Schule Schreiben Noten Heft  - © Foto: iStock/Nikada (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

Die Not mit den Noten

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Pünktlich zum Schulstart ist eine alte Debatte neu aufgebrochen – jene um die beste Form der Leistungsbeurteilung. Warum die Bewertung mit Ziffern letztlich Verlierer produziert. Eine Positionierung.

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Pünktlich zum Schulstart ist eine alte Debatte neu aufgebrochen – jene um die beste Form der Leistungsbeurteilung. Warum die Bewertung mit Ziffern letztlich Verlierer produziert. Eine Positionierung.

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Der Glaube an die Aussagekraft und positive Wirkkraft von Schulnoten hält sich hartnäckig – auch beim aktuellen Bildungsminister, Martin Polaschek (ÖVP). „Noten schaffen Klarheit“, meinte er jüngst zum Schulbeginn. Trotz einer über Jahrzehnte erfolgreichen Umsetzung von aussagekräftigeren – und vor allem entwicklungsorientierten – Formen der Lernfortschrittsrückmeldung und -beurteilung greift man in Österreich ab der zweiten Schulstufe wieder auf eine verpflichtende Notenbeurteilung zurück. Dabei wird in den allgemeinen Teilen der österreichischen Lehrpläne deutlich auf den umfassenden Bildungsanspruch verwiesen: auf Erziehung zum selbsttätigen Bildungserwerb, zu selbstständigem Urteil und zu sozialem Verständnis. Die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder müssten berücksichtigt werden, lautet die Forderung.

Tatsächlich braucht eine zukunftsfähige Gesellschaft junge Menschen, die Vertrauen in sich und ihre Fähigkeiten haben – und damit Lebenszuversicht. „Kein Kind zurücklassen“, gilt als verbindlicher Anspruch. Doch diese pädagogischen Ziele werden durch ein Beurteilungssystem untergraben, das Individuen über Noten wettbewerbsmäßig vergleicht, langsamer Lernende systematisch beschämt und die Leistungsbereitschaft vieler Kinder zerstört. Bereits 2004 machte Susanne von Thun, Leiterin der erfolgreichen Laborschule Bielefeld, in einem FURCHE-Interview deutlich, dass Noten den Bildungsprozessen von Schülerinnen und Schülern niemals gerecht werden können.

Bildungsarmut wird begünstigt

Die Schule, insbesondere die Volksschule, ist eine gesellschaftliche Basisinstitution, in der neben Familie und Kindergarten der Grundstein für erfolgreiches Lernen und Weiterlernen gelegt wird. In der Volksschule geht es um die Grundlegung der Bildung, um ein festes Fundament, das mitentscheidend dafür ist, ob wir später im Privatleben, im Beruf und in der Gesellschaft eher unsichere und inaktive oder sich selbst etwas zutrauende und zupackende Menschen werden.

Grundlegung heißt also Grundeinstellungen zu sich selbst und zur Welt gewinnen – und selbstverständlich auch Grundkenntnisse und Grundkompetenzen. Die vielen Schultestungen und der enorme Druck auf die Lehrerinnen und Lehrer sowie auf die Eltern, der durch Noten und die zu frühe Einteilung von Kindern mit zehn Jahren schon ab der dritten Schulstufe entsteht, lassen eine ruhige und konsequente Arbeit an diesem Fundament kaum zu.

Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Bildungslaufbahn. Darauf weist unter anderen seit Jahren der Erziehungswissenschaftler Ferdinand Eder von der Universität Salzburg hin. Er hält Noten als Basis für schulische Laufbahnentscheidungen für kontraproduktiv, da sie Bildungsarmut bei Kindern aus Elternhäusern mit niedrigem Bildungs- oder Sozialstatus begünstigen.

Damit lässt sich auch der Anspruch – „Kein Kind zurücklassen“ – in Wahrheit kaum umsetzen. Diese Forderung basiert auf der pädagogischen und lernpsychologischen Erkenntnis, dass die Entfaltung der Potenziale der Kinder dann gelingen kann, wenn wir Lernen als einen aktiven, selbstgesteuerten Prozess sehen, der auf vorhandenen Erfahrungen aufbaut, sich individuell, in sozialen Bezügen und in unterschiedlichem Tempo vollzieht. Also kein Lernen im Gleichschritt! Daraus ergibt sich, dass Unterricht durch vielfältige Lernsettings unter dem Anspruch der Individualisierung und Differenzierung gestaltet werden muss.

Auf diesem Weg benötigen die Schülerinnen und Schüler regelmäßig die Erfahrung des Könnens und wertschätzende, lernförderliche Rückmeldungen durch die Pädagoginnen und Pädagogen. Die aktuelle Situation in vielen Schulen mit Personalmangel und Stundenkürzungen erschwert diesen anspruchsvollen, aber notwendigen Weg enorm.

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