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Schwelger und Zertrümmerer

Biografische Annäherungen an Rainer Maria Rilke.

Kaum einer hat die Lyrik seiner Zeit (und Nachwelt) so geprägt und sich dabei dem allgemeinen Empfinden nach so abgenutzt wie Rainer Maria Rilke. "Sie sind eine unmögliche Aufgabe für künftige Dichter", schrieb ihm Marina Zwetajewa 1926, im Jahr seines Todes. "Einen Meister (wie Goethe z.B.) überwindet man, aber Sie überwinden - heißt (würde heißen) die Dichtung überwinden." Das mag heute überspannt anmuten, damals entsprach es dem Renommee des berühmtesten Lyrikers deutscher Zunge: Als Rilke starb, feierte ihn sogar der junge Erich Kästner als "einen der letzten Dichter". Heute ist es gerade dieser Ruf des Letzten, Sich-Überlebt-Habenden, der den gebürtigen Prager ohne festen Wohnsitz literarisch verdächtig macht. Der Zerrspiegel Hunderter poetischer Adepten hat das Seine dazu beigetragen, in Rilke den Manieristen des Reims, den parfümierten Sänger der Rosen und Engel und verblasenen Wie-Vergleiche zu sehen.

Figur der Moderne

Der in England lehrende Lyrik-Spezialist Rüdiger Görner hat nun den Versuch unternommen, den Autor der "Duineser Elegien" und der "Sonette an Orpheus" als eine wesentliche Figur der Moderne darzustellen, als einen Schriftsteller des Neuanfangs, der Décadence und Fin de siècle hinter sich ließ und als junger Mann davon überzeugt war, "daß man ein Beginner werden muß. Einer der das erste Wort schreibt hinter einen jahrhundertelangen Gedankenstrich". Görners Studie lebt gleichermaßen von der großen Nähe und der kritischen Distanz zu ihrem Gegenstand. Beeindruckend ist die Konsequenz, mit der sich ihr Autor auf Rilkes Sprache, Denken und Werk konzentriert, beinahe altmodisch und höchst gewinnbringend die Genauigkeit, mit der er sich ästhetischen Details widmet. Und das in einem Stil, der die Forschungsreise in das "Herzwerk der Sprache" zu einem Vergnügen macht. Görner setzt neue Akzente und beleuchtet auch kaum bekannte Seiten: Das Debakel etwa, das Rilke auf der Bühne erlebte - sein Künstlerdrama "Das tägliche Leben" erregte in Berlin Heiterkeitsstürme. Oder sein Engagement für das 1901 in Wien des Kindsmordes angeklagte Ehepaar Ott: Der Dichter wandte sich gegen die Hetze des Boulevards und wagte einen kühnen Vergleich zwischen Kunstwerk und Verbrechen.

Biographische Zusammenhänge dienen dabei nur als Gerüst. Der junge René, dem erst Lou Andreas-Salomé den Vornamen "Rainer" verpassen sollte (die bigotte, lieblose Mutter hatte ihn bekanntlich in Mädchenkleider gesteckt), berauschte sich am Wohlklang, verstieg sich förmlich in seiner Begabung, überschritt die Grenze zur Selbstparodie: "Die armen Worte, die im Alltag darben, / Die unscheinbaren Worte, lieb ich so. / Aus meinen Festen schenk ich ihnen Farben, / Da lächeln sie und werden langsam froh."

Rüdiger Görner freilich kann auch dem frühen Band "Mir zur Feier" etwas abgewinnen - und das begründen. Er zeigt, wie Rilke den Fluch des Virtuosentums überwindet und im "Stunden-Buch" und in den ebenfalls von der Großstadt - Paris - geprägten, radikal modernen "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" zur lauteren Stimme der Zeit wird. Wobei dies nicht linear, in "Perioden", geschehe, sondern gleichsam aufgefächert in Themen. Allzu defensiv ist vielleicht Görners Kommentar zum Kultbuch einer ganzen Soldatengeneration: Der "Cornet", eine Reitergeschichte vom ständigen In-Bewegung-Sein, eine Liebesgeschichte mit dem Tod, ein Traum vom ritterlichen Sterben, taugt nicht zum deutschen Heldenepos.

Poetische Spannweite

Von der unverblümten Beschwörung des Sexus im Buch "Von der Armut und vom Tode" bis zur Gottsuche in den Tiefen der russischen Seele und zur Feier der Verwandlung der Welt durch die Kunst in den "Sonetten an Orpheus" reicht Rilkes poetische Spannweite. Görner führt die genialen Bildverschränkungen ebenso vor wie die "bedeutungsträchtige Reimkunst". Rilke erscheint nicht nur als Sprach-Schwelger, sondern auch als -Zertrümmerer, in einigen Briefen und Versen hört man schon Paul Celans Echo, so manches der "Neuen Gedichte" ("Der Marmor-Karren") ruft in Erinnerung, an welchen Modellen avancierte Autoren der Gegenwart wie Franz Josef Czernin und Ferdinand Schmatz sich abarbeiten.

Rilkes Forderungen an sich selbst - "sehen lernen" und "verwandeln können" - haben etwas mit einem Verhältnis von Wissen und Intuition zu tun, das sich nicht an der wissenschaftlichen Weltsicht misst. Rilke zu lesen bedeutet für Görner, "einen Mythos sprechen hören, den Mythos vom Dichter, der beinahe verspätet, noch einmal das Orphische einklagt". Rilkes berühmtes "Rühmen", sein Ja-Sagen zum Leben, das zugleich stets ein Ja-Sagen zum Tod ist, fasziniert nach wie vor. In dem Gedicht "Wendung" plädiert das Ich im Selbstgespräch für eine Wendung von der Anschauung zur Liebe: "Werk des Gesichts ist gethan, / Thue nun Herz-Werk / An den Bildern in dir". (Rilke boykottierte übrigens 25 Jahre lang die letzte Rechtschreibreform des Jahres 1901.)

Mit der Liebe im konkreten geschlechtlichen Sinn befasst sich Gunnar Deckers biografische Arbeit, die sich zur Ergänzung empfiehlt: kein Tratschbuch, sondern, trotz kleiner Fehler, eine durchaus ernsthafte Auseinandersetzung. Scharfzüngig porträtiert Decker den schwärmenden Dichter als Don Juan mit zahlreichen handfesten Affären, als "raffinierten Impotenzvortäuscher", der die Frauen zur Rettung seiner Männlichkeit anstachelt, und zugleich als "Virtuosen der Fernstenliebe", der sofort auf Distanz geht, wenn ein festes Verhältnis droht. (Die Schwäche des Buches liegt darin, dass es die Wiederholung, die in der Sache liegt, allzu oft auch in der Formulierung pflegt.)

Auch seiner Ehefrau Clara Westhoff und seiner Tochter Ruth blieb Rilke nicht lang erhalten, schrieb dafür eifrig Briefe. Über tausend (!) Briefpartner umfasst seine Korrespondenz. In ihr sind das Authentische und das Spekulative nicht immer zu trennen: "Er hat kaum Geld, darum muß er überall Gast sein. Am liebsten Ehrengast. Da werden alle Frauen schön - aus Not." Was der Autor "gehobene Eintänzermanier" und "Schlössertourismus" nennt, hat seine Wurzeln gleichwohl in einer echten Kunst: Rilke vermag jeder Freundin, ob platonisch oder nicht, das Gefühl des Auserwähltseins zu geben. Seine Haltung ist eine geschwisterliche: "Die Männer sind mir fremd. Die Frauen rühren mich."

Die Frauen rühren mich

Ob Eleonora Duse, Marie von Thurn und Taxis, Sidonie Nádherny, Baladine Klossowska oder die Haushälterin Frida, der Rilke die Abhaltung eines Kochkurses mit Schwerpunkt "Leichte Aufläufe" schmackhaft macht: Ehrliches steht neben poetisch Verblasenem, Tiefgründiges neben Praktischem. Lou Andreas-Salomé (der einzigen, die IHN sitzen ließ) schildert Rilke unverblümt seine Masturbationspraktiken, auf die er seinen schlechten Gesundheitszustand zurückführt - in Wahrheit ist es Leukämie, seine Todeskrankheit, an der er sich trotz starker Schmerzen mit Würde bewähren wird: "Helfen Sie mir zu meinem Tod", bittet er eine Schweizer Freundin, "ich will nicht den Tod der Ärzte - ich will meine Freiheit haben."

Rilkes Frauen oder Die Erfindung der Liebe

Von Gunnar Decker

Reclam Verlag, Leipzig 2004

331 Seiten, geb., Euro 20,50

Rainer Maria Rilke -

Im Herzwerk der Sprache

Von Rüdiger Görner

Zsolnay Verlag, Wien 2004

343 Seiten, geb., Euro 25,60

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