Freimaurer Christen - © Illustration: Rainer Messerklinger
Religion

Michael Weninger im Buch „Loge und Altar“: Sind Kirche und Freimaurer plötzlich keine Feinde mehr?

1945 1960 1980 2000 2020

Der Ex-Diplomat und Priester Michael Heinrich Weninger fordert in seinem Buch „Loge und Altar“ eine Aussöhnung zwischen katholischer Kirche und (regulärer) Freimaurerei.

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Der Ex-Diplomat und Priester Michael Heinrich Weninger fordert in seinem Buch „Loge und Altar“ eine Aussöhnung zwischen katholischer Kirche und (regulärer) Freimaurerei.

Nicht erst seit den berühmten Dialogen der Charaktere Naphta und Settembrini im Roman „Der Zauberberg“ gelten sie als ausgemachte Antipoden der abendländischen Kulturgeschichte: Die aufgeklärten Freigeister im klandestinen Geheimbund und die listenreichen Jesuiten in einer konservativen Kirche.

Seit den Tagen Thomas Manns ist freilich schon viel Wasser die Themse und den Tiber hinabgeflossen – und die Brennpunkte von Freimaurerei und Kirche, London und Rom, präsentieren sich in ihren Ansichten nicht mehr so monolithisch wie ehedem. So werden dem Duke of Kent, der seit 1968 Großmeister der Vereinigten Großloge von England ist, privat katholische Tendenzen nachgesagt. Und auch aus Rom hört man Ungewohntes.

Nicht erst seit den berühmten Dialogen der Charaktere Naphta und Settembrini im Roman „Der Zauberberg“ gelten sie als ausgemachte Antipoden der abendländischen Kulturgeschichte: Die aufgeklärten Freigeister im klandestinen Geheimbund und die listenreichen Jesuiten in einer konservativen Kirche.

Seit den Tagen Thomas Manns ist freilich schon viel Wasser die Themse und den Tiber hinabgeflossen – und die Brennpunkte von Freimaurerei und Kirche, London und Rom, präsentieren sich in ihren Ansichten nicht mehr so monolithisch wie ehedem. So werden dem Duke of Kent, der seit 1968 Großmeister der Vereinigten Großloge von England ist, privat katholische Tendenzen nachgesagt. Und auch aus Rom hört man Ungewohntes.

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Denn das Buch „Loge und Altar“, das am 12. Februar auf Deutsch erscheint, möchte eine Lösung des jahrhundertelangen Konflikts in Gang setzen. Der österreichische Ex-Diplomat, Theologe und Priester Michael Weninger, im Vatikan Spezialist für den Dialog mit anderen Religionen und mit Nichtchristen, legt in dieser umfassenden wissenschaftlichen Arbeit nahe, dass die römisch-katholische Kirche nach nahezu 300 Jahren ihren Bann von der weltumspannenden Vereinigung der Freimaurer nehmen könnte.

Das wäre nicht nur ein Paradigmenwechsel im gespannten Verhältnis dieser beiden Institutionen zueinander, sondern auch das Ende eines Gegensatzes, der seit der päpstlichen Bulle „In eminenti“ aus den Jahr 1738 Aufklärung, Revolutionen, Kriege und die kulturelle und politische Kultur in Europa und in anderen Kontinenten maßgeblich beeinflusst hat.

Antiklerikaler Kampf

In insgesamt 20 Rechtsakten haben Päpste die Freimaurer als Geheimbündler, Häretiker und Feinde des Glaubens verurteilt. Umgekehrt haben viele Freimaurer bisweilen eine große Rolle im antiklerikalen Kampf gegen den Einfluss der Kirche auf Politik, Gesellschaft und Bildungswesen gespielt. Freilich taten sie das selten bis nie in ihrer Eigenschaft als Freimaurer. Die Französische Revolution sei von den Freimaurern gemacht worden, hört und liest man seit 230 Jahren allerorten.

Als der Kopf von König Ludwig XVI. auf Betreiben des Revolutionsführers Robespierre in den Korb rollte, waren an dieser Aktion im engeren Sinn ein Freimaurer und ein Nicht-Freimaurer beteiligt: Der König, der gemeinsam mit seinen jüngeren Brüdern (beide ebenfalls spätere restaurative Könige) 1775 in den Bund aufgenommen worden war; und Robespierre, der kein Logenbruder war – nur der Enkel eines Rosenkreuzers.

Gegner dieser Einigung dürften rasch gefunden sein: radikal antiklerikal eingestellte Freimaurer und traditionalistische Katholiken.

Auch die immer wieder zitierte „Ständige Anweisung der Alta Vendita“ aus dem Jahr 1859 zur liberalen Unterwanderung der Kirche ist mitnichten ein Dokument der Freimaurerei, sondern des Geheimbundes der „Carbonari“, die im 19. Jahrhundert mit forschen Mitteln die Einigung Italiens betrieben. Dabei stand der Kirchenstaat natürlich im Weg. Den Päpsten Pius XI. und Leo XIII. galten Carbonari wie Freimaurer als das Gleiche und sie bannten beide immer wieder als „Feinde der Kirche“. Links und rechts sind übrigens keine maurerischen Kategorien: 1973 putschte in Chile der Freimaurer Pinochet den Freimaurer Allende weg, der dabei sein Leben verlor.

Trotzdem: Den Päpsten schien alles eins zu sein. Was hat sich nun plötzlich geändert? Welche neuen Erkenntnisse bringen führende Kreise im Vatikan zum Umdenken? Und wie reagieren die Freimaurer darauf? Schon in den späten 1960er Jahren führte der Wiener Erzbischof Franz Kardinal König im Gefolge des II. Vatikanischen Konzils Gespräche mit österreichischen, deutschen und Schweizer Freimaurern, die 1970 in der gemeinsamen „Lichtenauer Erklärung“ gipfelte. Deren Fazit war, dass die Freimaurerei keine Religion sei und mit der katholischen Kirche immerhin das Gebot zur Bruder- und Menschenliebe gemeinsam habe.

Glaubenskongregation 1983 trotz neuem Kirchenrecht gegen Freimaurerei

Die Bannflüche der Kirche gegen die Freimaurer seien nur mehr ein historisches Relikt. Die Kirche lernte daraus, dass nur mehr jene Katholiken exkommuniziert seien, die „Organisationen beitreten, die sich gegen die Kirche verschwören“. Am 27. November 1983 trat das neue Kirchenrecht (CIC) in Kraft und die Freimaurerei wurde darin mit keinem einzigen Wort mehr verurteilend erwähnt.

Der Pferdefuß war allerdings, dass eine Deklaration der Glaubenskongregation vom 26. November 1983, nur einen Tag vor dem Inkrafttreten des neuen Kirchenrechts, verkündete, dass das „Urteil der Kirche gegenüber der Freimaurerei unverändert“ sei und damit auch die Exkommunikation für die katholischen Freimaurer bestehen bleibe. Präfekt der Glaubenskongregation war damals Joseph Kardinal Ratzinger und ein hartnäckiges Gerücht besagt, dass der Bayer Ratzinger hier einem persönlichen Wunsch des freimaurerfeindlich eingestellten Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß gefolgt sei, aber diese Version ist umstritten.

Am 27. November 1983 trat das neue Kirchenrecht (CIC) in Kraft und die Freimaurerei wurde darin mit keinem einzigen Wort mehr verurteilend erwähnt.

Fest dürfte stehen, dass die meisten Freimaurer, die in sogenannten „regulären“ (also von der Großloge von England anerkannten) Logen arbeiten, keine Feinde von Glaube, Christentum und Kirche(n) sind. Der liebe oder strafende Gott spielt bei ihrem Tun in der Loge allerdings keine Rolle, sondern nur der metaphorische „Große (oder allmächtige) Baumeister aller Welten“ (GBAW), der in deistischer Manier nicht ins Leben der Menschen eingreift.

Dieser Formel, so meinen die Maurer, könnten sich alle Humanisten anschließen und im übrigen Christen, Juden, Muslime, Agnostiker oder sonst etwas bleiben – Privatsache! Manche römisch-katholische Theologen sehen das allerdings anders und vermeinen den Weg hin zur Erlösung durch das Allerweltsprinzip des GBAW gefährdet. Selbst wenn man alle politischen Zwistigkeiten der Vergangenheit hinter sich ließe, bliebe also immer noch dieser Konflikt und vor allem die Tatsache, dass die Freimaurer ihre Riten geheim halten – vielleicht also doch im Stillen eine Sekte?

Katholik als oberster Maurer

Auszuschließen ist das freilich nicht ganz, denn „Freimaurerei“ ist kein geschützter Begriff. Praktisch jeder kann sich einen Schurz und ein „Bijou“ am blauen Bande kaufen, eine „Loge“ gründen und gleich welche Riten bis hin zum groben Schabernack pflegen. Nicht so allerdings die „regulären“ Logen unter dem Schirm der Großloge von England, der auch die Freimaurer der Großloge von Österreich unter ihrem derzeitigen Großmeister, dem bekennenden Katholiken Georg Semler, angehören. Zu religiösen und politischen Themen äußert sich die Großloge von Österreich nicht. Auf deren Regularität und Seriosität stützt sich die zentrale These von Michael Weningers Buch „Loge und Altar“.

Mögen sich auch französische Logen (im „Grand Orient de France“, seit 1877/1913 von London getrennt) oder andere freimaurerähnliche Organisationen gegen die Kirche äußern, so bestehe kein Grund, dass die römisch-katholische Kirche und die Freimaurer englischer Spielart weiterhin im Konflikt leben müssten, denn auch die Riten dieser Logen enthielten nichts, was der katholischen Lehre entgegenstünde, meint Weninger, der in seiner Zeit als österreichischer Diplomat Freimaurer auf mehreren Kontinenten kennengelernt hat. Gegner dieser Einigung dürften allerdings ebenfalls rasch gefunden sein: radikal antiklerikal eingestellte Freimaurer und traditionalistische Katholiken. Minderheiten? Gewiss. Aber oft machen halt Solisten die Musik.

Was sagen Freimaurer selbst zu ihrer Institution und Philosophie? Lesen Sie hier Näheres dazu.

Der Autor ist Historiker und Ö1-Wissenschaftsredakteur.

Buchpräsentation

Das Buch „Loge und Altar“ wird am Dienstag, 11. Februar, um 11 Uhr im Palais Todesco (Kärntnerstr. 51, 1010 Wien) präsentiert.

Radio

Das Ende des Banns?

Kirche und Freimaurerei vor einer Einigung?
Martin Haidingers "Salzburger Nachtstudio" zu diesem Thema ist noch bis 12. Februar hier auf Ö1 nachzuhören.

Loge und Altar - © Foto: Löcker
© Foto: Löcker
Buch

Loge und Altar

Von Michael Heinrich Weninger
Löcker 2020
504 S., geb., € 39,80

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