"Singen, wie ein Geiger spielt"

Elisabeth Schwarzkopf hat die Bühne beherrscht wie kaum eine andere Sängerin, wollte aber keine Primadonna sein. Mit ihrer Ausstrahlung und Ausdruckskraft, ihrer musikalischen Autorität und singulären klanglichen Differenzierungskraft schuf sie, in vielen Rollen bis heute konkurrenzlos, magische Welten. Am 9. Dezember wird die Sopranistin 90 Jahre alt.

Die Furche: An der Wiener Staatsoper wurde kürzlich die Wiedereröffnung vor 50 Jahren gefeiert. Wie erinnern Sie sich an die Nachkriegszeit und das legendäre Mozartensemble?

Elisabeth Schwarzkopf: Wien nach dem Krieg, das war eine große Zeit mit einem wunderbaren Ensemble. Diesen Sängern musste man nicht erst eintrichtern, wie man Mozart singt. Wir hatten aber auch wunderbare Dirigenten und sehr gute Korrepetitoren, die alle Aufnahmen mitbetreuten. Wir haben nichts anderes getan als proben, proben, proben. Und es gab noch keine Mikrophone auf der Bühne, Gott sei Dank. Die Wiener Mozartzeit ist unerreicht.

Die Furche: Seit damals hat sich stilistisch viel geändert, gerade bei Mozart. Seine Musik wird auch gern von Barockspezialisten gesungen.

Schwarzkopf: Ich habe nur Einiges gehört und war erstaunt, was da gewagt wird und dass man keinen wirklichen menschlichen Ausdruck mehr in die Musik hineinbringen will. Wenn man Barock singt, mag es etwas anderes sein, aber bei Mozart kommt oft ein merkwürdiger Geschmack hinein. Mozart braucht eben etwas anderes als Bach. Mozart muss normal gesungen werden. Es ist eine verrückte Zeit heute. Doch irgendwann wird man herausfinden, dass es weder schön noch hässlich gibt, sondern nur richtig oder falsch.

Die Furche: Was macht den idealen Mozart-Stil aus?

Schwarzkopf: Dass Sie nichts dazutun, nicht irgendwelche Phantasiegebilde umsetzen dürfen. Sondern nur so singen, wie ein großer Geiger spielt. Walter Gieseking hat am Klavier nicht einmal das Pedal benutzt für unsere Mozart-Aufnahmen. Das kann natürlich nicht jeder. Mozart braucht Klangphantasie, aber in Gehorsam zu dem, was Sie vor sich gedruckt sehen. Es geht nicht um das, was Sie glauben, sondern um das, was in den Noten steht.

Die Furche: Gerade für Mozart braucht es auch die richtigen Räume.

Schwarzkopf: Die braucht es immer! In sehr vielen Räumen kann man nicht singen, da kommt man mit Tränen zurück, weil es wieder nix war - und es können sogar sehr schöne Räume sein. In Versaille zum Beispiel war es wunderschön, alles wiederhergestellt, ich sollte einen Liederabend dort singen und habe mich darauf gefreut. Ich komme rein und merke beim ersten Ton: Um Gottes Willen, da kann man nicht singen. Es hat damit zu tun, wie man sich hört und glaubt, hören zu müssen, wie man den Klang entfalten kann. Ich bin damals weinend davongelaufen - wie so oft. In Portugal: ein herrliches Barockgebäude mit verheerender Akustik. Es ist eine Strafe Gottes, wenn man in den falschen Gebäuden falsch interpretiert oder eben gar nicht interpretieren kann.

Die Furche: Da müssen Sie im Theater an der Wien glücklich gewesen sein, gerade mit Mozart.

Schwarzkopf: Herrlich! Das war die beste Akustik, die wir damals hatten. Es war Gott sei Dank ziemlich klein und immer ausverkauft. Ich sehe heute noch die russischen Damen, Wien war ja russisch besetzt, die in ihren Logen geweint haben. Bestimmt nicht wegen des Wortes, und bestimmt nicht wegen unseres Aussehens, sie können nur den Stimmklang verstanden haben.

Die Furche: Das heißt, prima la musica, dopo le parole - erst die Musik, dann die Sprache.

Schwarzkopf: Natürlich! In der Sprache des Schauspielers muss auch Ausdruck liegen, die Sprache gibt den Sinn, das Grundgefühl, selbstverständlich, aber nicht den Ausdruck für jeden Ton!

Die Furche: Wie sind Wort und Klang zusammenzubringen?

Schwarzkopf: Das geht gar nicht. Das Wichtige beim Singen ist immer der Klang. Er ist das Hauptmittel, das Gefühl auszudrücken, das in der Komposition drinsteckt. Wir müssen das Gefühl in den Noten lesen können, und ob man es dann in Klang umzusetzen vermag, ist eine andere Sache. Den Klang zu finden, ohne dass hunderttausend falsche Sachen dabei herauskommen! Meistens kann man's nicht, das ist das Schreckliche. Man sucht herum, ändert den Klang, aber er muss aus dem ureigenen Gefühl aufsteigen, nicht anderswo.

Die Furche: Dann beherrscht der Klang auch den Vokal?

Schwarzkopf: Ja, der Klang ist wichtiger als der Vokal. Sie müssen den Vokal färben, das muss in Ihrem Kopf, in Ihrem Inneren passieren, das macht man nicht mit dem Verstand. Wir müssen jeden Ton hinterfragen, jede Phrase.

Die Furche: Aber da kann es doch zu Vokalverfärbungen kommen?

Schwarzkopf: Ja, es kommt manchmal zu Verfärbungen, denn manche Vokale zum Beispiel kann man nur dunkler rüberbringen, auch wenn sie hohe C's sind oder hohe H's. Man muss sich selbst zuhören, die Ohren sind unser wichtigstes Instrument. Eine halbe Sekunde bevor der Klang kommen soll, muss er in Ihrem Gehirn aufsteigen, und dann soll er da sein. Das ist ungeheuer schwierig.

Die Furche: Was Ihnen fremd zu sein scheint, ist Sentimentalität.

Schwarzkopf: Das hat mich immer abgestoßen. Was ich angestrebt habe, war: ohne Sentimentalität und falschen Gefühlsüberfluss die Menschen zur Wahrheit zu bringen.

Die Furche: Sie unterrichten seit vielen Jahren. Was raten Sie jungen Sängern?

Schwarzkopf: Technik, Technik, damit können sie durchs Leben kommen. Wenn sie jemanden haben, der sie leitet, werden sie vielleicht auch Musik machen können. Man muss den Menschen die Phantasie wiedergeben, die ihnen aus der Musik entgegenkommt. Es geht darum, das Kunstwerk zu übermitteln, nicht die eigenen Stimme. Es braucht Jahre, bis sie dem Gefühl gehorcht. Man muss an der Genauigkeit, der Ehrlichkeit und dem Gefühl arbeiten, nicht an den Freiheiten, die man sich nimmt.

Die Furche: Sie lehnen moderne Operninszenierungen entschieden ab.

Schwarzkopf: "Don Giovanni" vor drei Jahren bei den Salzburger Festspielen: Ich bin in der Pause gegangen, habe ein schönes Glas Rotwein getrunken und überlegt, was mit der Kunst passiert. Da geschehen solche Sünden momentan, von Menschen, die denken, sie müssen in moderne Gewänder hüllen, was im 18. Jahrhundert komponiert worden ist und was bis heute niemand anzurühren gewagt hat. Reden wir nicht darüber, ich will es nicht mehr sehen.

Das Gespräch führte Ursula Strohal.

"Musik ist eine heilige Kunst"

Als Elisabeth Schwarzkopf vor kurzem in Tirol einen ihrer begehrten Meisterkurse hielt, nützte sie einen Augenblick der Ergriffenheit für ein leidenschaftliches Plädoyer: "Musik ist eine heilige Kunst, das muss für immer gelten. Unsere Kultur ist in Gefahr. Wenn das Falsche unterstützt wird und Falsches entsteht, ist das ein Verbrechen." Die Sängerin hat sich ihre scheinbar unbegrenzte Fähigkeit erhalten, eisern zu arbeiten und den Dingen auf den Grund zu gehen. 1915 in Jarotschin (Posen) geboren, studierte sie an der Berliner Musikhochschule und debütierte 1938 am Deutschen Opernhaus Berlin, 1942 an der Wiener Staatsoper. Nach dem Krieg wurde sie Mitglied des legendären Wiener Mozartensembles. Als sie 1946 ihren späteren Mann, den emi-Produzenten Walter Legge kennenlernte, begann eine neue Ära. Schwarzkopf wurde zu einer führenden Opern- und Liedgestalterin und schrieb, live und auf vielen Tonträgern, Interpretationsgeschichte. Ihre Mozart- und Strauss-Rollen, allen voran die Marschallin, ihre Liedgestaltung, an der Spitze der geliebte Hugo Wolf, und ihre sprühenden Operettenaufnahmen sind vielfach unübertroffen.

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