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Zu menschlichem Abfall erklärt

Von Eltern, die ihre Kinder auf den Strich schicken, von jungen Paaren, die sich ihren Lebensunterhalt dort verdienen müssen und gemeinsam untergehen, von Freiern aus Deutschland und Österreich, die sich aufführen wie die Paschas - und von Buben, die für die meisten nur mehr menschlicher Abfall sind, erzählt der Sozialarbeiter László Sümengh im Gespräch mit der Furche.

Die Furche: In den Sommermonaten steigt die Zahl der Stricher auf Prags Straßen und Plätzen; ist Prostitution für manche Jugendliche eine legitime Nebenerwerbsquelle geworden?

László Sümengh: Leider ja. Ich kenne dutzende Studenten, die sich so ihr karges Studenteneinkommen aufbessern. Sie haben damit eigentlich keine gröberen Probleme, sind aber auch nicht die typische Klientel von meiner Betreuungseinrichtung. Gelegenheits-Stricher lassen sich weniger auf ein Risiko ein und können sich ihre Kunden noch selbst aussuchen. Der alt gediente Professionelle oder der noch Unerfahrene nimmt hingegen jeden und lässt alles mit sich machen - zu jedem Preis, sei es manchmal nur für eine warme Mahlzeit.

Auch die Medien machen ungewollt Reklame für diese Art des Broterwerbs, indem sie über 30.000 Stricher mit Tageseinkommen von bis zu 4.000 Kronen - das entspricht etwa dem monatlichen Existenzminimum in Tschechien - berichten. So viel Geld kann man vielleicht anfangs mit Amerikanern oder Briten verdienen, wenn man sehr gut aussieht, jung und noch nicht "abgearbeitet" ist. Oft bleibt jedoch nicht einmal etwas für ein Dach überm Kopf übrig. Heroin - beziehungsweise Pervetinkonsum und Gambling sind eben sehr teuer.

Die Furche: Wie verfährt die Polizei mit einem minderjährigen Stricher, wenn sie ihn irgendwo auf der Straße aufgreift?

Sümengh: Man stellt seine Identität fest, und wenn er unter 15 Jahren ist, schicken ihn die Beamten wieder nach Hause oder ins Erziehungsheim, wenn er sich vorher in Obhut eines solchen befunden hat. Konkret heißt das, dass er in gut zwei Wochen wieder auf dem Prager Hauptbahnhof landet und dann in einer der 38 über der ganzen Stadt zerstreuten Lokalitäten seine "Karriere" fortsetzen kann.

Die Furche: Bis in die neunziger Jahre war die Stricherszene in sich geschlossen und lebte in der Regel von ihrer Stammkundschaft. Was bewirkte die Trendumkehr hin zum offenen Straßenstrich?

Sümengh: Noch bis vor einigen Jahren gab es eine homogene Szene, die gezielt von der Klientel am Prager Hauptbahnhof aufgesucht wurde. Diese wurde durch die Errichtung eines Cafés im Bahnhof zerschlagen und durch die gezielten präventiv-repressiven Eingriffe der Polizei über die ganze Stadt zerstreut. Nun wandert diese Szene von einem Stadtteil zum anderen.

Die Furche: Welche Auswirkungen hat es, dass diese vorher in sich geschlossene Community zwangsweise aufgelöst wurde?

Sümengh: Im Vergleich zu heute kann man sogar von einer solidarischen, sich selbst tragenden und selbst reinigenden, äußerst homogenen Gruppe sprechen. Drogen - mit Ausnahme von Alkohol - waren dort kein Thema. Ältere Mitglieder solidarisierten sich mit den Newcomern und halfen ihnen, sich im neuen "Business" zurecht zu finden. Aufgrund der noch recht überschaubaren Zahl der männlichen Prostituierten gab es auch wenig Reibereien untereinander. Jugendliche, die ihre Klienten bestohlen oder sich unter dem Preis verkauft hatten, wurden aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Und es gibt nichts Schlimmeres für einen Außenseiter, als auch von seinesgleichen nicht akzeptiert zu werden. Das hält keiner lange durch.

Die Furche: Aber trotz der Tatsache, dass die Szene mittlerweile absolut unkontrollierbar geworden ist, es unter den Prostituierten kaum mehr etwas Verbindendes gibt, sind Sie der einzige Sozialarbeiter beziehungsweise Streetworker in diesem Bereich.

Sümengh: Seit 1995 habe ich mich verstärkt mit der Thematik AIDS auseinander gesetzt und auch diverse staatliche und private AIDS-Hilfe-Einrichtungen und Hospize aufzusuchen begonnen. Mit Erschrecken musste ich dort feststellen, wie groß die Zahl der Betroffenen ist und dass sich die meisten männlichen Jugendlichen beim Straßenstrich infiziert hatten. Mir ist bewusst geworden, dass die Jugendlichen, die in Prag auf dem Straßenstrich landeten, abgeschrieben und zu menschlichem Abfall erklärt wurden. Als ich dann später mit den Jugendlichen zu arbeiten begann, wurde mir von staatlicher Seite klar gemacht, dass derjenige, der sich mit dem menschlichen Abfall einlässt, selbst zu Abfall wird.

Die Furche: Wie sind Sie zu diesem Job gekommen? Sind Sie ausgebildeter Sozialarbeiter?

Sümengh: (Lacht!) Von Beruf bin ich eigentlich akademischer Maler, in Prag habe ich zusätzlich Pädagogik studiert. Eine Zeit lang war ich zu 50 Prozent beim Magistrat der Stadt Prag als Sozialarbeiter angestellt, leider zwangen mich Differenzen mit der zunehmend repressiver werdenden Haltung der Stadt gegenüber meiner Tätigkeit zur Beendigung dieses Arbeitsverhältnisses.

Die Furche: Stellt AIDS immer noch das größte Gesundheitsrisiko für Prostituierte dar?

Sümengh: Die AIDS-Prävention hat ihre Früchte getragen. Das weitaus größere Problem sind alle nur erdenklichen Formen der Hepatitis. Heute kommt auf etwa 261 getestete Risikopersonen "nur" eine HIV-Infektion. Safer Sex ist jedoch immer noch eine Frage des Preises und des eigenen Selbstwertgefühles: Ist mir das Geld, das mir durch Safer Sex möglicherweise entgeht, lieber als mein eigenes Leben? Manche sagen mir, das Risiko sei es ihnen wert, vielleicht würden sie gerade dann auf den Menschen treffen, der sie bei sich aufnimmt und sie ein wenig lieb hat.

Die Furche: Betreuen Sie in Ihrem "Projekt Chance" ausschließlich Männer?

Sümengh: Es gibt auch heterosexuelle Paare, welche sich damit ihr Geld verdienen. In so einem Fall gehen beide der Prostitution nach oder treten gemeinsam in so genannten Live-Clubs auf. Mit dem Geld finanzieren sie sich ihren Unterhalt - manchmal sogar den Kauf einer kleinen Genossenschaftswohnung. Doch die Beziehungen solcher Paare gehen schnell in die Brüche. Nach zwei bis drei Jahren stehen sich zwei abgewrackte Menschen gegenüber, die miteinander einfach nicht mehr zurecht kommen. Viele Jugendliche unterschätzen die zerstörerische Kraft einer solchen "Berufstätigkeit".

Die Furche: Gibt es manchmal Resozialisierungsversuche innerhalb der betroffenen Familien?

Sümengh: Oft ist es nur die Großmutter, die es aus Liebe zu ihrem Enkelkind übers Herz bringt, zu uns zu kommen und bereit ist, ihn trotz seiner Vergangenheit bei sich aufzunehmen. Meist gelingt dann auch die Reintegration in die Familie. Leider weiß ich nur wenige solcher glücklichen Fälle.

Die Furche: Der Fall eines 13-jährigen Klienten hätte für Sie beinahe ein Gerichtsverfahren zur Folge gehabt. Die EU intervenierte, und das Verfahren wurde eingestellt. Wird jetzt Ihre Sozialarbeit kriminalisiert?

Sümengh: In diesem konkreten Fall wurde uns vorgeworfen, dass wir die zuständigen Behörden nicht informiert haben und ihnen die Übergabe des Jugendlichen verweigerten. Die Behörden wollten partout nicht wahr haben, dass seine eigene Familie den 13-Jährigen auf den Strich geschickt hatte und somit eine Rückkehr unmöglich war. Vom Gesetz her wären wir verpflichtet jeden Kontakt mit Minderjährigen zu melden; auf dieser Basis kann jedoch keine niederschwellige Sozialarbeit funktionieren. Deshalb agieren wir aufgrund der derzeitigen Gesetzeslage in einer gefährlichen Grauzone.

Die Furche: Was sind das für Familien, die ihre Kinder auf den Strich schicken?

Sümengh: Vor der Wende gab es für jede Familie eine soziale Absicherung. Eine eindeutige Gesetzeslage und strenge Strafen ließen so etwas gar nicht erst entstehen. Prostitution - auch Homo-Prostitution - gab es schon immer, aber in einem "normalen", vom Staat geduldeten und von der Polizei kontrollierten Rahmen. Nach der Wende gab es diese soziale Sicherheit plötzlich nicht mehr, und obwohl man heute die Tschechische Republik immer noch als einen Sozialstaat bezeichnen kann, wird das ehemals engmaschige Sozialnetz zunehmend löchriger. Und wenn irgendwann einmal auch Omas Ersparnisse aufgebraucht sind, Vater und Mutter arbeitslos sind, ist es den Eltern egal, woher das Geld ihres Sohnes kommt.

Die Furche: Wer sind die Kunden der Stricher?

Sümengh: Überwiegend sind es deutsche und österreichische Familienväter, Holländer, Briten und Amerikaner aus sozial niedrig gestellten Schichten, die es in ihren Herkunftsländern nicht wagen oder es sich finanziell nicht leisten können einen Stricher aufzusuchen. Oft bilden sich ganze Fahrgemeinschaften, die übers Wochenende nach Prag fahren. Mit 3.000 Schilling glauben sie sich dort wie Paschas aufführen zu können, für welche Moral und Recht nicht mehr zu gelten haben. Abschaum trifft Abschaum.

Die Furche: Existiert parallel dazu noch ein Edelstrich?

Sümengh: Schon, es gibt ja noch die "Businessmänner", die nette Reisebegleitung und etwas Entspannung bei ihren Geschäftsreisen suchen. Sie lassen sich zuerst das alt-ehrwürdige Prag zeigen, und nach dem Abendessen gibt es dann noch ihren jugendlichen Begleiter zum Dessert.

Das Gespräch führte und übersetzte Petr Popov.

László Sümenghs "Projekt Chance" bietet SOZAK- und Sozialwissenschafts-Studenten Möglichkeiten der Feldforschung für ihre Seminar- oder Diplomarbeiten. Informationen dazu unter: w.machreich@styria.com

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