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Wie Macht deformiert

Walter Kohls Weg aus dem Schatten des übermächtigen Vaters - sein Buch "Leben oder gelebt werden“ ist das berührende Zeugnis einer Selbstbefreiung, um die er lange gerungen hat.

Kein deutscher Nachkriegskanzler hat so lange regiert wie er. Wie hat Helmut Kohl diese 16 Jahre im Haifischbecken der Politik überlebt? Wie gelangen ihm seine Erfolge als "Kanzler der Einheit“ und "Lotse Europas“? Es waren sein Führungswille, seine Konstitution, der unbeirrbare Glaube an sich selbst, Visionen, für die er missionarisch kämpfte, und ein perfektes Machtkontrollsystem in der CDU. Der Preis für dieses Politikerleben war hoch.

Walter Kohl, der ältere der beiden Söhne, hat diesen Preis mit bezahlt. In dem Buch "Leben oder gelebt werden“ schildert der 47-Jährige seinen fremdbestimmten Weg als "Sohn vom Kohl“. Es war die Zeit der "vaterlosen Gesellschaft“ des Nachkriegsdeutschlands, in dem sich die Väter dem "Aufbau“ verpflichtet glaubten und für den Familienzusammenhalt die Mütter zuständig waren.

"Seine wahre Familie heißt CDU, nicht Kohl“, schreibt der Sohn. Er schildert seinen Vater als Machtmenschen mit innerer Unsicherheit, angewiesen auf die Gefolgschaft der "Kohlianer“. Seine Mutter porträtiert er auf berührende Weise, eindringlich beschreibt er das unvergessliche Jahr 1989, liefert Anekdoten, nie aber Indiskretionen.

Die Bedingungen des Medienzeitalters

Im Kern liegt ein Psychogramm dessen vor, was sich an Entfremdung hinter der Fassade eines Familienidylls entwickeln konnte - mit dem Selbstmord von Hannelore Kohl als tragischem Höhepunkt. Das Buch spiegelt die oft unmenschlichen Bedingungen wider, mit denen Spitzenpolitiker im Medienzeitalter zu kämpfen haben. Selbst das Privateste wird ausgeschnüffelt. Wie konnte sich der lange Zeit extrem angefeindete Helmut Kohl - "Birne“, "Provinzler“, "total unfähig“ - unter diesen Umständen behaupten?

"Wer ‚für‘ die Politik lebt, macht im innerlichen Sinne ‚sein Leben daraus‘: er genießt entweder den nackten Besitz der Macht, die er ausübt, oder er speist sein inneres Gleichgewicht und Selbstgefühl aus dem Bewusstsein, durch Dienst an einer ‚Sache‘ seinem Leben einen Sinn zu verleihen.“ So heißt es bei Max Weber in seinem Münchner Vortrag "Politik als Beruf“ (1919).

An anderer Stelle sagt er: "Auch die alten Christen wussten sehr genau …, dass, wer mit der Politik, das heißt mit Macht und Gewaltsamkeiten als Mitteln, sich einlässt, mit diabolischen Mächten einen Pakt schließt, und dass für sein Handeln es nicht wahr ist: dass aus Gutem nur Gutes, aus Bösem nur Böses kommen könne, sondern oft das Gegenteil.“ Max Weber plädiert für die dem Politiker gemäße "Verantwortungsethik“ im Gegensatz zur "Gesinnungsethik“.

Helmut Kohl ist ein Verantwortungsethiker. Doch wie passt das mit den Familiendetails zusammen? Hier zeigt sich die Deformationsmacht eines bedingungslosen politischen Engagements. Niemals habe sein Vater für seine drängenden Fragen Zeit gehabt - warum er etwa als "Sohn vom Kohl“ in der Schule verspottet und verprügelt wurde. "Wir sahen ihn oft wochenlang nur für wenige Stunden.“ Schrittweise wurde das Familienhaus zum verlängerten Maschinenraum der Politik.

Der RAF-Terrorismus hatte zu bizarren Bewegungseinschränkungen der Kinder geführt, Entführungen wurden befürchtet. Ein Beamter sagte zum 13-jährigen Walter, der Staat würde für ihn Lösegeld zahlen - "so bis maximal 5 Millionen Mark“. War das der mit den Eltern besprochene Preis? Der Schock saß tief. Als Bundeskanzler Kohl die NATO-Nachrüstung durchsetzte, nannte ein Lehrer im Unterricht seinen Vater "Massenmörder“. Walter Kohl empfand sich immer mehr als abgeleitete Funktion seines Vaters - gefangen im "Opferland“, einem inneren Zustand der Versteinerung, ja Selbstaufgabe. Diese Selbstentwertung sollte später sogar zu Selbstmordabsichten führen.

Der Politiker Kohl ging Konflikten nach Möglichkeit aus dem Weg. Wollte er Vertraute verstoßen, übertrug er das unangenehme Geschäft anderen. Innerfamiliär sah das so aus: Als Kohls Ehefrau, die seit Jahren an einer unheilbaren Lichtallergie litt, 2001 ihrem Leben ein Ende setzte, beauftragte er seine Sekretärin, die Söhne per Telefon zu informieren. Als Helmut Kohl im August 2008 - ein halbes Jahr nach einem schweren Sturz (samt Schädel-Hirn-Trauma) - eine jüngere Mitarbeiterin, Dr. Maike Richter, in der Kapelle einer Reha-Klinik heiratete, war die Anwesenheit der Bild-Zeitung erwünscht, doch nicht die seiner Söhne.

"Mein Vater“, schreibt Walter Kohl, "hat sich inzwischen vollständig von mir losgesagt. Auf meine direkte Frage: ‚Willst Du die Trennung?‘, antwortete er nur knapp mit ‚Ja!‘“. Zum Bruch kam es nach dem ersten Interview, das der Sohn gewagt hatte (gemeinsam mit Lars Brandt und Sven Adenauer). Die Illustrierte titelte: "Unser Leben im Schatten der Macht“. Diese Publizität empfand Vater Kohl als inakzeptable Frechheit.

Der schwierige Weg zur Versöhnung

Walter Kohl nennt sein Buch im Untertitel "Schritte auf dem Weg zur Versöhnung“: "Ich will ehrlich sein, aber nicht verletzend. Ich will die Karten auf den Tisch legen, aber nicht nachkarten.“ In der Schule, als Student, während seiner Bundeswehrzeit und sogar noch später bei der Berufssuche wurde Walter Kohl immer wieder drangsaliert oder abgelehnt - nur seines Vaters wegen. Die Öffentlichkeit weiß meistens nicht, welche Opfer die Familie eines Spitzenpolitikers zu akzeptieren hat.

Natürlich gewinnt Walter Kohls Zeugnis der Selbstbefreiung durch die Bezugsperson des Vaters seine Brisanz. Doch das "Wie“ dieser Emanzipation ist entscheidend, das Phänomen seelischer Sprachlosigkeit in Familien gibt es ja häufig. Das Buch ist weder Abrechnung noch selbstmitleidig. Der Autor widmet es seiner koreanischen Frau - ein sprechender Fingerzeig.

Der Vater ist nicht an allem schuld, weiß heute der Sohn. Helmut Kohl hatte sich von Bonn aus regelmäßig bei seiner Frau in Oggersheim nach den Kindern erkundigt. Er ermöglichte Walter ein teures Studium in den USA und ebnete ihm Wege ins Berufsleben. Doch dem Sohn schien "der Stress, den es bedeutet, sich jahrzehntelang in der politischen Welt zu behaupten, … unbeachtlich. Das hat mein Vater mit Sicherheit als Mangel an Wertschätzung empfunden.“

So endet das Buch mit einer offenen Frage und einem Hoffnungswort. Die offene Frage lautet: Rechtfertigt ein politisches Engagement das In-Kauf-Nehmen einer Entwicklung, die die eigene Familie weit überfordert? Der Gesinnungsethiker mag den Kopf schütteln, denn "der Gesinnungsethiker erträgt die ethische Irrationalität der Welt nicht“ (Max Weber). Sie ist aber ein unaufhebbares Faktum.

Das Hoffnungswort trägt der Sohn bei, der bekennt, mit falschen Erwartungen an seinen Vater durchs Leben gegangen zu sein: "Für die Verletzungen, die ich ihm zugefügt habe, übernehme ich die Verantwortung.“ Was würde ein Kontaktangebot des Vaters bedeuten? "Dann würde es allen in der Familie helfen. Wichtig ist, dass man wirklich miteinander spricht und einander zuhört“.

"Du musst stehen“

Walter Kohl wirkt erleichtert, befreit: Offen, entspannt und überzeugend sprach er etwa Montagabend in der ARD-Sendung Beckmann eine Stunde lang über sein Leben, seine Kindheit und Jugend, über seinen Weg zu seinem Buch "Leben oder gelebt werden“.

Der heute 47 Jahre alte Walter Kohl, diplomierter Volkswirt, MBA und BA, ist seit 2005 selbstständig in der Automobil-Zuliefererbranche tätig. Er suchte lange, ehe er den Schritt zu einem Buch wagte. Ein erstes großes Interview hatte ihm sein Vater noch übel genommen. Darin hatte Walter Kohl über erlittene Härten gesprochen und berichtet, sein Väter hätte ihm dazu nur gesagt: "Du musst stehen.“ Wie hart das war, schildert Walter Kohl - reif, ohne Bitterkeit.

Leben oder gelebt werden

Schritte auf dem Weg zur Versöhnung

Von Walter Kohl, Verlag Integral 2011,

274 Seiten, 8 Seiten Bildteil, e 18,99

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