Widerstand - © Foto: APA
Zeitgeschichte

Innsbruck schlüsselfertig übergeben

1945 1960 1980 2000 2020

Mit der kampflosen Befreiung von den Nazis ist Innsbruck die große Ausnahme in Österreich und Deutschland. 75 Jahre danach wird nach Veröffentlichung neuer Forschungen diskutiert, ob dieser gelungene Coup dem Tiroler Widerstand oder drei US-Agenten zu verdanken ist.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit der kampflosen Befreiung von den Nazis ist Innsbruck die große Ausnahme in Österreich und Deutschland. 75 Jahre danach wird nach Veröffentlichung neuer Forschungen diskutiert, ob dieser gelungene Coup dem Tiroler Widerstand oder drei US-Agenten zu verdanken ist.

Ein Schneesturm, „bei dem man nicht einmal mehr die Hand vor den Augen sah“ und ein verminter Geländestreifen trennten Leutnant Ludwig Steiner in den Nachtstunden des 3. Mai 1945 noch von den Befreiern. Doch einer der führenden Köpfe der Tiroler Widerstandsbewegung fand eine sichere Minengasse auf den Zirler Berg, gut zehn Kilometer westlich von Innsbruck: „Obwohl ich nicht wußte, wie mich die Amerikaner aufnehmen würden“, schreibt Steiner in einem im Familienbesitz befindlichen Bericht über die letzten Kriegstage, „war ich doch froh, den ersten GI zu sehen, der mir: ‚Stop, Kraut!‘ zurief.“ Steiner wurde als Unterhändler zum Kommandanten der US-Truppen durchgelassen.

Er informierte ihn, dass „die Stadt und auch der größte Teil Tirols“ in den Händen des Tiroler Widerstands sei, das Einrücken der US-Truppen jederzeit möglich wäre und „von der Bevölkerung erwartet“ werde. Steiner drängte die Amerikaner zu schnellem Vorgehen und hatte Erfolg: Am Abend des 3. Mai rückten die ersten US-Truppen in Innsbruck ein. Sie wurden von Teilen der Bevölkerung begeistert und von den führenden Vertretern der Widerstandsbewegung als bereits etablierte Tiroler Landesregierung empfangen.

Die Fortsetzung ist, wie es so schön heißt, Geschichte, die im Vorfeld des 75-Jahr-Jubiläums der Befreiung Tirols von Peter Pirker um einen wesentlichen Erzählstrang ergänzt wurde. Der Historiker am Institut für Zeitgeschichte der Uni Innsbruck veröffentlichte im Vorjahr das Buch „Codename Brooklyn“ (Tyrolia Verlag). Brooklyn steht für Innsbruck, und Pirker beschreibt im Buch den Ablauf der US-Geheimdienst-„Operation Greenup“, die als Inspiration für Quentin Tarantinos Film über jüdische Nazi-Jäger im Zweiten Weltkrieg, „Inglourious Basterds“, diente. Die beiden Juden Fred Mayer und Hans Wijnberg und der Wehrmachtsdeserteur Franz Weber waren im Winter 1944 mit dem Fallschirm im Ötztal gelandet und errichteten mit tatkräftiger Unterstützung einiger Frauen in Webers Heimatgemeinde Oberperfuss ein Spionagenetzwerk.

Keine Leistung schmälern

„Erspart geblieben ist Innsbruck dadurch eine blutige Abwehrschlacht der SS unter dem Tiroler Gauleiter Franz Hofer rund um die Tage des 2. und 3. Mai“, fasste orf.at den Erfolg dieser Agentenaktion zusammen. Auch darüber hinaus stand im Verlauf des heurigen Gedenkens an das Weltkriegsende in Innsbruck die „Operation Greenup“ im Vordergrund, geriet der Tiroler Anteil an der „Selbstbefreiung“ zu sehr in den Hintergrund, kritisiert die Familie des 2015 verstorbenen Staatssekretärs, Botschafters und ÖVP-Nationalratsabgeordneten Ludwig Steiner.

Für seinen Neffen Raimund Steiner konzentriert sich „Codename Brooklyn“ bei der Beschreibung der damaligen Geschehnisse „zu sehr auf die amerikanische Sicht der Ereignisse“. Im Gespräch mit der FURCHE nennt Steiner die Geheimdienstaktion „opferbereiter Juden, die ihr Leben riskierten“, eine „super Geschichte“. Gleichzeitig sei „diese Einzelaktion“ für ihn kein Grund, den Tiroler Widerstand und die Bedeutung seines Onkels und anderer maßgeblicher Tiroler Protagonisten bei der Befreiung von der Nazi-Herrschaft kleinzureden: „Nicht der US-Agent Fred Mayer hat den Widerstand nach Tirol gebracht, sondern er ist auf existierende Strukturen gestoßen. Auch Tiroler Kontakte mit dem US-Geheimdienst hat es vor der Operation Greenup schon gegeben.“

Von der FURCHE auf die Kritik der Familie Steiner angesprochen, weist Historiker Pirker diese „sehr scharf zurück“. Er schätze Ludwig Steiners Widerstand gegen den Nationalsozialismus genauso wie dessen politisches Engagement später beim Versöhnungsfonds zur Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter. Eine Niederschrift über das Kriegsende von Steiner, publiziert in der Schriftenreihe des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, „bestätigt meine Darstellung“, sagt Pirker. Im Unterschied zu anderen Berichten stelle Steiner „die Kooperation zwischen den amerikanischen Agenten und den lokalen Widerständlern sachlich und ausgewogen dar“. Pirker möchte „den Blick auf weitere wichtige Akteure erweitern und nicht die Leistung von irgendwem heruntermachen“.