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Nimmersatte Liebe zu Italien

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Eine Reportage über Alice Vollenweider, berühmteste Kochbuchautorin der Schweiz. Ihre Bücher sind wohltuender Kontrast zu Fast Food und Freßunkultur.

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Eine Reportage über Alice Vollenweider, berühmteste Kochbuchautorin der Schweiz. Ihre Bücher sind wohltuender Kontrast zu Fast Food und Freßunkultur.

Auf dem Weg in die Altstadt von Zürich sinniere ich über die vielen Rezepte, die die bekannte Kochbuchautorin Alice Vollenweider ausprobiert und deren Ergebnisse sie wohl auch selbst gegessen hat. Hartnäckig taucht dabei das Bild einer kugelrunden kleinen Frau vor dem inneren Auge auf.

Als sie mich vor ihrer Wohnungstür empfängt, muß ich lachen über die ganz und gar irrige Vorstellung, die ich mir von ihr gemacht habe: eine überschlanke, chic nach italienischer Mode gekleidete Dame empfängt mich und entschuldigt sich sofort, daß noch einige Bücherkisten herumstehen. Denn sie ist gerade in ein besonders schönes Haus im Niederdorf, dem ältesten Teil von Zürich, eingezogen. Das Haus stammt aus dem Jahr 1325 und gehört der Stadt Zürich. Wohnungen bekommen hier verdiente Züricher Bürger, vor allem Künstler und Schriftsteller.

In der hellen, schlicht eingerichteten Wohnung herrschen ein schwarzer Kater und Bücher. Alice Vollenweider erzählt, daß sie noch so spät nach Hause kommen kann: ehe sie nicht zwei Stunden gelesen hat, geht sie nicht ins Bett. Das Telefon klingelt, und Frau Vollenweider verwandelt sich im Handumdrehen, parliert in Höchstgeschwindigkeit im wohlmodulierten Singsang des Italienischen. Dabei ist die Tochter des Bezirksrichters von Greifensee nicht zweisprachig aufgewachsen. Ihre Italienisch-Kenntnisse verdankt sie einem Zufall. Sie studierte Französisch und Deutsch und bekam ein Stipendium für Neapel, um ihre Doktorarbeit „Der Einfluß der italienischen auf die französische Kochkunst im Spiegel der Sprache” fertigzustellen. Am Croce-Institut war jeden lag vier Stunden Anwesenheitspflicht. Sie beugte sich der Vorschrift - und las, alle großen Werke der italienischen Literatur. Damit wurde sie zur Expertin im Selbststudium.

In die Schweiz zurückgekehrt, versuchte sie sich als Lehrerin, dann als Redakteurin. Eines Tages bot sie der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) die Rezension eines neuen Gedichtbandes von Ungaretti an. Der Sprung ins Freiberuflerdasein folgte bald. Seither, und das sind jetzt 30 Jahre, bespricht sie jede italienische Neuerscheinung, die es ihr wert ist.

Das Reisen interessiert sie eigentlich nicht, und doch reist sie immer wieder - nach Italien. Jüngster Ertrag dieser nimmersatten Liebe: das Buch „Italienische Reise. Ein literarischer Reiseführer durch Italien”, in dem sie Aussagen moderner italienischer Schriftsteller zu ihrer Heimat zusammengetragen hat. Dieses Buch beraubt Bildungsschwärmer nördlich der Alpen vieler Klischees.

Alice Vollenweider ist in Rom ebenso zu Hause wie in Zürich. Sie berät deutsche Verlage, vor allem Wagenbach, was aus der Fülle italienischer Neuerscheinungen überset-zenswert ist. 15 Jahre widmete sie sich selbst dieser Tätigkeit, angefangen von Eugenio Montale, noch ehe er 1975 den Nobelpreis erhielt. Es folgten drei Romane von Natalia Ginz-burg („Stimmen des Abends”; „Familienlexikon”; „Winter in den Ab-ruzzen”), Werke von Luigi Malerba und - Krone und Ende ihrer Arbeit als Übersetzerin -Leopardis „Operette Morali” (philosophische Dialo-ge, 1827): „Ich glaube, es war keine schlechte Ubersetzung, nein, ich bin sogar überzeugt, daß es die beste deutsche Ubersetzung ist, die heute existiert. Doch wenn man sich an einem der größten Texte der italienischen Literatur mißt, dann kann man nur unzufrieden sein. Nachdem ich oft eine Woche über einer Seite gemessen hatte, sagte ich mir, daß ich jetzt genug habe vom Übersetzen.”

Alice Vollenweiders Mutter war eine exzellente Köchin; ihre Schwester schloß eine Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin ab. Kein Wunder also, daß die Büchernärrin Alice zu Hause nur den Salat waschen durfte. Als sie mit 25 von daheim auszog, konnte sie überhaupt nicht kochen. Heute ist sie die berühmteste Kochbuchautorin der Schweiz. Gelernt hat sie diese Kunst von einem Tessiner Freund. Erstes Ergebnis zwischen Buchdeckeln: „Kochen zu zweit”, Rezepte für zwei Personen.

Aschenbrödels Küche

Der große Erfolg stellte sich 1972 mit „Aschenbrödels Küche” ein. Der Untertitel verrät, daß Frau Vollenweider aus ihren Lesern keine Haubenköche machen will. Er lautet: „Einfach schmeckt besser”: Hier, ebenso wie in dem bezaubernden Buch „Italiens Provinzen und ihre Küche: Eine Reise und 88 Rezepte” hat sie ein eigenes Genre entwickelt. Ihre Rezepte beginnen nicht mit „man nehme”, sondern sie erzählt, wo ihr eine Speise zum erstenmal begegnet ist, wie die Einheimischen sie beschreiben, warum sie in ihrer Schlichtheit so gut schmeckt und daß als oberstes Gebot stets die Frische der Zutaten zu beachten ist.

Außerdem setzt sie beim Kochwilligen nichts voraus. So erklärt sie zum Beispiel, daß Polenta stets eine Kruste im Topf hinterläßt, was unaufrichtige Kochbücher verschweigen. Nie verfällt sie in unverständliches

Küchenlatein, nie in Hollywoodmanier ausgefallener Experimente. Diese Frau weiß: Der Mensch muß essen, er soll es gesund und natürlich tun, aber keinen Kult daraus machen. Seit zwölf Jahren führt sie in einer Schweizer Zeitschrift eine angeregte Korrespondenz mit weiblichen und männlichen Lesern. Kürzlich erschien eine Auswahl von über 400 Fragen und Antworten als Buch, „Alice Vollenweiders kleines Ku-linarium: Rezepte, Tips und Kochgeschichten”. Ein Kritiker schrieb über das Buch: „ Ich gehe jede Wette ein, daß .Alice Vollenweiders kleines Kulina-rium' zum meistverkauften Kochbuch des Jahres wird. Und das wäre gut so!”

Die Schweizerin, die ihrer Heimat kritisch aljer nicht leidend gegenübersteht, hat unter anderem einen interessanten Freund, den Schriftsteller Hugo Loetscher. Aus der Freundschaft entstand ein originelles Buch mit dem Titel „Kulinaritäten: Ein Briefwechsel über die Kunst und die Kultur der Küche”. Sie führten ihn ein Jahr lang öffentlich in der NZZ -höchst gelehrt, witzig, gescheit und sogar praktisch. Manchmal kochen die beiden auch zusammen.

In einer Zeit, in der die Freßunkultur groß geschrieben wird und die Reklame für Fertig- und Halbfertigprodukte gewaltig zunimmt, sind Alice Vollenweiders humorvolle Versuche, das Selbstkochen zu propagieren, ein wohltuender Kontrast zum Zeitgeist. Überhaupt hat diese Frau mit ihrem silbernen Lachen und ihren lustigen Augen nichts Predigerhaftes. Dazu ist sie auch viel zu stark beeinflußt von italienischer Leichtigkeit. In der italienischen Literatur - das will sie besonders hervorgehoben wissen - war und ist das Kochen nie bloß ein Randthema gewesen.

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