Neue Spiele vom Anfangen als Auftakt

1945 1960 1980 2000 2020

Mit dem brut, Produktions-und Spielstätte für Performative Künste, und dem Schauspielhaus haben nun die letzten beiden Wiener Häuser unter neuer Leitung die Spielsaison eröffnet - die bei beiden auch inhaltlich unter dem Motto des Neubeginns steht.

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Mit dem brut, Produktions-und Spielstätte für Performative Künste, und dem Schauspielhaus haben nun die letzten beiden Wiener Häuser unter neuer Leitung die Spielsaison eröffnet - die bei beiden auch inhaltlich unter dem Motto des Neubeginns steht.

Die Wiener Theatersaison steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Erneuerung. Gleich drei Bühnen stehen mit Beginn dieser Spielzeit neue künstlerische Leiter vor. Nachdem vor gut einem Monat das Volkstheater unter der neuen Direktorin Anna Badora die Theatersaison eröffnet hatte, komplettierten am letzten Wochenende nun das brut und das Schauspielhaus Wien den Reigen der Erneuerung.

Der Anfang ist immer ein besonderer Moment, denn da beginnt etwas, vielleicht Anderes, Neues? In der Literatur, im Film und im Theater ist das Anfangen etwas ganz Besonderes auch deshalb, weil es sich um einen hochgradig exponierten Textteil handelt. Wenn an einem Theater die neue Saison beginnt und noch dazu unter neuer künstlerische Leitung, so ist dieser Beginn gleich in mehrfachem Sinne besonders. Denn in diesem Beginn möchte jeder auch einen Neuanfang sehen. Und so sieht sich mancher dazu eingeladen, in diesem Anfang auch schon das Ganze erkennen zu wollen, ihn als exemplarisch für das, was nachfolgt zu verstehen.

Kira Kirsch (Jahrgang 1972), die neue künstlerische Leiterin des brut - das spartenübergreifendes Ko-Produktionshaus und Spielstätte für Performative Künste, ein "Ort für künstlerische Abenteuer und Forschung" sowie "Heimathafen für die freie Szene Wiens" sein will - hat ihre Eröffnungspremiere unter das Motto des Anfangens gestellt. Kokuratiert (aber warum nur?) von der in Berlin und Amsterdam lebenden und lehrenden Performerin Sigmar Zacharias versammelte sie unter dem Titel "We've only just begun. Un-mapping the beginning"25 Vertreter mehrheitlich aus der lokalen Kunst- und Polit-Szene (unter ihnen etwa Claudia Bosse, Anne Juren, Doris Uhlich, Gerhild Steinbuch, Gin Müller, toxic dreams, Gudrun Harrer und Andreas Mailath-Pokorny), die während dreier Stunden in kurzen Performances, Lectures, Statements vielstimmig (nicht nur) die Schwierigkeiten des Anfangens beschworen. Dabei bildete der an der Universität lehrende Astrophysiker Bodo Ziegler als der Spezialist des Anfangs gleich als Erster den Höhepunkt. In knapp zehn Minuten veranschaulichte er mittels Folien die Entstehung des Universum vom Urknall her.

Neue Räume, neue Kontexte

Vor dem eigentlichen abendlichen Eröffnungsfest im neugestalteten Theater am Karlsplatz konnte man schon am Nachmittag einem Projekt beiwohnen, wie es das brut unter Kirsch verstärkt in Angriff zu nehmen gedenkt. Als Auftakt zu einem Theaterformat, das verstärkt darauf abzielt neue Räume und Kontexte jenseits des Theaters zu bespielen, konnte man mit dem "Autoballet" des aus der Schweiz stammenden Kollektivs mercimax bei einer Fahrt durch die Straßen Wiens so manch Überraschendes über die Verbundenheit von Mensch und Automobil erfahren.

Auch das Schauspielhaus Wien, das mit dem Regisseur Thomas Schweigen (Jahrgang 1977) seit dieser Spielzeit einen neuen künstlerischen Leiter vorstellt, hat sich dem Anfang oder dem Anfangen gewidmet, wenn auch - anders als das brut - ohne das explizit zum Thema zu machen. In dem kollektiv erarbeiteten Stück "Punk & Politik" sieht sich der Zuschauer der nachgebauten Fassade des Schauspielhauses in der Porzellangasse gegenüber (Bühne: Stephan Weber). Lange passiert nichts. Über eine Leuchtschrift wird der Zuschauer willkommen geheißen und um Geduld gebeten, man würde in Kürze beginnen. Etwas später erfahren wir durch die sieben Ensemblemitglieder, die sich frontal zum Publikum aufreihen, man sei sich drinnen nicht ganz einig, wie beginnen und was zu spielen sei. Was folgt ist eine wahre Konjunktivorgie über das Anfangen und die politische Rolle des Theaters in der Gesellschaft. In Anlehnung an Robert Menasses Essay "Der europäische Landbote" sowie die Statements des isländischen Komikers Jón Gnarr, der als Spitzenkandidat seiner zunächst als Witz gedachten Partei ("Die beste Partei") von 2010-2014 trotzdem zum Bürgermeister von Reykjavik gewählt wurde, polemisieren sie mit viel Humor und bösem Witz gegen das Europa der Nationalstaaten und plädieren für eine echte europäische Republik die letztendlich in der Aufforderung gipfelt "Do it yourself!". Die Ensemblemitglieder bekommen in den 90 Minuten auch viel Gelegenheit, ihre darstellerischen Fähigkeiten in einer Art Nummernrevue zur Schau zu stellen.

Weiterhin Entdeckertheater

Die Eröffnungsproduktion zeigt, dass das Schauspielhaus weiterhin ein Entdeckertheater für junge Autoren sein will, das sich nicht nur für neue, andere Formen der Autorschaft interessiert, sondern sich darüber hinaus auch mit der aktuellen gesellschaftlichen Wirklichkeit, mit drängenden Fragen der Zeit beschäftigt. "Punk &Politik" ist formal eine ebenso raffinierte Auseinandersetzung mit der Schwierigkeit des Anfangens wie es andererseits Einblick zum Theaterverständnis des neuen Teams zu geben vermochte, ohne dass das alles ganz neu gewesen sein sollte. Denn es gilt auch für die Theater, was Niklas Luhmann einst sagte: Alles Beginnen beginnt mit Schon-begonnen-Haben, also mit Paradoxie.

Punk & Politik

Schauspielhaus Wien

13., 18., 19., 25. Nov.

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