Kampfklasse: Durchboxen

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Vor 20 Jahren hat sich Tom Gschwandtner "den Hals gebrochen", wie er gerne sagt. Heute rollt er von Termin zu Termin, um aus seinem Bestseller "Gelähmt ist nicht gestorben" zu lesen. Porträt eines politisch unkorrekten Aufklärers.

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Vor 20 Jahren hat sich Tom Gschwandtner "den Hals gebrochen", wie er gerne sagt. Heute rollt er von Termin zu Termin, um aus seinem Bestseller "Gelähmt ist nicht gestorben" zu lesen. Porträt eines politisch unkorrekten Aufklärers.

Nein, das Leben als Tetraplegiker ist nicht immer lustig. Wenn alle vier Extremitäten von Lähmungen betroffen sind, bleibt nicht mehr allzuviel übrig, um sich tagtäglich durchzukämpfen. Genauer gesagt nur noch Handgelenk, Ellbogen, Schulter, Mundwerk und Hirn.

Vor allem letztere beiden Körperteile hat Tom Gschwandtner in bemerkenswerter Weise kultiviert. Mit seinen "Feinhirn"-Bildrätseln hat sich der 46-Jährige Horner als Schrägdenker einen Namen gemacht, mit seiner Firma "Datenschmiede" hat er sich als Grafiker etabliert, und nun ist er mit seiner Sprachgewalt auch noch die Bestsellerlisten hinaufgeklettert. Ein Kunststück - vor allem, wenn man im Rollstuhl sitzt.

"Gelähmt ist nicht gestorben" heißt das Buch, in dem Gschwandtner seine eigene Geschichte erzählt: ohne Wehleidigkeit, ohne Beschönigungen, aber mit umso mehr Ironie und Nonchalance. Es ist der 10. September 1995, kurz vor Mitternacht, als sein bisheriges Leben bei der Heimfahrt von einer Disco aus der Bahn geworfen wird -konkret aus einer immer enger werdenden Rechtskurve nahe seiner Heimatstadt Horn. Im Autoradio läuft gerade "What's up" von den "4 Non Blondes", als das Auto mit Tom Gschwandtner, seiner damaligen Freundin Gabi und noch zwei anderen über die Böschung kracht und nach einem gewaltigen Salto auf dem Dach liegen bleibt. "Dass nicht nur das Auto ein Wrack ist, das weiß ich in der Sekunde", schreibt Gschwandtner trocken. "Ich liege auf dem Rücken, aber ich habe das Gefühl, dass nur mein Kopf im Gras liegt. Den Rest meines Körpers spüre ich nicht mehr. Der fliegt irgendwo herum. Der hat sich verabschiedet, ohne mir Bescheid zu geben, wann, oder ob er überhaupt daran denkt, jemals wieder zu mir zurückzukehren."

Paras, die "Hautabschürfler"

Normalerweise sitzt ihm in unangenehmen Situationen immer ein sprungbereiter Scherz auf der Zunge. Aber jetzt geht selbst ihm der Schmäh aus. Dafür fehlt ihm wegen seiner Lungenquetschung schlichtweg die Luft. Drei Wochen lang muss er auf der Intensivstation maschinell beatmet werden, bevor er den quälenden Versuch starten darf, auf Normalbetrieb zu wechseln. Eine Woche später wird er auf die Unfallstation verlegt, wo eine weitere Tortur namens "Atemgymnastik" beginnt: Mangels funktionierender Rumpf-und Bauchmuskulatur muss er lernen, mit dem Zwerchfell zu atmen.

Nach weiteren vier Wochen geht es schließlich ins Rehabilitationszentrum "Weißer Hof" in Klosterneuburg. Hier trifft er nicht nur auf "Paraplegiker" mit voll funktionsfähigen Armen und Fingern, die "Tetras" wie er gern "Hautabschürfler" nennen, weil sie eine völlig andere "Kampfklasse im Durchboxen" bilden; hier muss er sich beim "Darmtraining" auch mit einer der übelsten Nebenwirkungen seine Verletzung auseinandersetzen: der Blasen- und Mastdarmlähmung. Bis heute muss er zwei bis drei Mal pro Woche ein Abführmittel nehmen und verbringt am nächsten Tag bis zu zwölf Stunden auf dem Duschrollstuhl im Bad, um sich böse Überraschungen zu ersparen. "Du kämpfst ja nicht wirklich mit der Querschnittlähmung, die ist ja in Wahrheit nur ein Kratzer", sagt Gschwandtner, als ihn die FURCHE am Rande einer Wiener Lesung trifft. "Du kämpfst mit diesen Darmgeschichten, du kämpfst mit deinem Temperaturhaushalt, weil du nicht schwitzen kannst, du kämpfst mit der Luft, die du nicht hast. Das sind die wahren Dinge. An denen scheiterst du oder du kommst weiter."

Tom Gschwandtner ist weitergekommen. Er hat seine Gabi geheiratet, mit ihr ein barrierefreies Haus gebaut, mit medizinischer Unterstützung zwei Kinder bekommen -und zuletzt mit Hilfe eines kurzen Rundholzstabs ein ganzes Buch in seine Tastatur gehackt. "Ich war zum Zeitpunkt des Unfalls sechsundzwanzig. Das ist ein halbwegs akzeptables Einstiegsalter", heißt es etwa an einer Stelle. "Mit sechsundzwanzig hat man schon halbwegs etwas erlebt, und außerdem noch den Biss für die vielen quälenden Therapien, ohne die man den neuen Weg niemals schaffen würde."

Solch nüchtern-sarkastische Selbstbeschreibungen haben Tom Gschwandtner nicht nur begeisterte Leserreaktionen eingebracht, sondern auch jede Menge mediale Aufmerksamkeit. Seit Wochen rollt er -oft in Begleitung seiner Frau - von Lesung zu Radiointerview zu TV-Aufzeichnung, um Tacheles über sein Leben mit "hohem Querschnitt" zu reden. Beschönigt wird ohnehin genug. Zum Beispiel im französischen Kassenschlager "Ziemlich beste Freunde" aus dem Jahr 2011. Der Film erzählt vom ehemaligen Pommery-Geschäftsführer Philippe Pozzo di Borgo, der seit einem Paragliding-Unfall vom dritten Halswirbel abwärts gelähmt ist - und den mit seinem Pflegehelfer aus der Pariser Banlieue eine wunderbare Männerfreundschaft verbindet. Doch der hochgelobte Streifen zeigt nur die halbe Wahrheit, ärgert sich Tom Gschwandtner: "Ich sehe etwa nie, wie Philippe aus dem Elektrorollstuhl ins Auto gehoben wird. Dafür brauchst du zwei, drei erwachsene Männer."

Auch auf der Bühne wird behübscht: Man denke etwa an jenen Augenblick, als der seit einem verunglückten "Wetten, dass...?"-Stunt gelähmte Samuel Koch rollend auf die Show-Bühne zurückkehrt und bei der nächsten Einblendung schon neben den Stars auf dem Sofa sitzt. Wie man ihn auf die Couch gehievt hat, ist ebenso wenig zu sehen wie der Gurt, mit dem er mutmaßlich auf der Couch fixiert wird.

"Müssen sich die nach mir richten?"

Auf andere angewiesen sein, Hilfe annehmen müssen: Das sei für ihn bis heute die schwierigste Lektion, erzählt Tom Gschwandtner. Ein völlig selbständiges Leben ohne Unterstützung durch seine Frau oder seinen großen Freundeskreis ist für ihn illusorisch - selbst bei optimalen Umweltbedingungen. "Schon das Einkaufen wäre sinnlos. Auch wenn ein Supermarkt völlig barrierefrei wäre, indem er alle Regale absenkt: Wie kaufe ich ein Waschmittel ein?" Entsprechend zwiespältig sieht er die Tatsache, dass etwa Ärzte laut Behindertengleichstellungsgesetz ab 1. Jänner 2016 ihre Ordinationen grundsätzliche barrierefrei gestalten - oder aber Strafe zahlen müssen. "Ich finde es gut, wenn irgendwo eine Rampe ist", sagt Tom Gschwandtner in seinem Aktivrollstuhl, "aber wenn von zehn praktischen Ärzten im Bezirk Horn drei barrierefrei sind und die anderen sieben nur schwer umbauen können -warum müssen diese sieben sich dann nach mir richten? Also für mich müssen sie das nicht, ich komme ja auch nicht auf den Mount Everest rauf."

Für solch politisch unkorrekte Aussagen würden Menschen, die nicht im Rollstuhl sitzen, vermutlich geteert und gefedert. Tom Gschwandtner kann sie sich leisten - auch wenn sie bei den Behindertenverbänden vermutlich auf Empörung stoßen. Ähnliches ist bei Gschwandtners Antwort auf die Frage zu vermuten, wie man ihn politisch korrekt bezeichnen sollte. Als "Mensch mit besonderen Bedürfnissen"?"Wenn das zu mir einer sagt, dann frage ich ihn: Geht's noch?", sagt er lapidar. "Ich würde mich als 'Behinderter' bezeichnen, oder als 'Rollstuhlfahrer'."

Sein Wunsch wäre ein unverkrampfter Umgang miteinander. "Dazu gehört, dass ich selbst um Hilfe bitte", so Gschwandtner. "Ich kenne aber auch Leute, die stellen sich vor die Tür und posten dann auf Facebook:'Da haben mich drei Leute angesehen und keiner fand es der Mühe wert, mir die Tür zu öffnen.' Aber wenn ich vor dem Rollstuhl ein Trottel war, bin ich es nachher mutmaßlich auch."

Gelähmt ist nicht gestorben

Von Tom Gschwandtner.

Kremayr & Scheriau 2015. 192 Seiten, hardcover, € 22,00

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