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Bhutan - Im Land des Donnerdrachens

Zauberhaftes Bhutan. Spät öffnete sich das traditionsreiche buddhistische Königreich im Himalaya für die moderne Welt. Reise durch ein geheimnisvolles Land im Vorfeld der kommenden Parlamentswahlen.

Von Massentouristen wie in Indien will Bhutan nichts wissen, von alternativen Touristen wie einst in Nepal auch nicht. Das kleine Land im Himalaya will Umwelt und Volk vor den zweifelhaften Erfahrungen seiner Nachbarn schützen und trotzdem von Einkünften aus dem Fremdenverkehr profitieren. Protektionistisch und elitär wird denn auch der Tourismus gestaltet. Die Perle Bhutan zu bereisen, ist nicht billig. Doch durch das Gebotene wird der Gast reich entschädigt.

Wir schätzen uns glücklich, dass wir eine Mini-Reisegruppe darstellen; wir sind nur zu zweit. Das gebirgige Hochland, das kleiner ist als die Schweiz und rund 700.000 Einwohner zählt, durchqueren wir von West nach Ost mit Fahrer und Guide, entsprechend dem touristischen Reglement. Die jungen Männer sind Brüder und ein eingespieltes Team. So wird uns auf der Tour auch mal ein Sonderwunsch erfüllt.

Im Nest des Tigers

Wir landen via New Delhi im Land des Drachens. Ein Kleinflugzeug der nationalen Airline "Druk Air“ bringt uns nach Paro. "Drachenfliegen“ notiere ich im Tagebuch. Der Blick auf die schneebedeckten Gipfel ist ein Erlebnis. Im pittoresken Flughafen dieser Gebirgsidylle begrüßt uns Kengua, der Guide, mit weißen Schals. Er trägt wie sein Bruder, der Fahrer Galey, die traditionelle Kleidung, den Gho. Wie alle, die im Staatsdienst tätig sind. Bei den Frauen ist es die bodenlange Kira.

Erster Höhepunkt ist der Aufstieg zum berühmten Felsenklos-ter Taksang Tiger’s Nest. Einheimische nützen den Sonntag für eine Pilgerreise. Kinder stapfen fröhlich neben den Eltern bergan, Babys werden auf dem Rücken getragen. Luxustouristen waren auch schon hier; Richard Gere ließ sich im Hubschrauber einfliegen. Rinpung Dzong, einst ein Bollwerk gegen die Tibeter, ist die erste der mächtigen Festungen, die fortan unseren Weg durch die Bergtäler säumen. Wo immer wir hinkommen, die Menschen sind freundlich und unaufdringlich.

Weiter geht es nach Thimphu, in die Hauptstadt. Wir werden in die Traditionen Bhutans eingeführt: Vom Volkskunstmuseum geht es zum Webzentrum, vorbei an der Malschule, wo die 13 traditionellen Künste gelehrt werden, vom Minizoo zum Institut für Naturheilkunde. Ugyen Dendup, der Direktor, empfängt uns. 94 Medikamente aus pflanzlichen und tierischen Substanzen werden hier erzeugt. Eine Zeitlang flossen auch EU-Gelder. Ugyen studierte in Schottland Pharmazie. Er berät seine Regierung in Sachen WHO.

Auf der Fahrt in die alte Hauptstadt Punakha besichtigten wir die 108 Stupas, die 2004 im Gedenken an den Sieg gegen die indischen Assam-Rebellen errichtet wurden. In der Abenddämmerung erblicken wir die neue monumentale Buddha-Statue. Sie soll künftig Pilgertouristen anlocken. Punakha ist Krönungsstätte der Könige und Winterresidenz des obersten Abtes. Uns erwartet jedoch ein weltliches Abendprogramm. Die "Boys“ führen uns in ein Restaurant mit Karaoke. Die Sängerin im Kira singt in der Nationalsprache Dzongka inbrünstige Lieder.

Österreichische Spuren

Über den Pelela-Pass, der Großglockner-Höhe hat, gelangen wir nach Trongsa. Die stattliche Fes-tung ist, wie üblich, teils Kloster, teils lokales Verwaltungszentrum. Mit diesem Dzong hat es aber eine besondere Bewandtnis: Von 2005-2008 wurde der Turm von Trongsa mit Mitteln der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit res-tauriert und darin ein Museum mit wertvollen Kunstschätzen eingerichtet. "No pictues“, heißt es hier wie in den Tempeln. Doch unter Hinweis auf "Austria“ erwirke ich beim Sicherheitschef eine Fotoerlaubnis. Jenseits des Yotongla-Passes finden wir uns im Kernland Bumthang. In einem Dorf läuft ein Bewerb im Bogenschießen. Dem Nationalsport Bhutans huldigen die Männer im Gho mit Leidenschaft. Auf 150 Meter Distanz fliegen die Pfeile. Seine Armbrust habe er in Australien gekauft, sagt ein Schütze stolz. Im Dzong of the White Bird proben Burschen und Mädchen in Prachtgewändern für ein regionales Fest. Auch das alte Kloster Lhakhang besuchten wir noch vor dem Touristenrummel, der anlässlich der Festivals ausbricht.

In Jakar sind wir im Swiss Guest House untergebracht, Werk eines Schweizer Bhutan-Pioniers. Der Käsemeister Fritz Maurer kam 1969, initiierte Agrarprojekte und heiratete eine Bhutanesin. Seine Enkelin erzählt in gutem Deutsch, sie habe in Chur die Hotelfachschule gemacht. Stühle mit geschnitzten Herzerln und Hirschgeweihe an den Wänden zaubern im Restaurant Alpenromantik herbei. Jagen und Fischen sind in Bhutan, wo 25 Prozent des Gebiets unter Naturschutz stehen, verboten.

Buttertee und Starkbier

Jetzt wird die Route weniger touristisch, denn die meisten Besucher fahren nicht in den Osten. Im Bergdorf Ura nächtigen wir in einem typischen Bauernhaus. Der Besitzer, Dorji Wangchuk, ist Parlamentsabgeordneter. Buttertee und Starkbier der Marke "Druk“ wärmen uns, denn die Nächte in den Bergen sind kalt. Anderntags haben wir eine sehr kurvenreiche Bergstrecke vor uns und passieren den höchsten Pass, den Thrumsengla in 4000 Meter Höhe. Vom Hochgebirge geht es abwärts, nach Mongar im Südosten. Vorbei sind die Nadelwälder, wir nähern uns subtropischen Gefilden, wo Bambus, Farne und Bananen wachsen.

Da uns das Schulwesen interessiert, machen wir einen Abstecher in eine Fachschule. Auch Mädchen werken eifrig in den Lehrwerkstätten der Tischler und Mechaniker. In Trashigang genießen wir würziges Essen im Garten und vergönnen uns einen heimischen Whisky. Unseren Boys kann der Reis nicht scharf genug sein. Ohne Chili geht in Bhutan gar nichts.

In Trashi Yangtse besuchen wir noch zwei heilige, sagenumwobene Stätten. Im Tempel von Gom Kora soll der große Guru Rinpoche eine Anaconda besiegt haben. Ein riesiger Felsblock erinnert daran. Bei der großen Stupa von Chora Chorten hält ein aus Australien zurückgekehrtes Paar eine Danksagung. Dutzende Pilger umrunden das Heiligtum. Drinnen beten die Mönche, im Kreis hockend, und nehmen Opfergaben entgegen.

Zwei berührende Begegnungen am Ende unseres Aufenthalts werden unsere Reise ins Land des Donnerdrachens immer in lebendiger Erinnerung halten. In einem Dorf bei Trashigang begegnen wir einem in der Gegend verehrten buddhistischen Meister, Rangzhi Khar Lam. Er lädt uns auf einen Tee ein. Ich erzähle ihm von den interreligiösen Dialog-Konferenzen in Wien und den Besuchen des Dalai Lama. Unser sonst so gesprächiges Brüderpaar lauscht ergriffen.

In der Grenzstadt Samdrup Jongkhar verbringen wir die letzte Nacht. Das Verlangen nach einem Whisky zum Verdauen des üppigen Abschieds-essens mit den Boys führt uns an die Hotelbar. Wir kommen mit einem älteren Guide ins Gespräch. Tenzin Cho-pa, stellt er sich vor. "Was, Ihr kommt aus Österreich?“ Tenzin hat den Tibet-Forscher Heinrich Harrer und dessen Frau Carina auf ihrer letzten Bhutan-Reise begleitet. Klein ist die Welt.

Auf unseren langen Fahrten durch die Berge haben wir nicht nur viel vom alten Bhutan gesehen, sondern auch viel über das neue Bhutan gelernt. Über die Königsfamilie, die buddhistische Staatsreligion. Über Schulsystem, Arbeitsmarkt, Gastarbeiter. Über Naturschutz und die lieben Nachbarn. Über Haschisch, das auf freiem Feld wächst. Über die hohe Jugendarbeitslosigkeit, über Drogen- und Alkoholprobleme. Blicke hinter die Fassade einer Idylle.

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