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Urlaub unter Volksgenossen

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Der Nationalismus entdeckte vor 100 Jahren den Tourismus: Deutsche Gäste nur auf deutschem Boden in deutschen Betten.

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Der Nationalismus entdeckte vor 100 Jahren den Tourismus: Deutsche Gäste nur auf deutschem Boden in deutschen Betten.

Wie man nach Danzig kommt, ohne Polen zu betreten": Unter diesem Motto hielt unlängst der Historiker Pieter M. Judson einen Vortrag am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften. Die inmitten Polens gelegene Enklave des Deutschen Reiches zu bereisen, ohne einen Fuß auf polnisches Gebiet zu setzen, wäre heute Reisenden viel zu aufwendig. In der Zeit zwischen 1900 und 1930 allerdings begann der aufkeimende Nationalismus den Tourismus für seine Zwecke zu entdecken.

Reisen durch deutschsprachige Territorien versprachen identitätsstiftende Wirkung. Nationalistisch gesinnte Deutsche wurden ab der Jahrhundertwende gezielt in den Böhmerwald und andere rückständige Gebiete verschickt, um die dort lebende Minderheit zu stärken. "Wenn es sie nicht gegeben hätte, müßte man sie erfinden", bemerkte Judson launig zur Spezies der Reisenden, die bereitwillig Umwege auf sich nahmen, um ihre deutsche Gesinnung auch im Urlaub zu beweisen. Der Autor etlicher Publikationen zum aufkeimenden Nationalismus in der Habsburgermonarchie musste sie nicht erfinden, er fand sie zahlreich in der Reiselektüre der Vorkriegszeit.

Eigene Vereine, wie zum Beispiel "Die Südmark", bemühten sich, frischlufthungrige Städter an die sogenannte "Sprachgrenze" zu verfrachten. Ihr Motto lautete "Gedenkt vergessener deutscher Erde." Die konnte durch eine Reise vor Ort, am besten im Urlaub, lebhaft in Erinnerung gerufen werden. Zwischen 1900 und 1930 verschickten um die Erhaltung des Deutschen bemühte Veranstalter Touristen nationaler Gesinnung bevorzugt dorthin. Besonders Danzig und der Böhmerwald eigneten sich zum Dienst am gefährdeten Vaterlandsterritorium. Die "Südmark" verstand es 1923, die Lage der Stadt drastisch zu schildern: "Dagegen müssen wir leider fast täglich größere Horden ,echt polnischer Jugend' anrücken sehen, von ihrer Regierung unterstützt und gefördert, um sich ,ihr Gdansk' anzusehen. Doch Danzig ist deutsch und will deutsch bleiben. Darum kommt auch ihr und lasst den Zauber dieser Stadt auf euch wirken!"

Damit auch auf der Hinreise keinerlei Zweifel am originären Deutschtum der von vertrauter Architektur geprägten Stadt aufkamen, wurden die Reiseführer dementsprechend gestaltet: die empfohlenen Routen folgten nicht dem Kriterium der bequemen, möglichst kurzen und schnellen Reise, sondern gingen nach nationalistischen Kriterien vor. So wurde es möglich, nach Danzig zu fahren, ohne einen Fuß auf polnisches Territorium zu setzen. Das war zwar langwierig, aber patriotisch. Die seit 1880 boomende Tourismusindustrie eignete sich vorzüglich, nationale Identität durch die Inbesitznahme von Territorium zu bilden.

1909 reisten bereits 4,5 Millionen Menschen durch die Kronländer der Habsburgermonarchie. "Entdeckungsreisen in die neuen österreichischen Reichsländer Bosnien und Herzegowina" standen ebenso zur Auswahl wie eine Tour an die "österreichische Riviera." Der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn vermied freilich aus politischen Gründen nationale Bezüge. Man setzte lieber auf den Kaiser, die gemeinsame Kultur, den Katholizismus und präsentierte die verschiedenen Nationalitäten als Teile eines übergeordneten Ganzen.

Marketing kaisertreu Diese Marketingstrategie sprach vor allem kaisertreue und wohlhabende Schichten an, die dem Monarchen auf die Jagd und in seine bevorzugten Kurorte des Salzkammergutes oder am Semmering folgten. Der heute beinahe visionäre Versuch, eine übernationale Einheit auf Basis des Gemeinsamen der Habsburgergeschichte, der wirtschaftlichen Basis und des Glaubens zu schaffen, funktionierte freilich nicht.

Der Nationalismus nutzte das entstehende Vakuum wie keine andere Strömung und machte sich Urlaubsreisen zunutze: mit dem Vorteil, in die Mauern des Privaten ideologisch einzudringen. Dabei ging die "Südmark" in ihren Empfehlungen patriotisch einwandfreien Verhaltens am Urlaubsort zur Stärkung der dort ansässigen deutschsprachigen Minderheit sehr weit. Das vorgeschlagene Unterhaltungsprogramm für die Kleinen ließe heutige Pädagogen erschaudern. "Ein herziges Kinderpaar", bevorzugterweise ein zartes Mädchen und ein blonder Knabe, sollten um "einen Heller für die armen deutschen Kinder an der Sprachgrenze" bei den wohlhabenden Gästen der Kurorte betteln. "Wenige können widerstehen", versprach die "Südmark" dem Unternehmen Erfolg. Schließlich sollten die deutschsprachigen Städte in ihrem patriotischen Existenzkampf nicht nur in der Gesinnung, sondern auch finanziell unterstützt werden. Hinweise auf deutsche Gasthäuser, deutsche Wirte und deutsche Hotels ergänzten das umfassende Aufbauprogramm.

Die "Südmark", die auch Südtirol als deutsche Brücke zum Mittelmeer oder Triest als deutsche Handelsstadt zu ihrem Betätigungsfeld zählte, warnte außerdem vor besonders gefinkelten Unternehmern, wie einem italienischen Hotelier, der "zur Täuschung ein eisernes Edelweiss" an seiner Fassade befestigt hatte. In der Region, die sich als multikulturell definierte und prinzipiell Gästen aller Nationen aufgeschlossen gegenüberstand, stießen Bemühungen dieser Art allerdings auf wenig Gegenliebe. "Möge das Deutschtum in der einstmals deutschen Region Friaul einer glänzenden Zukunft entgegenblühen", zeigte man sich von ortsansässiger Skepsis gänzlich unbeeindruckt.

Am Land allerdings, wo man sich vom Tourismus wirtschaftlichen Aufschwung erhoffte, gestaltete sich das Unternehmen schwieriger als gedacht. Der "Böhmerwaldbund" versuchte verzweifelt, Deutsche und Bayern in die finanziell brustschwache Region, aus der viele Deutsche aufgrund gravierender wirtschaftlicher Probleme emigrierten, zu locken. Im seit 1890 zweigeteilten Böhmen waren die deutschen Nationalisten außerdem nicht die einzigen, die Besitzansprüche erhoben: auch der tschechische Tourismusverband organisierte gezielt rege Reisetätigkeit in die umstrittene Region.

Bisweilen kam es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Ausflüge größerer Gruppen wurden als Territoriumsverletzungen gewertet, deutsche Turner rückten gegen slowakische Eindringlinge an, andere wurden von Tschechen überfallen. Um Wanderwegmarkierungen brach ein regelrechter Streit aus, damals veröffentlichte Reiseführer gingen bei der Angabe von Orten höchst selektiv vor. Ideologisch genehme Ansiedlungen fanden sich in den Karten verzeichnet, andere nicht. Auch bei den empfohlenen Routen folgte man demselben Prinzip.

1893 startete der "Böhmerwaldbund" eine beherzte Initiative, um noch mehr Touristen in die Region zu locken. Man investierte in die Errichtung einer neuen Bahnlinie, baute ein eigenes Festspielhaus, um aus einer kulturellen, regionalen Tradition einen weltumfassenden Publikumsmagneten zu machen. Das Projekt selbst, ein religiöses Passionsspiel, löste bei einigen antiklerikalen Nationalisten Skepsis aus. Andererseits war es gut geeignet, die offiziellen kaiserlichen Stellen gewogen zu stimmen. So kam schließlich das im wahrsten Sinne des Wortes hinterwäldlerische Höritz zu einigen Aufführungen, die sogar bei der Hollywoodfilmgesellschaft Aufmerksamkeit fanden.

Der Aufwand freilich war gewaltig: für eine einzige Vorstellung mussten zwei Loks sechs Stunden lang Kohlen verbrennen, um genug Strom zu erzeugen. Der erwartete pekuniäre Erfolg blieb jedoch aus. Die in Höritz mühsam errichtete Infrastruktur ließ im übrigen Böhmerwald zu wünschen übrig und entsprach in keinster Weise den Ansprüchen der diesbezüglich verwöhnteren Städter. Waren diese patriotisch nationalistischen Erwägungen gegenüber noch aufgeschlossen, zeigte sich die Landbevölkerung von der deutschen Invasion während der Sommerfrische nicht vorbehaltlos begeistert. Die "verfolgten Brüder an der Sprachgrenze" verstanden nicht, warum sie die eigenartigen Fremden freundlich bedienen sollten.

Der Nationalismus war noch nicht in die hintersten Winkel des Landes vorgedrungen, die oft gemischtsprachige Bevölkerung konnte mit tourismusorientiertem Denken und damit verbundenen Investitionen in Haus und Hof nichts anfangen. Angesichts der durch die Weltpresse Aufsehen erregenden Höritzer Passionsspiele riet der "Baedecker" von 1908 "eine Übernachtung zu vermeiden."

Bis in den ersten Weltkrieg hinein wehrte sich die Dorfbevölkerung standhaft gegen den Nationalismus, weil sie fürchtete, er könnte den Tourismus gefährden. Weder deutsche noch italienische Gastwirte traditioneller Reiseregionen wollten auf Gäste verzichten.

Nach dem Krieg war die finanzielle Lage der von den Nationalisten vor allem angesprochenen schlechter verdienenden Klientel, die sich die kaiserlichen Kurorte nicht leisten konnte, dermaßen schlecht, dass nicht einmal in den billigsten Quartieren an Sommerfrische zu denken war. 1923 begann die "Südmark" wieder, ihre Aktivitäten anzukurbeln. Sie empfahl fünf Arten, "nach Danzig zu kommen, ohne Geld in Polen zu lassen und Polen zu betreten." Zahllose Leserbriefe in der Zeitung beweisen den wiederaufkeimenden nationalen Geist. "Wisst Ihr im deutschen Reich denn gar nichts von unserer furchtbaren nationalen Not?" hieß es da. Adressaten waren gewissenlose Volksgenossen, die nach Florenz fuhren, anstatt in Südtirol ihr reisemüdes Haupt auf das Kissen eines deutschen Gastwirtes zu betten.

Die Saat, die vor der Jahrhundertwende gelegt worden war, ist gut aufgegangen. Die Strategie der "Südmark", aus touristischem Reisen ein nationales Bekenntnis zu machen, funktioniert heute noch. Stornierungen von Kongressen aus Frankreich oder Belgien in Österreichs Luxushotellerie beweisen es.

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