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Die Abteikirche von Jäk

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Zwölf Kilometer südlich von Szombathely steht die ehemalige Benediktiner-Abteikirche von Jak. Ein romanisches Baujuwel und eines der bedeutendsten Werke mittelalterlicher Baukunst in Ungarn.

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Zwölf Kilometer südlich von Szombathely steht die ehemalige Benediktiner-Abteikirche von Jak. Ein romanisches Baujuwel und eines der bedeutendsten Werke mittelalterlicher Baukunst in Ungarn.

955 wurde die magyarische Streitmacht auf ihrem Eroberungszug nach dem Westen auf dem Lechfeld, südlich von Augsburg, vom Heere König Otto I. vernichtend geschlagen. Dazu merkt György Baläsz in „Die Magyaren - Geburt einer europäischen Nation” an: „Jenes ungarische Heer, das bei Augsburg geschlagen wurde, war nur ein Teil des gesamten ungarischen Heeres. Nur der Führer des nordwestlichen Gebietes nahm an den Feldzügen teil. Das stärkste Heer, das des Fürstenstammes, beteiligte sich nicht: Ärpäds Nachkommen enthielten sich solcher Streifzüge, unter anderem auch deshalb, damit das Land nicht ungeschützt blieb. Sicher war es dieses intakte Heer, das König Otto I. davon zurückhielt, unter Ausnützung seines Sieges ungarischen Boden zu betreten, wie es seinerzeit Karl der Große mit dem Land der Awaren gemacht hatte.”

Die Niederlage auf dem Lechfeld bestätigte die vorsichtige Politik des Fürstenstammes. Der Großfürst Är-päd wollte sich nur schrittweise dem

Ausland nähern, nicht mit Gewalt und wenn es notwendig schien, auch unter Einsatz des Christentums. Ärpäds Nachfolger nach der ersten Jahrtausendwende betrieben daher folgerichtig eine Politik der Diplomatie und Anpassung. Man begann vorsichtig Beziehungen mit Byzanz, mit italienischen Fürsten und mit dem sächsischen und bayrischen Herrscherhaus auszubauen. Zur Politik der Arpaden gehörte auch, sich anfangs nicht gegen das Christentum zu wenden und nach der Niederlage am Lechfeld dieses ausdrücklich zu fördern. Die herrschende Schicht verlangte zuerst von Byzanz und Rom Priester und Bischöfe als Missionare, später folgte eine Abwendung von Byzanz und eine Hinwendung zu Rom.

Die Benediktiner kommen...

König Otto I. hatte ursprünglich ein Interesse, eine eigenständige Christianisierung der Ungarn nicht zuzulassen, um später selbst diese mit Hilfe von Byzanz durchführen zu können, was letzlich eine gewaltige Einflußsteigerung im Osten und Südosten Europas bedeutet hätte. Als Fürst Geza im Jahre 972 den König durch einen Gesandten ausdrücklich darauf hinwies, daß er sein Volk mit des Königs Hilfe christianisieren wollte, mußte

Otto I. zustimmen.

Eine wohldurchdachte Christianisierung und Missionierung begann. Orden wurden ins Land geholt, zuerst die Benediktiner, später im 13. Jahrhundert die Zisterzienser und Dominikaner.

Begegnung von West und Ost

Ein einzigartiges Zeugnis des frühen Christentums in Ungarn findet sich über dem kleinen Ort Jak: die romanische Kirche der ehemaligen Benediktiner-Abtei, geweiht am 2. Mai 1256. Die dem heiligen Georg geweihte Abteikirche erhebt sich auf sanftem Hügel - schon von weitem sichtbar. Ein besonderer Anblick bei Sonnenuntergang, wenn die Sonne hinter der West-Fassade mit den beiden mächtigen romanischen Türmen ihre Reise in die Nacht antritt.

Nachdem der Benediktiner-Orden in Pannonhalma Fuß gefaßt hatte, entwickelte er besonders auf dem Gebiete der Baukunst eine außerordentliche Blütezeit, die bis in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts hineinreichte. Neben der Abteikirche mit ihrer dreischiffigen Pracht findet sich ein gleichfalls romanisches karnerar-tiges Gebäude, die St. Jakobs-Kapelle, die in den vergangenen Jahren der Pfarrgemeinde von Jak als Kirche diente. Die St. Jakobs Kapelle ist den romanischen Karnern imOsten Österreichs sehr verwandt. Und sie dürfte von der gleichen, wahrscheinlich aus dem babenbergerischen Österreich stammenden Bauhütte erbaut worden sein, wie die Abteikirche selbst.

Die Kirche findet in Österreich kein Gegenstück. Sie ist in ihrer Größe und Schönheit einmalig und sicherlich auch eine der schönsten Kirchen Ungarns überhaupt. An der Westfassade stehen die zwei mächtigen Türme, wie wir sie von normannischen Bauten kennen. Einer der Türme weist eine Rosette auf, ein Hinweis auf den Einfluß der frühen Gotik aus Frankreich. Dem Hauptportal verleiht ein dreieckig hervortretender Vorbau mit Säulen, Spitzen und Rundbögen sowie Statuen von Christus mit den zwölf Aposteln ein unverwechselbares Aussehen.

Die Abtei von Jäk wurde im Jahre 1214 von Märton Nagy aus dem Geschlechte der Jäk gestiftet. Durch den Tartarensturm im Osten Ungarns verzögerte sich der Bau bis zum Jahre 1256. Ist der ganze Bau der Kirche nach „westlichem” Muster, heißt französisch-normannisch, ausgelegt, so weist die Innenausstattung eindeutig in aenusten. Aniaiiiicn von Kenovie-rungsarbeiten in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts fand man nämlich Fresken mit eindeutig byzantinischem Charakter.

Das Schicksal der Abtei mit seiner Kirche war äußerst wechselhaft: Von den Türken heimgesucht - nach einem Brand 1567 zogen die Benediktiner aus der Abtei aus - wurde die Kirche im 19. Jahrhundert renoviert. Von der Abtei selbst blieb nichts erhalten. Heute ist die Abtei-Kirche ein Museum und den ganzen Sommer über geöffnet.

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