#Volksabstimmung

100 Jahre Kärntner Volksabstimmung

Drago Jancar - © Foto: picturedesk.com  / Roni Rekomaa / Lehtikuva
International

Drago Jančar: Angst bei offener Tür

1945 1960 1980 2000 2020

Was wird aus dem Europa der Ränder, der kleinen Völker und ihrer Kulturen, welche Zukunft hat die slowenische Sprache? Ein Plädoyer für Nachbarschaften mit kreativen Unterschieden.

1945 1960 1980 2000 2020

Was wird aus dem Europa der Ränder, der kleinen Völker und ihrer Kulturen, welche Zukunft hat die slowenische Sprache? Ein Plädoyer für Nachbarschaften mit kreativen Unterschieden.

Der Augenblick ist gekommen, den der Historiker Bogo Grafenauer gefürchtet hat. Er war davon überzeugt, dass wir in Slowenien von dem Augenblick an, in dem die Grenzen fallen und wir zugleich ohne organische Verbindung zum südslawischen Hinterland bleiben, neuen Assimilationsströmen ausgesetzt sein würden. In seinen schwärzesten Bildern figurierte ein europäisch integriertes und zugleich verkauftes, nachgeordnetes, germanisiertes, italienisiertes und auch amerikanisiertes Slowenien, aus dem in wenigen Jahrzehnten die kulturelle Überlieferung und die slowenische Sprache verschwunden sein würden. Angesichts des unaufhaltsamen Aufstiegs von Milošević und des immer größeren wirtschaftlichen und politischen Chaos im einstigen gemeinsamen Staat räumte er zwar ein, dass ein solches Jugoslawien, das immer mehr ein Jugoslawien Miloševićs zu werden drohte, kein Garant mehr für den nationalen Weiterbestand Sloweniens war, seine Ängste aber hinsichtlich eines Europas ohne Grenzen waren dafür um nichts geringer.

Der Augenblick ist gekommen, den der Historiker Bogo Grafenauer gefürchtet hat. Er war davon überzeugt, dass wir in Slowenien von dem Augenblick an, in dem die Grenzen fallen und wir zugleich ohne organische Verbindung zum südslawischen Hinterland bleiben, neuen Assimilationsströmen ausgesetzt sein würden. In seinen schwärzesten Bildern figurierte ein europäisch integriertes und zugleich verkauftes, nachgeordnetes, germanisiertes, italienisiertes und auch amerikanisiertes Slowenien, aus dem in wenigen Jahrzehnten die kulturelle Überlieferung und die slowenische Sprache verschwunden sein würden. Angesichts des unaufhaltsamen Aufstiegs von Milošević und des immer größeren wirtschaftlichen und politischen Chaos im einstigen gemeinsamen Staat räumte er zwar ein, dass ein solches Jugoslawien, das immer mehr ein Jugoslawien Miloševićs zu werden drohte, kein Garant mehr für den nationalen Weiterbestand Sloweniens war, seine Ängste aber hinsichtlich eines Europas ohne Grenzen waren dafür um nichts geringer.

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Bogo Grafenauer war Historiker und berief sich auf unsere geschichtliche Erfahrung auf diesem Gebiet. Er war auch Kärntner, und die Tatsache, dass von der mehr als neunzigprozentigen slowenischen Mehrheit in Südkärnten nur noch wenige Bevölkerungsprozente übrig geblieben waren, die das Slowenische als ihre Umgangssprache anzugeben bereit waren, bedeutete für ihn fast einen persönlichen Schmerz und zugleich auch die nüchterne Feststellung dessen, wie das Schicksal einer Minderheit in Europa ausgehen kann und was es bedeutet, Angehöriger einer Minderheit zu sein. Und wir Slowenen werden mit unserer Sprache in der Europäischen Union eine Minderheit sein. Selbstverständlich wird im modernen Europa kein Platz sein für provinzielle Nationalismen, die aus Frustration, zu der man im österreichischen Kärnten Urangst sagt, Urangst vor den serbischen Reitern und dem roten Partisanenstern, ihre Losungen auf Transparente malen: Kärntner, sprich Deutsch! oder Es gibt kein Slowenisch Kärnten.

Erfahrung der Minderheit

Das bedeutet aber nicht, dass sich das Problem kleiner Sprachen und ihres Überlebens nicht mit anderer, neuer Schärfe stellt: Welchen heiligen Wert stellt die Sprache eigentlich dar, dass man sich so krampfhaft an sie klammern müsste? So wie aus dem modernen Denkhorizont die "Sippe", ein Begriff des 19. Jahrhunderts, der nicht nur anachronistisch anmutet, sondern auch im Widerspruch zur Grundauffassung der Menschenrechte steht - "Sippe" schließt nämlich den Andersartigen, den Artfremden aus - fast verschwunden ist, so tritt auch die Sprache aus dem Bezirk unantastbarer Heiligkeit heraus.

Und vielleicht stellt sich auch bald die Frage nach dem Sinnhaften des Gebrauchs kleiner Sprachen, die Frage, die nicht nur eine slowenische, sondern in gleichem Maße auch eine litauische, slowakische oder finnische ist: Was wird mit dem Europa der Ränder, der kleinen Völker und ihrer Kulturen, die aus gemeinsamen europäischen geistigen Wurzeln heraus zugleich auch jede ihre spezifische Entwicklung genommen haben? Sie integrieren? Zulassen, dass die zentripetalen Kräfte sie einsaugen? Ist das Palaver über die Identität der kleinen Völker, ihre Sprachen und Kulturen nicht nur mehr eine "ökologische" Frage und wird seine inhaltliche Berechtigung kurz über lang verloren haben?

Das Europa der Ränder

Für viele ist das Slowenische schon jetzt die Sprache der Literatur und Kommunikation innerhalb des slowenischen Staates und das Englische die europäische (wie von Larry Siedentop in seinem Buch "Demokratie in Europa" gefordert) und globale lingua franca. Für das Slowenische wird es sowohl vom Standpunkt der Funktionalität wie vom Aspekt der Heiligkeit aus sicher nicht leicht werden, wenn ich daran denke, dass wir gerade mal zwei Millionen zählen und dabei kein irgendwie auserwähltes Volk sind. Und da das Slowenische in der Europäischen Union eine ausgesprochene Minderheitensprache sein wird, stellt sich natürlich die Frage, ob wir in Kürze alle zusammen mit unserer Fixiertheit auf den Spracherhalt, mit unserem Dissidententum und unseren Volkszählungen, mit unserem Denken und unserer Mentalität ein Leben als Minderheitler führen werden, bei denen sich das breite Spektrum menschlicher Interessen auf die Frage reduziert, in welcher Sprache öffentlich und privat gesprochen werden soll.

Von der Kultur zum KZ

Dieses Stadium kennen wir bereits aus der Geschichte. Wir wissen, dass das 19. Jahrhundert vom Aufstieg der Nationalidee beherrscht wurde und dass das 20. die Zeit ihrer Realisierung und in den Nationalstaaten zugleich schon ihres Abstiegs war. Es begann mit der Kultur, mit pathetischen Versen, mit dem Besingen der stolzen Geschichte und der Liebe zu den Tugenden der Heimat, es endete mit Kriegen, Konzentrationslagern und ethnischen Säuberungen. Das tragische Finale und den letzten Akt dieser europäischen Entwicklung konnten wir zu Ende des Jahrhunderts im ehemaligen Jugoslawien verfolgen. Es gibt nur letzte Akte: Aussiedlungen, Umsiedlungen und Assimilationen spielten sich im mitteleuropäischen Raum das ganze 20. Jahrhundert hindurch ab.

Drama der Nachbarschaft

Nehmen wir nur Istrien, das österreichische Istrien vom Beginn des Jahrhunderts, etwas mehr als zwei Jahrzehnte Istrien in Italien, Istrien nach dem Jahr 1945 im kommunistischen Jugoslawien und das heutige Istrien mit seinen kleinen Fischereikriegen, die nur noch ein ferner und absurder Widerschein der einstigen internationalen Konflikte sind - absurd auch deshalb, weil Slowenen und Kroaten hier nie miteinander im Konflikt gelegen, sondern häufig zusammen die Lager des faschistischen Italien bevölkert haben, etwa auf Sizilien; und nach dem Jahr 1945 auch zusammen mit Italienern die jugoslawischen Gulags, etwa auf Goli otok - dieses Istrien mit seinen Grenzen, Lieben und Toden ist nur ein Teil des großen Dramas, das sich durch die Geschichte hindurch in diesem Gebiet ereignet und das ganz unschuldig mit Kulturkämpfen begonnen hat. Das Drama unserer Nachbarschaft in dem Land zwischen Alpen, Donau und nördlicher Adria begann zu Anfang des Jahrhunderts mit einem Kulturkampf, in dem keiner der Teilnehmenden derart unkulturelle und gewaltsame Folgen erwartet hätte, wie sie dann eingetreten sind.

Nation verdrängte Region

Zu Ende des 19. Jahrhunderts war das romantische und verhältnismäßig unschuldige Besingen der Heimatliebe schon passé, die nationalen Grenzscheiden wurden immer schärfer, die scharfen politischen Töne stützten sich durchwegs auf die Kultur, vorzüglich auf die Literatur, natürlich auf jene, die bereit war, diesem Zweck zu dienen. In dieser Zeit hat der nationale, aus heutigem Blickwinkel könnten wir sagen: nationalistische Blick auf die Welt endgültig die Oberhand über den regionalen gewonnen. Menschen derselben oder verwandter Sprache fühlen in dieser Zeit eine größere Nähe zu ihren fernen, Tausende und Abertausende Kilometer entfernten Sprachverwandten, immer weiter entfernt sind sie von den Menschen der anderen Sprache, die in ihrer Nachbarschaft leben. Slowenen oder Tschechen aus der österreichisch-ungarischen Monarchie blicken zum fernen Moskau, obwohl sie von ihm herzlich wenig wissen; deutschsprachige Österreicher starren nach Berlin und Frankfurt. Menschen, die sich Jahrhunderte hindurch in der Lebensweise nahe waren, die noch immer nebeneinander leben, an den Berührungspunkten der unsichtbaren Sprachgrenzen oder auch in denselben Städten, werden einander immer fremder, wollen einander immer fremder werden.

Das geht nicht so leicht, denn all die Jahrhunderte hindurch haben sie Gutes und Böses geteilt, haben gemeinsam Weinberge und Felder bestellt, Handel getrieben und in Eisenhütten gearbeitet, haben gemeinsam Volksfeste und Wallfahrten begangen, sich gemeinsam gegen die Türken verteidigt und einander bei Überschwemmungen und Erbeben zur Seite gestanden, haben gemeinsam im Rathaus getagt und im Kasino getanzt, sind in Krieg und Frieden auch einer unweit des anderen gestorben.

Aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts hassten sie einander immer mehr. Die Literatur spielte bei der Zerstörung der Nachbarschaft als Lebensweise eine wichtige, wenn nicht entscheidende Rolle. Natürlich kann man nicht die Literatur beschuldigen, sie hätte die Sache ausgelöst, ein solcher Zustand ist nicht vom Himmel gefallen, mit Sicherheit hatte die unglückliche Entwicklung auch ihre soziale Dimension. Es war nun einmal nicht normal, dass zum Beispiel in Krain, wo die Bevölkerung nach amtlichen österreichischen Zählungen zu mehr als neunzig Prozent slowenisch war, die Schlüsselstellen der Verwaltung von deutschsprachigen Landesbewohnern besetzt wurden. Und doch spielte sich der Kampf im Bereich der Kultur ab, hier war der Nährboden für künftige physische Gewalt, für Aussiedlung und Ausrottung.

Die politischen Männer, blind vom Kulturkampf, der gleichzeitig und ineinander verzahnt an zwei Fronten ablief, nämlich an der nationalen und an der klerikal-liberalen, sahen nicht, dass die Sache ins Verderben steuerte, aber es stimmt, dass auch die Leute der Feder das nicht erkannten. Und auch heute will niemand sehen, dass sich bei aller derzeitigen Feindschaft und trotz unterschiedlicher Religionen Albaner und Serben im Kosovo in manchem ähnlich sind, dass, wäre nicht die Feindschaft ausgebrochen, die Serben vom Kosovo mit den albanischen Nachbarn vermutlich mehr gemeinsam hätten als mit den urbanen Serben in Belgrad oder Novi Sad; nicht immer haben sie sich gehasst, lange Zeiträume hindurch haben sie miteinander in erträglicher Nachbarschaft gelebt. Gleiches gilt für die Völker in Bosnien, gilt für Litauer und Polen, für Polen und Ukrainer, für Franzosen und Deutsche in den Grenzgebieten, um gar nicht von Kärnten zu reden.

Unterschiede bewahren

Erst zu Ende des schrecklichen Jahrhunderts, das uns alle geteilt, Wunden geschlagen, mit Phobien und Ängsten erfüllt hat, erkennen wir verwundert, dass das Leben der Regionen und Nachbarschaften älter, beständiger und natürlicher ist als ein Leben innerhalb einer andere ausschließenden Nation, und dass es durchaus möglich ist, mit Unterschieden zu leben, vor allem mit sprachlichen und kulturellen.

Bei dieser Möglichkeit und dieser Erkenntnis meldet sich auch das Wort Multikultur, das mir von allem Anfang an nicht besonders sympathisch war, das viel zu sehr an bekannte ideologische Floskeln erinnert. Ich habe einmal Multikultur als einen Begriff bezeichnet, der in die Agronomie gehört, ebenso wie jener der Monokultur, wir brauchen weder das eine noch das andere. Ein kultureller, das heißt neugieriger und schöpferischer Mensch ist per definitionem multikulturell, in kultureller Autarkie könnte er nicht existieren. Man muss sie bewahren, diese Unterschiede, man muss ihnen ermöglichen sich zu entwickeln. Wer mit dem entgegengesetzten, ausschließlich regionalen Konzept kommt, das aus wirtschaftlichen, touristischen, aus Gott weiß was für Gründen diese Unterschiede auslöschen will, der begeht denselben Fehler, wie ihn die nationalen Unifikatoren begangen haben. Denn wenn wir nicht das natürlichste Leben mit Unterschieden, wenn wir nicht das Leben in Nachbarschaft lernen, kann es für uns zu einer unerwarteten und unangenehmen Wiederholung der Geschichte kommen. Und dann können wir nur noch traurig durch leere Städte wandern, wie es noch heute leere Städte im Inneren Istriens gibt, in denen der Sturm unsere historischen Begeisterungen und Miseren verbläst.

In Slowenien wird anlässlich des Einschlusses in die europäische Integrationsbewegung häufig die Frage gestellt: Wird das Slowenische denn überleben? Für manchen ist diese Frage nicht mehr wichtig: Der Mensch lebe nicht allein durch die Sprache, seine existentielle Situation reiche viel tiefer, seine Horizonte seien viel breiter, warum sollte also, außer für die Schriftsteller, die Sprache jenen hohen Wert darstellen, für den man so viel Zeit und Lebensenergie aufbringen muss? Warum sollte sich inmitten einer Welt vielfacher Möglichkeiten der Mensch an seine kleine Sprache klammern? Wie weit komme man überhaupt mit dem Slowenischen?

Welche Sprachen überleben?

In den siebziger Jahren schrieb der slowenische Schriftsteller Marjan Kramberger, ein ferner Nachkomme der deutschsprachigen Gemeinde Marburgs, einen vielbeachteten Essay mit dem Titel "Die Slovenophilie der slowenischen Literaten" und stellte eine These auf, die ich hier vereinfacht wiedergebe, nämlich dass einzig wir Schriftsteller auf die Sprache und über die Sprache auf das Slowenentum fixiert seien. Für seinen Freund, einen nach Deutschland übersiedelten Zahnarzt, sei diese Fixierung unsinnig, er habe das Deutsche angenommen und könne mit ihm gut und sinnvoll weiterleben. Solange bis er, würde ich heute hinzusetzen, er oder sein Enkel, eine andere Sprache annehmen werden, vielleicht das Englische. Keinerlei Sicherheit hat er nämlich, dass gerade das Deutsche in der Zeit der Globalisierung mit solcher Selbstverständlichkeit im öffentlichen Gebrauch erhalten bleiben wird, wie das Krambergers Freund, der Zahnarzt, meint. Wie lautet noch die wahre Anekdote? Ein Sprachenexperte sagte einmal zu dem Kärntner Slowenen Marjan ÇSturm am Rande der Sitzung einer Minderheitenschutzorganisation, er habe für ihn eine schlechte Nachricht. In den kommenden 100 Jahren, sagte er, werden viele Sprachen aussterben, darunter auch das Slowenische. Aber ich habe auch eine gute Nachricht für Sie, fügte er hinzu. Unter den Sprachen, die aussterben werden, ist auch das Deutsche.

Es stimmt, dass Angehöriger einer Minderheit oder eines kleinen Volkes zu sein, an und für sich keinen besonderen Vorzug darstellt. Ein Leben in unaufhörlich bedrohter Lage, in Sorge um das Überleben seiner Sprache, seiner Identität und daher auch menschlichen Integrität, ist keine Position, mit der jemand besonders glücklich sein kann. Das Schlimmste wäre es wohl, würde sich an den europäischen nationalen und sprachlichen Berührungszonen wieder der unglückliche Kulturkampf entzünden, der Kampf um die Sprache, die Kultur und das Recht, sich selbst zu verwalten. Aber zu wissen, dass eine solche europäische Zugehörigkeit kein Hindernis darstellt für die Entfaltung der eigenen Kreativität und aller pragmatischen Lebensformen, dass der Mensch in seiner eigenen Sprache, in der sich reiche Schichten kultureller Erfahrung angesammelt haben, voller und erfüllter lebt, als ihm das irgendeine lingua franca ermöglichen kann, das stellt unter den heutigen Verhältnissen doch einen Vorzug dar. Einen für jeden einlösbaren, nicht nur für Wortkünstler. Das Englische, das wir in der Hauptsache draußen in der Welt sprechen, ist nämlich nicht das Englisch Shakespeares oder T.S. Eliots, es ist ein Englisch, wenn wir eine Analogie aus der Biologie verwenden wollen, niederer Organismen. Und obwohl wir uns darin - um einen eingeführten Anglizismus zu verwenden - sophisticated über so komplizierte Systeme unterhalten können, wie es die Computer mit ihren Siliziumkristallen sind. Das heißt, dass wir beim Übergang aus der eigenen vollen Sprache, aus einer Sprache reich an Bedeutungen und Assoziationen, in eine globale Sprache des oberflächlichen Kommunizierens überwechseln. Des Kommunizierens, und nicht des Sprechens.

Globales Kommunizieren...

Vor kurzem ist in Irland ein Buch mit meinen Novellen in irischer Sprache erschienen, das heißt, in der alten keltischen Sprache, die zuerst einer ziemlich gewaltsamen, doch dann unendlich verführerischen Versuchung durch das Englische, die heutige Weltsprache, zu widerstehen hatte. Während der Vorstellung des Buches in Dublin und Killarney erlebte ich Reaktionen, die mit keiner anderen meiner Übersetzungen in große oder kleine Sprachen vergleichbar waren. Dabei ging es nicht nur um Literatur, es ging um die Sache des Herzens, um eine tiefere Identifikation, die nicht einmal ich selbst - ein Schriftsteller, der in der Sprache eines kleinen Volkes schreibt - vollständig begreifen konnte. Irische Intellektuelle und Politiker stellen heute ernstlich Überlegungen an, von der Europäischen Union die Erhebung des Irischen zu einer der Amtssprachen der Union zu fordern.

... und eigene Sprache

Iren, Walliser, Bretonen, Katalanen und viele andere europäischen Völker sind mit der Position ihrer Sprachen und Kulturen schlechter dran als wir Slowenen. Und doch wollen diese Sprachen leben, kommt es zu der seltsamen Blüte kultureller Organismen, die nach oben streben, ins Wachstum, in die Verschiedenheit, in die Buntheit unserer gemeinsamen Existenz. Letztlich zeigt uns die Erfahrung mit einer weiteren unsinnigen kommunistischen Utopie, die ein sowjetisches und innerhalb unserer Verhältnisse auch ein jugoslawisches Volk erschaffen wollte, dass die Verschiedenheit siegt. Deshalb kann weder einer vollständigen Globalisierung noch einer europäischen Unifizierung Erfolg beschieden sein. Das ist natürlich die Hoffnung des Schriftstellers - der slowenische Zahnarzt aus München, der Banker aus Frankfurt und auch der Kommerzialist aus Ljubljana denken vielleicht anders.

Gleichviel ist die Angst vor der offenen Tür Europas überflüssig. Es gilt einzutreten und dann offen mit allen menschlichen, sprachlichen, kulturellen und kreativen Unterschieden zu leben, das ist alles.

Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof.

Der Autor veröffentlichte 2001 Erzählungen unter dem Titel "Die Erscheinung von Rovenska" und 2002 den Essayband "Brioni" (beide im Folio Verlag).

Lesen Sie hier die Laudatio von Katja Gasser auf Drago Jančar anlässlich der Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur am 3. August 2020.

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