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Das zweite Leben des Doktor Hucko

1945 1960 1980 2000 2020

Vor zwei Jahren begann der große Treck der 30.000 Parlamentarier, Ministerialbeamten, Lobbyisten und Journalisten von Bonn nach Berlin. Der Jurist Elmar Hucko gehörte zu den letzten, die Bonn verließen. Voll innerer Widerstände hat er sich für das "Abenteuer Berlin" eine Schocktherapie verschrieben.

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Vor zwei Jahren begann der große Treck der 30.000 Parlamentarier, Ministerialbeamten, Lobbyisten und Journalisten von Bonn nach Berlin. Der Jurist Elmar Hucko gehörte zu den letzten, die Bonn verließen. Voll innerer Widerstände hat er sich für das "Abenteuer Berlin" eine Schocktherapie verschrieben.

Elmar Hucko ist 62 Jahre alt, Jurist, sportlich-drahtig, mit weißem Schnurrbart und scharf geschliffenen schmalen Brillen - ein Neuberliner, der erst nicht in diese Stadt wollte und nun begeistert von ihr schwärmt - soweit Juristen schwärmen. Die Profession hat Huckos Sprache gezeichnet: Durch Räuspern und "Hm"s interpunktiert er seine gedrechselten, fast ziselierten Sätze, die Sprachmelodie stockt, wenn es die Präzision erfordert.

Vor zwei Jahren begann der große Treck, der Umzug von 30.000 Parlamentariern, Ministerialbeamten, Lobbyisten und Journalisten von Bonn nach Berlin. 120.000 Möbelstücke und eine Aktenreihe von der Länge des Kurfürstendamms wurden quer durch Deutschland in Bewegung gesetzt. Der erste Güterzug, er übersiedelte Teile des Innen- und Wissenschaftsministeriums, fuhr am 14. April 1999 aus Köln ab, einen Tag später kam er in Berlin an.

Elmar Hucko gehörte zu den letzten, die Bonn verließen. Der 8. August 1999 ist ein verregneter Tag über Bonn, Möbelwagen parken vor dem Justizministerium, einem einmal modern gewesenen Klotz in der Heinemannstraße. Drinnen stehen die Türen offen, die Teeküchen sind leer, in manchen Räumen haben sich Kollegen zusammengestellt und umklammern schweigend Sektgläser. Abschied. Ein Drittel der Belegschaft geht, zwei Drittel bleiben, sie werden künftig im Bundeszentralregister arbeiten, das von Berlin nach Bonn übersiedelt.

"Wie ein Mensch, dem man den Rumpf wegnimmt. Wir werden in Berlin wieder einen Rumpf bekommen, aber wir wissen noch nicht, wie er aussieht." Im zehnten Stock steht Ministerialdirigent Hucko am Fenster und schaut zum Drachenfelsen, der auftaucht, wenn die Wolkenfetzen über dem Rhein zerreißen. "Es ist nicht Heimweh, sondern etwas wie Heimatweh, ich verliere die gewohnte rheinländische Umgebung", sagt er bekümmert. Auf seinem abgeräumten Schreibtisch liegen zwei Stadtpläne von Berlin. "Ich habe mir eine Art Schocktherapie verschrieben. Ich ziehe nämlich nach Mitte, wo die Stadt am Intensivsten ist."

Fünf Jahre "Abenteuer Berlin", dann will er zum Ruhestand in die Idylle Bonn zurückkehren, so viel steht fest, dorthin, "wo ja früher auch nichts lief als Ruhestand". Und er denkt an seinen Großvater, der stets zu sagen wusste: "Die Berliner haben eine große Klappe und nichts dahinter."

Der Aufbruch Ein drückend schwüler Tag in Berlin, Pressluftbohrer knattern, die U-Bahn rumpelt und jammert über die Eisenstelzen am kaiserlichen Patentamt, Stein gewordenem ehrwürdig-erhabenem Preußentum, vorbei. Der Eingang zum neuen Sitz des Justizministeriums erfolgt durch die Garage auf der Hinterseite, auf den Gängen stehen ausgeweidete Büroschränke, ledenlahme Drehsessel und Umzugskartons mit aufgerissenen Mäulern. An den Schwingtüren kleben Zettel mit dem Grundriss des Hauses darauf und einem grellbunt vermerkten Hinweis: "Sie befinden sich hier". Im Erdgeschoss sitzt Elmar Hucko in einem stickigen Büro hinter verschlossenen Fenstern. Ein Wochenende liegt zwischen seinem Abschied aus Bonn und jetzt. Er wirkt fast trotzig: "Wir bekommen das hin", sagt er. "Das ist eine Erinnerung an Pfadfinderspiele, eine Art Abenteuerurlaub. Und wie bei jedem Abenteuerurlaub ist das Tröstliche, dass er zu Ende geht."

Als er in Berlin ankam, sei er in trauriger, fast depressiver Stimmung gewesen, was sich auch auf seine Frau übertragen habe. Mit Johanniskrautgelee und Joggen habe er dem beizukommen versucht. "Wie bei einem Todesfall kann man sich durch hektische Betriebsamkeit über jede Art von Schmerzen leicht hinwegbringen."

Also packt man wieder zu. In Bonn seien ungeputzte Fenster im Büro nie Thema gewesen: "Hier ist es ein Problem. Ich habe mir Spülmittel gekauft und Fensterleder, werde heute Abend in meinem Papierkorb eine Lauge veranstalten, mich auf einen Stuhl stellen und diese Fenster reinigen", sagt Hucko mit verärgertem Blick auf das Grau, hinter dem sich draußen schemenhaft das Hallesche Ufer abzeichnet.

Inzwischen sind eineinhalb Jahre vorübergezogen, Elmar Hucko arbeitet nun in einem geräumigen hellen Büro in der dritten Etage, ist auch nicht mehr Ministerialdirigent, sondern zum Abteilungsleiter im Justizministerium aufgestiegen. Nun ist es kein Abenteuerurlaub mehr, Berlin ist für ihn Normalität geworden. "Ich glaube schon, dass mich das in meiner Entwicklung beeinflusst hat", sagt er. "In Bonn wäre ich in den Ruhestand eingependelt. Das hier ist eine völlig neue Herausforderung, ein Verjüngungseffekt."

Ein Hauch New York Am Liebsten hat er den Tiergarten, der ihm inzwischen den Bonner Kottenforst ersetzt hat. "Im Sommer sind da die Türkenclans, da sitzen an der einen Seite wagenburgartig die Frauen, kucken unter ihren Kopftüchern in die Mitte, auf die Kinder, und 100 Meter weiter ist die Wiese voll nackter Männer, weil sie den Homosexuellen vorbehalten ist. Das ist ein Hauch Central Park, auch die Toleranz, wie das alles abläuft."

Hucko liebt die "etwas komische" Leipziger Straße - "da ist Berlin fast am Echtesten" -, die Karl-Marx-Allee, das Brandenburger Tor. "Überraschend gut" habe er sich eingelebt. Wenn man in München, wo er studiert hatte, keinen bayerischen Akzent spreche, bleibe man Fremder. Ganz anders hier, in der offenen Gesellschaft des Schmelztiegels, wo es so harmonisch zugehe. "Die haben Hunderttausende Türken integriert, die haben viele Russen integriert, die werden erst recht einen Rheinländer oder Bayern integrieren, da haben die überhaupt keine Probleme mit." Hucko mag die "sachliche, coole, schnelle, pfiffige" Art der Berliner. Aber die vom Großvater zitierte "große Klappe"? "Die haben die Kölner auch, und die Bayern erst recht."

Sein Berlin-Bild war anfangs noch geprägt von der Vorwendezeit, der täglichen Konfrontation mit der Eingeschlossenheit, die das Bewusstsein traumatisiert habe. Überheblich seien die Westberliner gewesen mit einem Hauch "aufgemotzter Provinzialität, es fehlte die Durchlüftung". Als er abends, nach der Arbeit, mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, sei es ihm in der ersten Zeit unwirklich vorgekommen, als ob er durch einen Film fahre - und er sei glücklich gewesen. Und wenn es allmorgendlich beim Passieren des Pflasterstreifen, wo einst die Mauer stand, einen Ruck gibt: "Dann kann ich es gar nicht fassen, das Historische und dass ich da dazugehöre, mitten drin bin."

Angst? Überhaupt nie, Berlin komme ihm nicht als unsichere Stadt vor. Denkt er wehmütig ans Rheinland zurück? Nein, auch die "Ständige Vertretung", das Rückzugslokal sentimentaler Bonner an der Spree hat Hucko noch nie besucht. Er finde es "affig", in ein "Nostalgie- und Heimwehrestaurant" zu gehen, er setzt sich auf seinen Erkundungsausflügen durch die Stadt gemeinsam mit seiner Frau lieber in eine urige Kneipe.

Der Kontakt nach Bonn, zu den ehemaligen Kollegen, wird geringer. Zwei Phänomene beobachtet er: Fast alle, die damals nicht umziehen wollten, hätten sich in Berlin gut eingelebt, kämen sich vor wie Glückspilze: "Manchmal rufen verzweifelt die Frauen aus Bonn an, es ginge alles drunter und drüber, während der Mann sich einen schönen Lenz macht und in Berlin Student spielt." Diejenigen aber, die damals gemeint hätten, mit ihrem Verbleib in Bonn das große Los gezogen zu haben, würden zunehmend in eine unglückliche Stimmung verfallen. Bei seinen Besuchen empfinde er die ehemalige Dienststelle als Trauerhaus, die Kollegen seien abgestellt, ohne Kontakt zur großen Truppe, erzählt Hucko. Bonn provinzialisiere.

Ein Buch als Ventil Und er selbst? "Bei mir ist das noch auf der Kippe" sagt er mit der Vorsicht des Juristen.

Eben hat er sein erstes Buch herausgebracht: "Von der Liebe zu den Apfelbäumen" heißt es, auf der Leipziger Buchmesse hat er es vorgestellt. In einer kleinen juristischen Buchhandlung schräg gegenüber vom alten Reichsgericht. Herausgebracht hat es der Mitteldeutsche Verlag, "auf den wäre ich auch nicht gestoßen, wenn ich nicht nach Berlin gegangen wäre."

Der Roman war ein Ventil für Huckos Frustration vergangener Jahre. Es waren die Jahre, in denen er als Sozialdemokrat mit ansehen musste, wie rings um ihn freidemokratische Kollegen behände die Karriereleiter emporkletterten, während er blieb, wo und was er war. Wie weiland Münchhausen hatte er versucht, sich am Schopf aus seiner deprimierenden Situation zu ziehen und war aufs Schreiben gekommen.

1998, das Jahr des Regierungswechsels, wurde für Hucko zum Startschuss: "Da hat mich die Frau Minister in der Abstellkammer entdeckt, und seither bin ich nicht mehr frustriert." Dieser Tage las er aus seinem Buch in einem eleganten Lokal Unter den Linden. Es war übervoll, viele Kollegen waren gekommen, um mit Huckos Romanfigur Bekanntschaft zu machen, einem Beamten im Wirtschaftsministerium: "Damit ich nicht unmittelbar das eigene Nest beschmutze, sondern nur mittelbar. Lieber ein anderes."

Abteilungsleiter Hucko in Berlin. Ein zweites Leben.

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