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süchtig nach schönem

Reiner Kunze wirft in seinen Gedichten einen genauen Blick auf die elementaren Dinge des Lebens.

Wenn du langsam gehst, holst du ihn schließlich ein, den alten Mann, der du bist, und seinen Schatten." Das diesem Lyrikband vorangestellte Zitat von Paavo Haavikko ist programmatisch für die neuen Gedichte Reiner Kunzes. In "lindennacht" bedient sich Kunze des Phänomens eines langsamen Zurückgehens, um an markanten Punkten seines Lebens - das betrifft aber auch die Gegenwart - innezuhalten.

Das Kartografieren der Erinnerungen schraffiert Schatten der Kindheit des mittellosen Bergarbeitersohns und das Lesen in den vielfältigen Spuren des Vergilbten und von der Zeit Weggewischten verbildlicht die Herkunftswelt des lyrischen Ichs: "Meiner kindheit liehen ihre farben / kohle, gras und himmel / Unter dieser trikolore trat ich an, / ein hungerflüchter, süchtig / nach schönem". Die Erinnerung an die Schacht- tasche des Großvaters, an die Einfachheit des Lebens, zu der das Bleichen der Wäsche am Wiesengrund gehörte oder das verbotene Spiel auf der "abraumhalde", wo man aus Gründen des Überlebens nach Kohle suchte - schließlich bekam man "für sieben kellerschaufeln kohle / einen laib brot" -, zeigt Elementares aus den Kinderjahren, das das lyrische Ich aus all den Jahren herübergerettet hat.

Neben einem genauen Blick auf die Natur und ihre Details vor dem Hintergrund der Jahreszeiten, etwa auf das von Kirsch- und Mostbirnbäumen "eingeblühte" Dorf, gibt es auch einen wichtigen Fokus auf das Thema Liebe, die inniger geworden in einem liebevollen poetischen Fresko gemalt wird. Die "Variationen über das Thema, Philemon und Baucis'" zeigen eine berührende Verbundenheit und Sehnsucht nach langer Gemeinsamkeit ("Tröstlich wär's, jahrhunderte noch / einander mit den zweigen / berühren zu dürfen, / und die linde / stünde dir"). Selbst die Gewissheit, dass die Stunde im Zeitkontinuum kommen wird, bringt nicht Verzweiflung und Hader, sondern wird in einem Bild tröstlicher Abgeklärtheit aufgehoben: "Möglich, daß irgendwann / beim anblick eines leeren schuhs / das universum / über uns zusammenstürzt // dann laß uns denken an den fuß, / zu dem der schuh gehörte, // und an das zehenspiel, / das ungezählte male, als wir / beieinanderlagen, / das universum / zurückkatapultierte / an seinen platz".

Kunze rückt das stille Wort in den Mittelpunkt, das Einfache, das gerade dadurch eindringlich ist und nachhaltig. Seine lebensnahe, sensible Sicht auf die Dinge erhellt wieder neue Facetten des Alltags. In diesem Sinne spiegeln diese Texte seine Beschäftigung mit der Musik, mit Reisebildern, mit koreanischer Literatur oder einfach nur mit dem Alter wider, so im folgenden Haiku: "Verzweifelt suchst du / nach den namen der dinge / Die welt entfernt sich". Sein Augenmerk richtet sich aber auch auf die Auseinandersetzung der Welt mit Mozart, auf Konzerte oder auf die Begegnung mit anderen Kulturen und Bräuchen. Die Unterschiede im Verhalten manifestieren sich in ganz simplen Dingen, wenn es zum Beispiel um ungeschriebene Regeln und kulturelle Einstellungen geht. Ein ostasiatischer Gast bestätigt erst nach dem dritten Mal die Frage, ob er hungrig sei, mit der sparsamen Antwort "ein wenig": "Dreimal / klopfe gegen den berg, / beim dritten mal / wird er sich öffnen - / einen spalt". Weise Einsichten ziehen sich durch Kunzes Lyrik, in ein klares Wort gefasste Augenblicke, die den Kern einer seltsamen Wesentlichkeit berühren: "VOM WEITERLEBEN NACH DEM TOD … Nur das unsicherste / ist sicher // Das, was außer in uns / keinen ort hat". Fast so, als würde plötzlich ein Stern vor uns auftauchen und im Nachdenken über einzelne Verse verglühen.

Lindennacht

Gedichte von Reiner Kunze

S. Fischer, Frankfurt am Main 2007

112 Seiten, geb., € 18,50

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