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Verfolgt und schikaniert

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Die Method-Feiern im Juli dieses Jahres zeigten die ungebrochene Stärke des christlichen Glaubens in der ÖSSR. Das Regime in Prag schmollt seither. Die Zukunft ist ungewiß.'

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Die Method-Feiern im Juli dieses Jahres zeigten die ungebrochene Stärke des christlichen Glaubens in der ÖSSR. Das Regime in Prag schmollt seither. Die Zukunft ist ungewiß.'

Schon Ungarn, das sich sonst eifrig seiner guten Beziehungen zum Vatikan rühmt, wollte im vergangenen Jahr nichts von einem Papstbesuch wissen. Und 1985 versagten auch Jugoslawien und die CSSR dem Papst eine Besuchserlaubnis. Alle hatten die Besorgnis, daß der Besucher aus Rom ihrem Land „polnische Zustände“ bescheren könnte. So reiste denn Anfang Juli Kardinalstaatssekretär Casaroli anstelle des Papstes in den Osten, um den 1100. Todestag des Slawenapostels Method zu feiern. Die Enzyklika, mit welcher Johannes Paul II. „wenigstens geistig in Ve-lehrad gegenwärtig sein“ wollte, war erstaunlich milde und vorsichtig abgefaßt. Die Lebensbeschreibung der Slawenapostel Kyrill und Method und das Loblied auf deren Wirksamkeit als Missionare und Kulturträger konnten schwerlich als politisch brisant bezeichnet werden. Zwar wurde im Schlußkapitel schließlich auch noch auf die Glaubensund Gewissensfreiheit eingegangen, doch geschah dies in der - diplomatisch verschlüsselten — Form eines Gebets.

Obwohl der Inhalt dieser Gebete offensichtlich auch von den Männern des Regimes durchaus richtig verstanden wurde, steht deren Erhörung gerade in der CSSR noch immer aus. Denn die religiösen Feiern zum Gedächtnis des hl. Method, bei denen sich sowohl in Velehrad (bei Prag) als auch im slowakischen Levoca gegen 150.000 Gläubige versammelten, dürfte die ohnehin vorhandene Angst der tschechoslowakischen Kommunisten vor jeder Art der religiösen Äußerung nur noch geschürt haben.

Die Kommunisten haben nicht vergessen, daß es nicht zuletzt religiöse Kräfte gewesen waren, die sich 1948 ihrer Machtergreifung zu widersetzen wagten. In diesem Zusammenhang ist insbesondere Josef Kardinal Beran (1888-1969) zu erwähnen. Nach der Entstali-nisierung, welche in der CSSR bis 1963 auf sich warten ließ, waren es wiederum religiöse Kräfte, die den „Prager Frühling“ von 1968 vorbereiteten.

Die im August 1968 erfolgte Unterdrückung des Prager Experiments wurde erneut von manchen Gläubigen nicht widerspruchslos hingenommen. Innerhalb der katholischen Kirche gingen aktive Gruppen in den Untergrund und versuchten parallel zur offiziellen Kirche eine Katakombenkirche zu konstituieren. Erheblich größere politische Bedeutung erhielt jedoch die im Januar 1977 gegründete und weitgehend religiös motivierte Dissidentenbewegung „Charta 77“.

Nach der Auflösung der „Friedenspriester“ vom Jahre 1968 riefen die Behörden 1971 eine Nachfolgeorganisation, „Pacem in ter-ris“ genannt, ins Leben. Die politischen Machthaber versuchten auf diese altbewährte Weise, die Kirche mittels regimetreuer Geistlicher von innen her auszuhöhlen. Es kam ihnen dabei zustatten, daß in der CSSR niemals eine Trennung von Kirche und Staat durchgeführt worden war und die Geistlichen dadurch ans staatliche Gängelband genommen werden konnten. Der Staat kommt nämlich für den Unterhalt der Priester nur dann auf, wenn diese „politisch zuverlässig und unbescholten sind und auch sonst die allgemeinen Bedingungen für die Aufnahme in den Staatsdienst erfüllen“.

Dies erlaubt dem Regime eine „sanfte“ Diskriminierung. Mißliebige Priester werden nicht mehr zu Hunderten in Strafarbeitslager gesteckt. Nein, man verweigert ihnen „bloß“ die Arbeitsbewilligung zur Ausübung ihres geistlichen Amtes.

Wen erstaunt es, daß von 14 katholischen Bischofssitzen in der CSSR nur gerade drei von einem ordnungsgemäß eingesetzten Bischof und zwei weitere von bischöflichen Apostolischen Administratoren verwaltet werden. Selbstverständlich wird auch die Priesterausbildung eingeschränkt und von der Geheimpolizei überwacht.

Nachdem die Kommunisten in der CSSR durch die Ereignisse in Polen bereits hochgradig beunruhigt waren, führte das zu Beginn des Jahres 1982 veröffentlichte Dekret der vatikanischen Klerus-Kongregation, welches Priestern verbietet, sich zu politischen Organisationen zusammenzuschließen, zu zusätzlichen Spannungen. Die Forderung des Prager Primas Frantisek Kardinal Tomäsek nach Auflösung der Priestervereinigung „Pacem in terris“ wurde vom Regime als vatikanische Einmischung in die inneren Angelegenheiten energisch zurückgewiesen. Trotzdem trat eine Reihe von Priestern (nicht zuletzt unter dem Druck ihrer Gläubigen) aus der Priestervereinigung aus.

Im Januar 1983 wurde schließlich der langjährige und völlig korrupte Minister für Kirchenfragen, Karel Hruza, durch den Politologen Vladimir Janko ersetzt. Für die Kirche war damit allerdings nichts gewonnen. Denn die Behörden versuchten auch weiterhin mit Maßnahmen aller Art, die von Schikanen gegenüber Kindern der Gläubigen bis zu Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und Prozessen mit hohen Gefängnisstrafen reichten, das religiöse Gefüge zu erschüttern und mit der erpresserischen Verweigerung von Bischofsernennungen Druck auf die Kirchenleitung auszuüben.

Doch als Mitte 1984 Parteikreise anläßlich einer „Pacem-in-ter-ris“-Versammlung die Idee lancierten, die katholische Kirche in der CSSR solle sich als unabhängige Nationalkirche konstituieren und eine Union mit dem Moskauer Patriarchat eingehen, da erhob sich sogar offener Protest bei den Friedenspriestern.

Es war vorprogrammiert, daß der primitive Versuch einiger Genossen, die Method-Feier in Velehrad vom Juli 1985 zu einer angeblichen Friedensdemonstration umzufunktionieren, lautstarken Protest der versammelten Pilger hervorrufen mußte. Denn seit langer Zeit hatten die breiten Massen der Gläubigen keinen ähnlichen Solidarisierungseffekt erlebt wie bei dieser Demonstration tschechoslowakischer Gläubigkeit. Die Pfiffe galten einem Regime, das die Menschenrechte der Gläubigen (und nicht nur dieser) seit Jahren sträflich verletzt.

Es ist schon abzusehen, daß das Regime der CSSR diesen Gesichtsverlust nicht hinnehmen wird. Ein deutliches Zeichen hierfür war die unerwartet rasche Rückkehr von Kardinalstaatssekretär Agostino Casaroli aus Prag. Anscheinend hatten die Behörden nach den Erfahrungen bei den Method-Feiern kein Bedürfnis mehr, die Gespräche mit dem Vertreter des Hl. Stuhls weiterzuführen. Das Regime schmollt, und das eröffnet den tschechoslowakischen Katholiken bestimmt keine frohen Zukunftsperspektiven ...

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