrem Dasein herauszutreten, um sich in gute Stimmung zu versetzen.

Die Bühne von Michaela Mandel ist als Abwehrzauber gegen die Langeweile gedacht: umgeben von Wasser, immer gut für spritzige Unterhaltung. Im Hintergrund ein mächtiger Turm aus in sich verkeilten Sesseln, ein Klettergarten für dafür unpassend gekleidete Gestalten, schön anzuschauen.

Das Publikum ließ sich begeistern, vereinzelte Buhrufe gingen unter.

Komödie der Irrungen

Perner-Insel, Hallein

9., 11., 12., 19., 22. August

Auch Shakespeare war ein blutiger Anfänger. Doch so etwas wie die "Komödie der Irrungen" muss einem erst einmal gelingen. Ein Kaufmann aus Syrakus wird auf Ephesus festgenommen, ihm droht die Todesstrafe. Gnadenhalber bekommt er einen Tag, um tausend Mark aufzutreiben, wodurch er sein Leben zu retten vermag. Grund genug, in Trauer, Elend und Furcht zu versinken, immerhin Brennstoff, aus dem echte Tragödien ihre Kraft beziehen. Nicht so bei Shakespeare. Die Lage ist schlimm, und er setzt eine heillos überdrehte, alle Gesetze von Wahrscheinlichkeit und Vernunft verhöhnende Heiterkeitsorgie in Gang. Der Jammer wird kurzerhand weggelacht.

Kette von Missverständnissen

Wie aber lacht es sich unter dem Zeichen des Todes? Das ist eine Frage, die das absurde Theater einmal beschäftigt hat. Im frühen Shakespeare-Drama, so wie Regisseur Henry Mason das sieht, gelingt Komödie deshalb so prächtig, weil gegen das so mächtig dräuende Schicksal, von dem jeder heimgesucht wird, die Individuen ihren im Vergleich dazu recht mickrigen Alltagstanz aufführen. Wenn der Einzelne mit dem großen Ganzen kollidiert, entsteht ein gravierendes Missverhältnis zwischen dem Wunsch, sich ins kleine Heil zu retten durch blitzschnelle Anpassung an unberechenbare Situationen und dem Plan, der Schicksal oder politische Autorität heißen mag, der für den Einzelnen allenfalls eine untergeordnete Rolle vorsieht.

Der Kaufmann ist ein Geschlagener, keine Frage. Zu den Unglücklichen gehören auch seine Zwillingssöhne und deren Diener, ebenfalls Zwillinge. Sie wurden in ihrer Kindheit bei einem Schiffsunglück voneinander getrennt. Dass sie just jetzt, da ihr Vater in Ephesus gelandet ist, auch an jenem Ort ankommen, um sich von nun andauernd zu verfehlen, ist eigentlich zum Heulen. Doch weil eine Kette von Missverständnissen daraus entsteht, darf man sich als Zuseher vergnügen am Leiden der anderen. Das Stück bietet gewitzten Schauspielern die unvergleichliche Chance, ihre komödiantischen Fähigkeiten auszuspielen. Florian Teichtmeister als Diener Dromio und Thomas Wodianka als sein Herr Antipholus toben als blendend gelauntes Paar über die Bühne, das jedes Unheil in tollpatschige Heiterkeit verkehrt. Die beiden kosten jede Gelegenheit zum Klamauk in vollen Zügen aus.

Artifizielle Wunderwelt

Henry Mason versucht nie, uns die an sich verkorkste Geschichte als ein Drama über die Wechselhaftigkeit des Lebens unterzujubeln. Das Stück hat mit der Wirklichkeit, mit der wir uns herumschlagen, nichts zu tun. Die Welt ist entrückt von unserer eigenen, ergibt eine artifizielle Wunderwelt. Von Tiefe der Gedanken oder Ernsthaftigkeit der Figuren ist nichts zu bemerken. Diese Kunstwelt besteht aus ihren eigenen Gesetzen, wo Kapriolen als fantastische Erfindungen eines tollkühnen Geistes durchgehen ohne unter dem Zwang zu stehen, an Alltagswirklichkeit gebunden zu werden. Wir brauchen keine soziale Verankerung, keine psychologische Begründung, keine politische Absichtserklärung, um Bedeutsamkeit herauszuschinden, die sowieso nicht vorhanden ist. Unsere eigene Existenz wird nie berührt - kein fauler Zauber, und das ist gut so.

Mason hat eine einfache Lösung gefunden. Er führt das Stück an das Wirklichkeitsverständnis des Musicals heran. Es geht um kluge Unterhaltung, die ein Publikum, das mitdenken will, durchaus fordert. Wer hier nicht mitmacht, fliegt raus, ergötzt sich vielleicht an einzelnen Szenen, von der Anlage des Ganzen bekommt er nichts mit. Zur Eigenart des Musicals gehört, dass es, sobald sich ein Problem zeigt, dieses mit einem Lied aufgehalten wird. Danach ist es einem leichter ums Herz, das Problem ist nicht gelöst, aber erträglicher geworden. Im Hintergrund spielt eine Band, die die Darsteller animiert, kurzfristig aus ihrem Dasein herauszutreten, um sich in gute Stimmung zu versetzen.

Die Bühne von Michaela Mandel ist als Abwehrzauber gegen die Langeweile gedacht: umgeben von Wasser, immer gut für spritzige Unterhaltung. Im Hintergrund ein mächtiger Turm aus in sich verkeilten Sesseln, ein Klettergarten für dafür unpassend gekleidete Gestalten, schön anzuschauen.

Das Publikum ließ sich begeistern, vereinzelte Buhrufe gingen unter.

Komödie der Irrungen

Perner-Insel, Hallein

9., 11., 12., 19., 22. August