Österreichbild mit Abgründen

1945 1960 1980 2000 2020

Pflichtlektüre für die EU-14 und den drei Weisen nachgesandt.

1945 1960 1980 2000 2020

Pflichtlektüre für die EU-14 und den drei Weisen nachgesandt.

Die österreichische Seele" aus der Feder Erwin Ringels wurde ein Bestseller. Aber es gibt sie nicht - die eine Seele. Es gibt viele Mentalitäten. Kann man an einem Volk von Individualisten "Maß nehmen"? Rudolf Bretschneider, seit 35 Jahren im Fessel-GfK-lnstitut tätig, Johannes Hawlik, über ein Dutzend Jahre Kommunalpolitiker, derzeit Medienforscher, und Ruth Pauli, freie Journalistin, wissen, wovon und warum sie schreiben: "Allen Ernstes ist Österreich unermesslich. A.E.I.O.U."

Entstanden ist ein amüsantes Österreich-Buch, ein ÖsterreicherInnen-Buch, in zwölf Einheiten. Es sind keine Lektionen, aber man lernt, was österreichisch ist. Unser Weg war ein Weg ins Freie. Er führte vorwärts und aufwärts. Die Österreicherlnnen sind dem Raunzerimage zum Trotz fröhlich. Wir leben in einem optimistischen, freundlichen und zukunftsorientierten Volk, das die Zukunft bunt sieht. Mir ist schon die Gegenwart zu bunt, aber im Gegensatz zur Mehrheit, die durch eine starke Ausrichtung auf die nahe Zukunft und eine schwache auf die Vergangenheit charakterisiert ist, bin ich ein Freund der Vergangenheit. Die gute alte Zeit hat es freilich nie gegeben. Mit zwei Dritteln der Bevölkerung muss ich daher die Gegenwart für die beste Zeit halten. Trotzdem ...

Gesundheit ist das Wichtigste, aber gesundheitsbewusst lebt nur jeder zweite. Die Österreicherlnnen sporteln viel, aber mit Stil. Auto und Handy sind Visitenkarten, der Sommerfrische wird davongeflogen. Der Konsum wurde Genuss mit differenziertem Geschmack. Phäaken ja, Tänzer und Geiger na ja, Dichter und Denker eher nein. Wir essen und trinken gern und gut. Reich genug sind wir ja. Wir spielen gern, und wir gehen gern auf den Friedhof. Wir sind stolz auf unser Land, weil seine Landschaften so schön sind. Am schönsten ist's daheim.

Schon weniger sind unsere großen Söhne und Töchter ein Grund, die Heimat zu schätzen. Den meisten fallen nur Sportler, Mediziner, im Abstand dann klassische Musiker, Literaten, bildende Künstler und so weiter ein. Immerhin sind 15 Prozent sehr, 38 Prozent eher an Dingen interessiert, die mit Kunst und Kultur zusammenhängen. Das ist mehr als die Mehrheit. Konsalik, Simmel,Kishon sind Lieblingsautoren. Hesse folgt mit King. Der beliebteste österreichische Schriftsteller ist der Peter Rossegger.

Österreich gilt noch als katholisches Land. Aber die Herde verlässt die Hirten und die Hirten werden immer weniger. 70 Prozent aller Jugendlichen haben ein Interesse an religiösen Fragen: Aber institutionalisiertes Christentum und Kirchen sind "out". Familie, Arbeit, Freizeit und Freundschaft rangieren vor Religion bei ihnen. Aber sie sind auf der Suche nach der religiösen Aura.

Wie steht's mit unserer Identität? Es gab einmal ein reichisches, ein kaiserliches Österreich, ein "Resterreich", ein Deutsch-Österreich, ein österreichisches Österreich. Sind wir trotz der prima causa schon ein europäisches Österreich geworden? Das muss erst gemessen werden. Aber was ist der Maßstab? Die Klestil-Präambel ist wohl zu wenig.

Für viele begann die Heimatliebe erst 1945: "Glaubt an dieses Österreich" rief Figl, 1955 rief er: "Österreich ist frei"; manche fragten "Was - schon wieder?" Für viele begann die Nationalität erst mit der Neutralität. Die Generation meines Vaters (Jahrgang 1900) hat mehr Hymnen, Verfassungen und Eide erlebt als andere in Europa. Mit den vier Besatzungsmächten besetzten Rot und Schwarz die Gesellschaft. Jene gingen, diese blieben. Stabilität, Kontinuität und das Glück des Vergessens machten auf dem österreichischen Weg das Land zur "Insel der Seligen".

Die Parteiidentifikation ging aber in den letzten 30 Jahren um 30 Prozent zurück, die Wahlbeteiligung in den letzten 20 Jahren um 15 Prozent. Spätentscheider und Wechselwähler stiegen auf 20 Prozent. Parteien und Sozialpartner stecken in der Krise und damit die Sicherheit, die der österreichische Traum ist. Zwei Drittel sind für die Beibehaltung der Neutralität, Anhänger des Bundesheers mit Wehrpflicht und solche eines Berufsheers halten sich die Waage. Die Neutralität wurde zur Staatsidee und in der Praxis zur Natrolität.

Ein Mikronationalismus hat sich breit gemacht. Es besteht weniger eine Angst vor dem Neuen als vor dem Anderen und Fremden. "Nationalehre" ist nach Nestroy die Koketterie der Völker, vermöge der jedes Volk glaubt, das Hauptvolk zu sein, während die anderen nur Nebenvölker sind. So wie der einzelne Mensch nur darum jeden einen Nebenmenschen nennt, weil er sich für den Hauptmenschen hält." Dabei sind wir gar nicht so. Zahlen sprechen: 1956: über 150.000 Ungarn, 1968: 162.000 Tschechen und Slowaken, 1980/81: 30.000 Polen, 1991/92: 13.000 Kroaten und 80.000 Bosnier. Wir wurden Asylland, Fluchtland und Transitland, so für die Auswanderung russischer Juden während dreier Jahrzehnte. Wir wurden große Spender! Aber so wie die ÖsterreicherInnen zu ihrem Land lange ein gespaltenes Verhältnis hatten, so sind ihre Reaktionen zu Ausländern und Fremden, zur Asyl- und Zuwanderung gespalten. Dasselbe gilt auch für die EU-Osterweiterung. "Umfragen stellen seit 1945 einen ,abnehmenden Antisemitismus' in Österreich fest." Aber es gibt den "Windschatten-Antisemitismus". Er aktualisiert sich per Anlass.

Im Nachklang des Buches heißt es: "Wer jetzt kein Bild hat, formt sich keines mehr. Wer jetzt noch ratlos, wird es lange bleiben." Das ist abgewandelter Rilke, aber nicht so amüsant, wie das Wort Karl Freiherr von Biberic' (1904): "Alles ist relativ." In einer Umfrage zum "Österreichbewusstsein" fragte man 1980 nach der Bekanntheit lebender und verstorbener Österreicher. Darunter war auch dieser Freiherr. Es hat ihn nie gegeben. Aber sechs Prozent kannten ihn, bei männlichen Akademikern sogar elf Prozent. Ja, so sind wir, sind wir so?

Maß genommen - Österreich in der Meinungsforschung - ist maßvoll. Es ist gut geschrieben und doch hintergründig. Infotainment, das viel Assoziationsmaterial "roglert" macht, auch Abgründiges. Als causa prima sollte man es den 14 anderen EU-Staaten und den drei Weisen schicken. Es ist kein Werk wie der Film "Erster April 2000", der war doch zu lieb, um wahr zu sein. Aber liebenswert sind wir doch, oder?

Bretschneider, Hawlik und Pauli sind gebildete Menschen, die bei jedem Kapitel in die Geschichte gehen, auf die Moderne eingehen, ein bis drei Nestroy-Zitate voranstellen und manchmal auch mit Nestroy enden. Damit beweisen sie ihre Referenz vor dem großen Philosophen Wiens. Wir alle sollten Nestroyaner werden. Aber die anderen 14 auch.

"Maß genommen" - Österreich in der Meinungsforschung. Von Rudolf Bretschneider,Johannes Hawlik und Ruth Pauli. Holzhausen Verlag, Wien 1999,204 Seiten, geb., öS 330,-/e 23,98

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