Meinung

Über Rohheit und Reife

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Kurz vor Beginn der Zentralmatura haben Mobbing-Videos aus einer Wiener HTL für Entsetzen gesorgt. Wie solche Verrohung möglich ist. Und was helfen könnte.

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Kurz vor Beginn der Zentralmatura haben Mobbing-Videos aus einer Wiener HTL für Entsetzen gesorgt. Wie solche Verrohung möglich ist. Und was helfen könnte.

Wertschätzung, Respekt, Zuwendung: Das bräuchten die jungen Menschen jetzt, meinte Kurt Scholz Montag dieser Woche im Ö1-Morgenjournal. Es war der erste Tag der heurigen Zentralmatura, und diesmal stand nicht nur die Reifeprüfung von 45.000 Schülerinnen und Schülern bevor, sondern auch ein Test politischer Problemlösungskompetenz: Zehn Monate lang war Scholz als ehemaliger (roter) Wiener Stadtschulratspräsident im Auftrag des (türkis geführten) Bildungsministeriums durch die Bundesländer getingelt, um die Misere der letztjährigen Mathematikmatura aufzuklären. Gemeinsam zimmerte man schließlich eine Lösung. Ob sie fairer und verständlicher wurde, werden wir in Bälde erfahren.
Auf jenen Videos, die kurz vor Maturastart die sozialen Medien fluteten, war von „Wertschätzung“ oder „Respekt“ freilich nichts zu sehen. Wiener HTL-Schüler, die ihren Lehrer drangsalieren; und ein apathisch wirkender Mann, der einen Schüler bespuckt: Derlei hatte man noch nicht gesehen – schon gar nicht unverpixelt. Dass der ehedem grüne, später türkise und nun wilde Nationalratsabgeordnete Efgani Dönmez die Videos unter Missachtung aller Persönlichkeitsrechte ins Netz stellte und damit den Lehrer nochmals demütigte, machte die Verstörung perfekt. Aber im Hohen Haus von heute ist Cybermobbing offenbar erlaubt.

Extremfall – oder typisch für den Schulalltag?

Auf die Frage, was die bewegten Bilder eigentlich zeigten, gab es rasch Antworten: Die einen meinten, sie zeigten einen absoluten Extremfall, der Quereinsteiger sei pädagogisch nicht ausgebildet, persönlich offenbar für den Lehrberuf ungeeignet und habe die Schüler zuvor rassistisch beschimpft; außerdem habe es Brutalität in der Schule schon immer gegeben. Die anderen meinten, die Szene sei typisch dafür, wie es heute an Österreichs Schulen im Allgemeinen und unter migrantischen Jugendlichen im Besonderen zugehe. Welche Position im Netz öfter geliked und geteilt wurde, kann man sich denken.
Tatsächlich haben viele Pädagoginnen und Pädagogen das Gefühl, dass das Unterrichten schwieriger geworden ist. Zu den üblichen, hormonell bedingten Problemen seien noch wachsende Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten und religiös oder kulturell verbrämte Konflikte gekommen. Die Datenlage hinsichtlich einer tatsächlichen Verrohung ist dünn, Vergleichszahlen fehlen. Laut Bildungsministerium gab es 2017/18 aber immerhin 857 Polizeieinsätze an Österreichs Schulen – die meisten in Wien und zwischen Schülern selbst.

Ewiger Eiertanz um Unterstützungspersonal

Das darf nicht so bleiben – schon gar nicht an einem Ort, an dem es um die Vermittlung „des Wahren, Guten und Schönen“ ginge. Es braucht also Maßnahmen. Doch welche? Ein (anonymes) Beschwerdetelefon und Broschüren allein werden nicht reichen. Es braucht endlich mehr Unterstützungspersonal – samt Ende des Eiertanzes darüber, wer in Wien wieviele Köpfe finanziert; es braucht Schulungen für Lehrkräfte punkto Konfliktmanagement; und es braucht mehr Wertschätzung gegenüber jenen, die sich an den Lehrberuf wagen. Ob es „Timeout-Klassen“ für Schüler braucht, die in Regelklassen nicht mehr auszuhalten sind, ist hingegen fraglich. Auch dies würde nur mit Professionisten funktionieren, für die schon in der Prävention das Geld fehlt.
Aber vielleicht wäre es überhaupt das Klügste, Kurt Scholz würde nochmals als Gesandter des Ministers durch die Schulen tingeln. Er könnte dabei nicht nur die Perspektive Susanne Wiesingers erweitern, die als Ombudsfrau vor allem Wertefragen und Kulturkonflikte in den Fokus nimmt; er könnte auch gleich die verrohte Deutschmatura reparieren. Reif für gemeinsame Lösungen werden – das wäre doch was in der Politik.