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Wenn der Geist säuselt

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Nicht "spiritueller" sollten die Christen sein, sondern mutiger. Dazu ist freilich Spiritualität unabdingbar.

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Nicht "spiritueller" sollten die Christen sein, sondern mutiger. Dazu ist freilich Spiritualität unabdingbar.

Der Geist des Herrn erfüllt das All" ist auch hierzulande in den Kirchen ein oft gesungenes Pfingstlied. Kaum jemand weiß, daß seinText, der von der Dichterin vieler zeitgenössischer Kirchenlieder, Maria Luise Thurmair, stammt, aus dem Jahr 1941 datiert: Mitten im Zweiten Weltkrieg, der auch für Christen eine Zeit großer Bedrängnis war, kraftvoll und hoffnungsfroh das Werk des Geistes zu besingen, zeugt von Mut zum Aufbruch, von einer im Untergrund verborgenen Kraft: Von Sehern und Propheten ist im Lied die Rede und vom Geist des Herrn, der die Welt durchweht, "... gewaltig und unbändig, wohin sein Feueratem fällt, wird Gottes Reich lebendig ..."

Mancher österreichische Katholik wird sich an dieses Lied auch in anderem Zusammenhang erinnern: 1983, am 11. September, sangen es 300.000, die trotz strömenden Regens im Wiener Donaupark versammelt waren, beim Gottesdienst mit Papst Johannes Paul II. Und damals, so die Erinnerung, stimmte die gesungene Botschaft ebenfalls, zumindest für den Augenblick und für das Gefühl der Menschen, auch als Christen präsent zu sein.

Kann heute oben genanntes Lied noch mit gleicher Intensität und Berechtigung gesungen werden? Daß der "Geist des Herrn" zur Zeit wie ein gewaltiges Brausen die Kirchen durchführe und mittels der Christen die Welt durchwehte: derartigen Befund dürfte, den heimischen Horizont im Blick, wohl kaum jemand konstatieren. Zu viel Relevanz scheint den Christen und den Kirchen in den letzten Jahren abhanden gekommen zu sein - durchaus durch eigenes Zutun, aber nicht nur. Das Feuer des Geistes brennt jedenfalls offenbar in weniger Herzen.

Dementgegen scheint aber der Geist gesellschaftsweit präsent wie nie zuvor. Zumindest die latinisierte Form der "Geistes-Gegenwart", die "Spiritualität", die zu einem Modewort der Gegenwart wurde: In alle Lebensbereiche hinein wird "spirituell" gehandelt und gedacht. Spiritualität wirke sich auf die Gesundheit positiv aus, zitierte beispielsweise der "Kurier" vor einigen Tagen eine umfangreiche Studie aus den USA. Vom Kommunikationsberater bis zum Manager, vom kleinen Angestellten bis zum Chef: Spiritualität ist in - im Alltag, im Berufs- und auch im Privatleben.

Problematisch bleibt zwar, daß alle von Spiritualität reden, aber kaum zwei das gleiche darunter verstehen. Geht es den einen um emotionales Wohlbefinden, verstecken andere dahinter so "althergebrachte" Worte wie Gott oder so unaussprechliche wie Transzendenz. Weithin ist einfach auch nur ein Gegenwort zu "technisch-rational" oder "verkopft" gemeint.

Oft äußert sich mit "Spiritualität" auch die freischwebende Religiosität vieler Menschen, die sich ihren "Lego"-Glauben aus vielerlei Versatzstücken unterschiedlicher Traditionen basteln.

Im Christentum, das sich - mit mehr oder weniger Tiefe - von seinen Anfängen an in die jeweilige Lebenskultur hineinbegeben hat, wird das "Spirituelle", wie es die säkulare Gesellschaft vorgibt, zur Zeit ebenfalls neu entdeckt.

Daß der mit der Spiritualitätswelle einhergehende "Mystik"-Boom auch christliche Klöster erreicht, daß etwa gregorianische Gesänge durchaus en vogue (und jedenfalls CD-Verkaufserfolge) sind und mitunter sogar als Musik für Werbespots dienen, ist nur Symptom für diesen Befund. Clevere Verkündiger des Glaubens werden die Moden zu nutzen wissen, denn das Christentum kann modern sein, nur eingerostete Strukturen lassen den Glauben älter aussehen, als er ist.

Dazu kommt eine - zur Zeit gerade in der katholischen Kirche Österreichs latente - Kontroverse unter Christen: Man müsse "spiritueller" werden, lautet eine der Forderungen, die da erhoben werden. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um eine Facette der Auseinandersetzung, die schon seit Jahren unter dem Etikett "konservativ vs. progressiv" geführt wird. Christen müssen aber nicht "spiritueller" werden, sondern mutiger.

Denn ein Christ kann nicht ohne geistliches Leben sein, also ohne "Spiritualität": Geist und Frömmigkeit gehören zum Christentum. Jedoch bedeutet Christsein nicht nur Frommsein, nicht bloße Gebetsübung und weltabgewandtes Versinken: Den Christen ist von ihrem Stifter auch ein Auftrag zur Gestaltung aufgegeben - und eben nicht nur die Meditation.

Beim durchaus geisterfüllten "Dialog für Österreich", der vergangenes Jahr in der katholischen Kirche des Landes so etwas wie einen Hoffnungsfunken darstellte, wurde nicht zu wenig gebetet. Sondern viel zu wenig darüber nachgedacht, wo und wie sich Christen ins Leben, in die Gesellschaft, in die Kultur einmischen könnten. Daß nach diesem "Dialog" der Windhauch des Geistes einer lähmenden Windstille gewichen ist, mag daher ein alarmierendes Zeichen sein.

Der Mut von Christen, die - an ihren Glauben rückgebunden, also aus ihrer Spiritualität heraus - glaubwürdig handeln, ist mehr denn je gefragt: Krieg und Elend im Kosovo, Asylwerber in Österreich ... Die Notwendigkeiten liegen auf der Hand und sind sonder Zahl.

Das zitierte Pfingstlied von Maria Luise Thurmair endet mit der Zeile: "Da schreitet Christus durch die Zeit in seiner Kirche Pilgerkleid." Es ist Mut notwendig, diese Zeile heute aus voller Kehle zu singen. Gefragt ist aber der noch größere Mut, sie in die Tat umzusetzen.

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