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Die Kosten der Zerstörung

Greta Thunberg - © Foto: APA/AFP/Lionel BONAVENTURE
International

Greta Thunberg oder Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert

1945 1960 1980 2000 2020

Die von Greta Thunberg formulierten Forderungen zeigen, dass unser ökonomisches System im Kern unökonomisch ist, da es seine Grundlagen konsumiert. Wir sollten das ändern. Ein Kommentar.

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Die von Greta Thunberg formulierten Forderungen zeigen, dass unser ökonomisches System im Kern unökonomisch ist, da es seine Grundlagen konsumiert. Wir sollten das ändern. Ein Kommentar.

„Das Problem mit Regierungen ist doch, dass sie von Mehrheiten gewählt werden, die sich um die Artenvielfalt einen feuchten Kehricht scheren. Wohingegen Milliardäre durchaus ein Interesse daran haben. Ihnen ist daran gelegen, dass der Planet nicht völlig vor die Hunde geht, weil sie und ihre Erben diejenigen sein werden, die genügend Geld haben, um ihn noch zu genießen.“ Das sagt Walter Berglund, einer der Protagonisten in Jonathan Franzens Roman Freiheit.

Die alljährlichen Global Risks Reports des Weltwirtschaftsforums in Davos zeigen, dass Widerstand gegen effektive Klimaschutzmaßnahmen, Migration, soziale Ungleichheit und fundamentalistische Strömungen keine getrennt zu sehenden Herausforderungen sind - sondern aufs Engste miteinander verwoben. Die Berichte stellen der Menschheit ein gutes Zeugnis bezüglich des Managements konventioneller Risiken, jedoch ein schlechtes in Sachen Erfassung und Bewältigung systemischer Risiken aus. Diese wirken global oder zumindest überregional und sind nicht durch lineare Ursache- und Wirkungsketten beschreibbar. Das bedeutet unter anderem, dass man schädliche Aktivitäten und Strukturen lange Zeit aufrechterhalten kann, ohne dass es zu nennenswerten Auswirkungen kommt. Sobald aber ein bestimmter Punkt überschritten ist, treten die negativen Folgen – wie etwa im Fall der Finanzkrise 2008 – mit großer Wucht ein und lassen sich nicht mehr korrigieren. Ähnliches sagen Wissenschaftler im Fall des Klimawandels voraus.

Ein zentrales Kennzeichen systemischer Risiken ist ihreUnterschätzung durch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.Viele sind bereits identifiziert, analysiert und bewertet. Einige wie der Klimawandel oder der Verlust der Artenvielfalt stehen im Mittelpunkt zahlreicher, meist getrennter wissenschaftlicher und politischer Aktivitäten. Die Bilanz der bisherigen Maßnahmen fällt mager aus.

Fortschritt, aber wie?

Wie soll vor diesem Hintergrund im Laufe der nächsten 20 bis 40 Jahre die Etablierung dauerhafter Lebens- und Wirtschaftsweisen im globalen Maßstab gelingen? Die aus der Forstwirtschaft stammende – ursprünglich ökonomisch motivierte – Idee der Nachhaltigkeit bzw. Nachhaltigen Entwicklung ist seit dem Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums (1972), dem Brundtland-Bericht (1987) und der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro (1992) als Menschheitsaufgabe global anerkannt.

Die Kernbotschaft der UN-Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung und des Pariser Klimaabkommens umfasst das Recht der ärmeren Länder und Regionen auf wirtschaftliche und soziale Entwicklung bei größtmöglicher Schonung der natürlichen Lebensgrundlagen sowie das Interesse und Recht künftiger Generationen an gleichwertigen Lebensbedingungen, Entscheidungs- und Entfaltungsoptionen.

Die Umsetzung dieser UN-Beschlüsse bedarf auf nationaler, europäischer und globaler Ebene veränderter politisch-rechtlicher Leitplanken für den ökonomischen Prozess, insbesondere für den Steuerungsmechanismus Markt. Bisher gelingt es der Politik – unter den herrschenden globalen Konkurrenzbedingungen sowie angesichts der Machtansprüche und Interessen der Nationalstaaten und leistungsfähiger Akteure – nicht, einen globalen zukunftsfähigen Ordnungsrahmen bestehend aus ökonomischen Instrumenten, Ge- und Verboten sowie Mechanismen der Querfinanzierung zu schaffen. Ich habe die Hoffnung, dass CO2 endlich so bepreist wird, damit die globalen Emissionen rechtzeitig im ausreichenden Maß sinken.

Kennzeichen systemischer Risiken, etwa des Klimawandels, ist ihre Unterschätzung durch Politik und Gesellschaft.

Nach wie vor dominiert jedoch das Streben, das westliche Wohlstandsmodell des Massenkonsums und der Wegwerfkultur – auch mit undemokratischen Mitteln – dauerhaft abzusichern und global zu etablieren. Dabei spielen Infrastrukturen und Technologien eine zentrale Rolle. Daher: Wo noch die Möglichkeit besteht, sollten keine mehrspurigen Autobahnen sondern öffentliche Verkehrssysteme gebaut werden. Wo kein fossiles Energiesystem existiert, ist eine solare Energieversorgung viel leichter umsetzbar. Dabei geht es auch um eine verkehrte Lernperspektive: Was können moderne Hyperkonsumgesellschaften von Ländern lernen, die mit strukturellem Mangel und Improvisation arbeiten (müssen)?

„Wie soll das rechtzeitig gelingen?“ fragen sich nicht nur die jungen Menschen, die an Freitagen auf die Straßen und öffentlichen Plätze gehen. Insbesondere unsere unhinterfragten Normalitätsvorstellungen, Bequemlichkeit, fehlende Langfristorientierung, Verdrängung, fehlendes Denken in komplexen Kausalitäten, Eigennutzenkalküle, Pfadabhängigkeiten und Kollektivgutprobleme machen es wenig wahrscheinlich, dass sich mehr Nachhaltigkeit gleichsam von selbst einstellt.

Konformismus und Anspruchsdenken

Was treibt uns Menschen an? Was motiviert uns? Welche Mechanismen laufen bei unseren Entscheidungen ab? Bei der Frage etwa, ob ich mit dem Flugzeug in den Urlaub fliege oder nicht, sind zum einen Fakten und Informationen wichtig. Ausschlaggebend sind letztlich aber Konformismus und Anspruchsdenken. Wenn alle das Flugzeug nehmen, kann ich das auch tun und damit mein Gewissen beruhigen. Wir verdrängen bei Entscheidungen die negativen Aspekte, legen uns die Welt zu recht und vereinfachen sie.

Deshalb muss jede Politik respektive Gesetzgebung so konstruiert sein, dass sie mit diesen Motivationsfaktoren rechnet. Dass eine adäquate rechtliche Rahmensetzung auf nationaler, europäischer und globaler Ebene bisher nicht zustande kommt, ist ebenfalls auf jene Faktoren zurückzuführen. Denn nicht nur Organisationen, Unternehmen und Interessenverbände, sondern auch die Politik werden von Menschen gemacht, deren Verhalten solchen Antrieben unterliegt. Ein freiwilliger Wandel in Unternehmen und Gesellschaft sind zwar denkbar, aber ohne verbindliche politische und rechtliche Maßnahmen fehlt ein entscheidendes Glied. Ein sehr großes Auto mit hohem Verbrauch soll entsprechend teuer werden.

Die Facebook-Dystopie

Mitte Juli meinte der visionäre Science Fiction Autor Neal Stephenson: „Ich glaube, in vielerlei Hinsicht erleben wir gerade eine Dystopie. Die Leute haben keine gemeinsame Basis mehr, um miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Aus seiner Sicht liegt das am Internet, im Besonderen an Facebook. Gleichzeitig besteht durch die Digitalisierung im Verbund mit staatlichen und kommerziellen Interessen eine reale Gefahr: Sie zerstört schrittweise das Private in einem demokratiegefährdenden Ausmaß, bisher ohne Gegenwehr.

Die offene Gesellschaft und die freiheitliche Demokratie mit ihren komplexen Entscheidungsstrukturen stellt historisch die Aus nahme dar. Die zentrale Stärke unserer demokratischen Institutionen und Verfahren ist, dass wir die Zukunft – auch die Digitalisierung – gestalten können und es an uns liegt, eine enkeltaugliche Politik zu entwickeln und umzusetzen. Ziel ist die Vergrößerung der Zahl der Möglichkeiten. Dagegen erinnert der zunehmende Rechtspopulismus daran, dass es schon immer Herrschaftssysteme gegeben habe, die ihre Macht mit einfachen Wahrheiten sicherten. Viele Menschen scheinen sich nach wie vor autoritären Strukturen samt Enthebung von der Selbstverantwortung zu sehnen.

Ich bin der Überzeugung, dass die Demokratie, die immer wieder reformiert und angepasst wurde – man denke an die Selbstverständlichkeit, dass Frauen wählen können – deutlich größere Lösungspotentiale für komplexe Probleme aufweist als autoritäre Systeme. Das gilt auch für die Europäische Union. Und anstatt dauernd ins IPhone zu starren, kann sich jeder von uns in Vereinen, Verbänden, Parteien oder Bürgerinitiativen engagieren und somit einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten.

Der Autor ist Mitglied des Österreichischen Rats für Nachhaltige Entwicklung.

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