Jähe Erfrischung - Die Alte Donau in Wien lädt zu jeder Jahreszeit zum Schwimmen ein: Auch diesen Winter ist sie ein beliebter Treffpunkt zum Eisschwimmen. - © Foto: picturedesk.com / Willfried Gredler-Oxenbauer
Lebenskunst

Jetzt baden!

1945 1960 1980 2000 2020

Kaltwasser-Schwimmen ist eine prickelnde Herausforderung für Körper und Geist. Was ist daran so faszinierend – und welche Vorsichtsmaßnahmen sind zu beachten?

1945 1960 1980 2000 2020

Kaltwasser-Schwimmen ist eine prickelnde Herausforderung für Körper und Geist. Was ist daran so faszinierend – und welche Vorsichtsmaßnahmen sind zu beachten?

Wie unglaublich widerstandsfähig der menschliche Körper sein kann, verdeutlichen die Geschichten zweier Männer mit Spitznamen „Seehund“ und „Eisbär“. 1984 überlebte ein isländischer Fischer ein Schiffsunglück, bei dem er stundenlang im nächtlichen Meer schwimmen musste, um die Insel Heimaey südlich von Island zu erreichen. Als Gudlaugur Fridthorsson dort an Land gehen wollte, waren die Klippen zu steil. Also schwamm er weiter, die Küste entlang, um endlich über Felsen aus dem Wasser zu klettern. Barfuß lief er über scharfkantige Lavafelder. Mit zerschundenen Füßen erreichte Fridthorsson die nächste Siedlung und klopfte an die Tür eines Dorfbewohners. Er war gerettet; heute ist der „Seehund-Mann“ ein isländischer Nationalheld.

Auch Lewis Pugh führt gut vor Augen, was alles möglich ist. Der britische Umweltschützer schwamm als erster Mensch um das Nordkap, durchquerte den Ärmelkanal und schwamm in einem Gletschersee im Himalaya. Selbst am Nordpol hat sich der „Eisbär“ schon in die Fluten geworfen, um auf die Folgen der Klimakrise aufmerksam zu machen.

Beide Geschichten haben Hans-Peter Hutter inspiriert. Der Umweltmediziner von der Med-Uni Wien interessiert sich für die physiologischen Zusammenhänge, die es ermöglichen, im eiskalten Wasser längerfristig zu überleben. Der „Eisbär“ ist fähig, seine Körpertemperatur um zwei Grad Celsius selbst anzuheben: „Antizipatorische Thermogenese“ nennt man dieses erstmals beschriebene Phänomen. Beim „Seehund-Mann“ wiederum wurde ein hoher Anteil von braunem Fett dokumentiert. Dieses Gewebe gilt als „Heizorgan“ des des Körpers, dadurch wird Kälte besser abgeschirmt. Doch dieses Merkmal reicht nicht aus, um das erstaunliche Überleben des Isländers zu erklären, bemerkt Hutter: „Wer sich mit dem Kaltwasser-Schwimmen beschäftigt, stößt immer wieder auf medizinische Rätsel. So beeindruckt mich ungemein, wie der Fischer trotz all dieser Strapazen stets einen klaren Kopf bewahren konnte.“

Paradoxe Erfahrung

Der stellvertretende Leiter der Abteilung Umwelthygiene und -medizin am Zentrum für Public Health gehört heute selbst zu jenen Hartgesottenen, die unabhängig von der Jahreszeit unter freiem Himmel schwimmen gehen. „Früher war ich ein Warmduscher“, erzählt Hutter. „Hitze und Kälte haben einen positiven Effekt auf unser Gefäßsystem. Also habe ich begonnen, mich regelmäßig kalt abzuduschen: ein gutes Training für den Kreislauf, ganz simpel und kostenlos. Und schon bald bemerkte ich einen tollen Effekt auf das Wohlbefinden.“ Er wollte mehr ausprobieren – und wagte sich im November in die Alte Donau; die Wassertemperatur betrug elf Grad Celsius. Mittlerweile ist Hutter auch zum Eisschwimmer geworden: Das sind Menschen, die sich selbst von Wassertemperaturen unter fünf Grad nicht abschrecken lassen. So wie in Russland, wo das orthodoxe Neujahrsfest am 14. Jänner wieder mit dem traditionellen Eisbaden begangen wurde. Oder bei den zahlreichen Wettbewerben, die derzeit vielerorts abgehalten werden und auch bei Hobbyathleten auf wachsendes Interesse stoßen (wobei sich die Frage stellt, ob nicht die langsameren Schwimmer hier die größere Leis­tung erbringen, da sie viel länger im kalten Wasser verweilen).

Johannes Kapeller hält die Wettbewerbsidee beim Eisschwimmen für „eher kontraproduktiv“, denn er sieht darin eine paradoxe, gleichsam meditative Erfahrung: „Im eiskalten Wasser erfährt man eine starke Aktivierung, wie wenn eine Batterie schnell aufgeladen wird; aber auch eine tiefe Stille, in der man total präsent ist. In diesen Momenten werden alle anderen Dinge zweitrangig.“ Der Mitarbeiter der Österreichischen Mediathek am Technischen Museum Wien schätzt das Sonntagstraining an der Alten Donau, ist mit seinem Hobby aber auch schon weit herumgekommen – von der portugiesischen Atlantikküste bis ins russische Murmansk, nördlich des Polarkreises.

Wie unglaublich widerstandsfähig der menschliche Körper sein kann, verdeutlichen die Geschichten zweier Männer mit Spitznamen „Seehund“ und „Eisbär“. 1984 überlebte ein isländischer Fischer ein Schiffsunglück, bei dem er stundenlang im nächtlichen Meer schwimmen musste, um die Insel Heimaey südlich von Island zu erreichen. Als Gudlaugur Fridthorsson dort an Land gehen wollte, waren die Klippen zu steil. Also schwamm er weiter, die Küste entlang, um endlich über Felsen aus dem Wasser zu klettern. Barfuß lief er über scharfkantige Lavafelder. Mit zerschundenen Füßen erreichte Fridthorsson die nächste Siedlung und klopfte an die Tür eines Dorfbewohners. Er war gerettet; heute ist der „Seehund-Mann“ ein isländischer Nationalheld.

Auch Lewis Pugh führt gut vor Augen, was alles möglich ist. Der britische Umweltschützer schwamm als erster Mensch um das Nordkap, durchquerte den Ärmelkanal und schwamm in einem Gletschersee im Himalaya. Selbst am Nordpol hat sich der „Eisbär“ schon in die Fluten geworfen, um auf die Folgen der Klimakrise aufmerksam zu machen.

Beide Geschichten haben Hans-Peter Hutter inspiriert. Der Umweltmediziner von der Med-Uni Wien interessiert sich für die physiologischen Zusammenhänge, die es ermöglichen, im eiskalten Wasser längerfristig zu überleben. Der „Eisbär“ ist fähig, seine Körpertemperatur um zwei Grad Celsius selbst anzuheben: „Antizipatorische Thermogenese“ nennt man dieses erstmals beschriebene Phänomen. Beim „Seehund-Mann“ wiederum wurde ein hoher Anteil von braunem Fett dokumentiert. Dieses Gewebe gilt als „Heizorgan“ des des Körpers, dadurch wird Kälte besser abgeschirmt. Doch dieses Merkmal reicht nicht aus, um das erstaunliche Überleben des Isländers zu erklären, bemerkt Hutter: „Wer sich mit dem Kaltwasser-Schwimmen beschäftigt, stößt immer wieder auf medizinische Rätsel. So beeindruckt mich ungemein, wie der Fischer trotz all dieser Strapazen stets einen klaren Kopf bewahren konnte.“

Paradoxe Erfahrung

Der stellvertretende Leiter der Abteilung Umwelthygiene und -medizin am Zentrum für Public Health gehört heute selbst zu jenen Hartgesottenen, die unabhängig von der Jahreszeit unter freiem Himmel schwimmen gehen. „Früher war ich ein Warmduscher“, erzählt Hutter. „Hitze und Kälte haben einen positiven Effekt auf unser Gefäßsystem. Also habe ich begonnen, mich regelmäßig kalt abzuduschen: ein gutes Training für den Kreislauf, ganz simpel und kostenlos. Und schon bald bemerkte ich einen tollen Effekt auf das Wohlbefinden.“ Er wollte mehr ausprobieren – und wagte sich im November in die Alte Donau; die Wassertemperatur betrug elf Grad Celsius. Mittlerweile ist Hutter auch zum Eisschwimmer geworden: Das sind Menschen, die sich selbst von Wassertemperaturen unter fünf Grad nicht abschrecken lassen. So wie in Russland, wo das orthodoxe Neujahrsfest am 14. Jänner wieder mit dem traditionellen Eisbaden begangen wurde. Oder bei den zahlreichen Wettbewerben, die derzeit vielerorts abgehalten werden und auch bei Hobbyathleten auf wachsendes Interesse stoßen (wobei sich die Frage stellt, ob nicht die langsameren Schwimmer hier die größere Leis­tung erbringen, da sie viel länger im kalten Wasser verweilen).

Johannes Kapeller hält die Wettbewerbsidee beim Eisschwimmen für „eher kontraproduktiv“, denn er sieht darin eine paradoxe, gleichsam meditative Erfahrung: „Im eiskalten Wasser erfährt man eine starke Aktivierung, wie wenn eine Batterie schnell aufgeladen wird; aber auch eine tiefe Stille, in der man total präsent ist. In diesen Momenten werden alle anderen Dinge zweitrangig.“ Der Mitarbeiter der Österreichischen Mediathek am Technischen Museum Wien schätzt das Sonntagstraining an der Alten Donau, ist mit seinem Hobby aber auch schon weit herumgekommen – von der portugiesischen Atlantikküste bis ins russische Murmansk, nördlich des Polarkreises.

Im eiskalten Wasser erfährt man eine starke Aktivierung, aber auch eine tiefe Stille. Dann werden alle anderen Dinge zweitrangig. (Johannes Kapeller)

Eisbaden ist ein psychophysisches Abenteuer: Körper und Geist sind gleichermaßen gefordert. Ins kalte Wasser zu gehen, ist wie ein Schock. Es kann aber auch sein, dass sich die Kälte zunächst gar nicht so unangenehm anfühlt und erst später rasch zu schmerzen beginnt. In jedem Fall geht es darum, die Ruhe zu bewahren: „Man atmet in den Bauch hinein und versucht, die Atmung unter Kontrolle zu bringen“, erzählt Kapeller. Im eiskalten Wasser wird die Temperatur dann nur noch für die wichtigen Organe konstant gehalten; die Körperwärme wird also zentralisiert: „Das Blut zieht sich tendenziell auf die Kernbereiche des Körpers zurück. Finger und Zehen spürt man bald nicht mehr, der Rumpfbereich hingegen wird heiß“, berichtet Kapeller. Die potenziellen Gefahren sind nicht zu unterschätzen: „Es ist eine Art Todeszone, aber für Faule. Man muss sich dafür nicht auf einen hohen Berggipfel hinaufquälen.“

Immer mit der Ruhe!

Vorsichtsmaßnahmen sind zu beachten, etwa niemals alleine zum Wasser gehen und beim Schwimmen in Ufernähe bleiben. Bei Alarmsymptomen wie Verwirrung, Panik, Hyperventilation oder Herzrhythmusstörungen sollte man das Wasser sofort verlassen, ebenso wenn Muskeln nicht mehr richtig reagieren oder wenn die Gelenkstreckung plötzlich eingeschränkt ist. Das Bad sollte nur kurz dauern. Auch danach gilt es, ruhig zu bleiben und nur langsam wieder aufzuwärmen, um ein sekundäres Erfrieren aufgrund von kaltem Oberflächenblut zu verhindern. Seit er mit dem Eisschwimmen begonnen hat, lässt sich Kapeller einmal pro Jahr ärztlich durchuntersuchen: „Es hat dazu geführt, dass ich bewusster mit meinem Körper umgehe.“

Mythen zur Wirkung von Kaltwasser gibt es viele, die Studien sind mitunter widersprüchlich. Es gibt Hinweise, dass dadurch auch das Immunsystem stimuliert wird, woraus sich ein gewisser Schutz vor Erkältungen ergibt, wie Hutter bemerkt. „Man lernt, den Körper in einer Extremsituation zu regulieren und kann daraus auch Selbstwert schöpfen“, so der Mediziner. „Wenn man es vernünftig betreibt, ist das eine Erfahrung, die jeder Gesunde machen kann.“