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Fahrt ins Ungewisse

Im Juni feierte Gerhard Roth seinen 60. Geburtstag. Seit Jahren bereist er mit seinen Werken die Realität. Auch in seinem jüngsten Roman erforscht der Schriftsteller mehr als Ägypten.

Gerhard Roth begegnete ich zum ersten Mal im Jahr 1979. Die Kritiker der "Bestenliste des Südwestfunks" (die heute noch besteht), hatten ihn damals zu ihrem ersten Literaturpreisträger gewählt. Ich hatte den Auftrag, den Autor aus diesem Anlass in einem Film zu porträtieren.

Roth empfing mich in einem kleinen Haus in der Südsteiermark, das abgeschieden auf einem Hügel lag. Er schlug vor, wir sollten ihn bei seinen Recherchen für den umfangreichen Roman-Zyklus "Archive des Schweigens" begleiten. Mit den Vorarbeiten hatte er gerade begonnen. Er schulterte seinen Rucksack, der angefüllt war mit historischen Unterlagen, Notizbüchern, Kameras. Wir gingen mit ihm los, kreuz und quer durch diese anmutig-weite Landschaft seiner Heimat mit ihren reichen Obstgärten, kleinen Höfen, mit freundlich-eigenwilligen Bewohnern, die spannende Geschichten parat hatten.

In dieser Gegend, über der ein südlich mildes Licht lag, trafen wir die merkwürdigsten Existenzen: einen Bestatter, der eine neue Methode zur Mumifizierung erfunden hatte; einen Bauern, der Zwiesprache hielt mit seiner Frau im Jenseits; die Wirtin einer Buschenschenke, die so fabelhaft kochte, dass sie jedem feinen GroßstadtLokal hätte Konkurrenz machen können. Alle, die wir aufsuchten, gaben bereitwillig Auskunft auf Gerhard Roths Fragen, erzählten und erzählten, vor allem von Früher. Sie ließen sich fotografieren, Roth machte sich unentwegt Notizen - so kam das Material seiner späteren Romane zustande, in denen diese Figuren (zum Beispiel im "Landläufigen Tod") wiedererkennbar auftreten, geschildert mit großer Einfühlung und Zuwendung.

Damals wurde mir die Arbeitsweise, die literarische Methode dieses Schriftstellers zum ersten Mal klar: Realität kommt bei ihm bis heute immer in Form von unmittelbarer Anschauung vor, das selbst Erfahrene und das Erfundene verbinden sich zu einer erzählerischen Einheit, wobei das Dokumentarische Ausgangspunkt und stets gegenwärtiger Hintergrund all dessen bleibt, was Roth schreibt.

Das ist in seinem neuen Buch "Der Strom" nicht anders. Thomas Mach, ein junger Österreicher, reist nach Ägypten, wobei er zwei Aufgaben übernehmen soll: Sein Onkel, Besitzer eines Wiener Touristik-Büros, hat ihn (weil er gerade nichts Besseres zu tun hat), ausersehen, eine Mitarbeiterin zu ersetzen, die Studien-Reisen in diesem Land organisiert hatte und durch einen rätselhaften Selbstmord zu Tode gekommen ist. Sein zweiter Auftrag ist, die näheren Umstände dieses Vorfalls zu klären.

Wie Gerhard Roth bei der Vorbereitung seines Romans, hat sich auch seine Hauptfigur über die Geschichte, die Mythologie, die Kunstschätze Ägyptens schon vor der Reise kundig gemacht: bei Experten der Österreichischen Nationalbibliothek. Mit diesen Informationen (die eine nicht unwichtige Rolle spielen) begibt sich Thomas Mach in die Realität des Landes. Es wird für ihn eine Fahrt ins Ungewisse, in eine zusehends fremde, schwer zu entziffernde Welt - wobei auch der Fall der Selbstmörderin Verwicklungen nach sich zieht: es könnte auch ein Verbrechen sein.

Zunächst vertraut der Held des Romans seinen Wahrnehmungen. Vom Flugzeug aus sieht er die "Goldfarbe" des Nils, des Stroms, in einem "Giotto-Gold", "der entrücktesten und überirdischsten Farbe". Hinzu kommt das "metaphysische Blau des Himmels", damit kennt sich Thomas Mach aus - denn das Fliegen ist seine Leidenschaft.

Später in Kairo wird für ihn Gelb zur vorherrschenden Farbe. "Draußen im Sonnenlicht erschien ihm zunächst alles noch gelber als bisher. Die Plastik-Tücher über den Tischen des Cafés waren gelb, die Straßenbahnen. Aber die Stadt war nicht nur gelb, sie war auch schattenfarben, grau, braun und weiß".

Optische Eindrücke wie diese bestimmen wie auch in allen seinen früheren Bücher den neuen Roman Roths. Was er schreibt, ist eine sehr dichte, intensive Wahrnehmungsprosa. Nur: was seine Figuren sehen, verschiebt und verändert sich immer wieder, wird durchlässig und unvertraut.

Thomas Mach ergeht es im "Strom" nicht anders. "Wie ein Blitzschlag erhellten seine Wahrnehmungen diese im Dunklen liegende Welt. Und in seinem Kopf ordneten sie sich allmählich zu einer dumpfen Wirklichkeit, die er langsam zu verstehen anfing".

Aber diese Erkenntnis erweist sich als Selbsttäuschung. Je weiter Thomas Mach in seine neue Umgebung eindringt, desto unverständlicher wird sie. Die Gewährsleute, die er in Kairo trifft und die ihm bei seiner Orienterung helfen sollen, erweisen sich als unzuverlässig und führen ein undurchsichtiges Leben. In einer Reihe von spannenden, suggestiven Szenen, die wie Film-Sequenzen wirken, treibt Roth die Handlung voran und beschreibt, in welch lebensbedrohliche Gefahren sein Held gerät - unwillentlich, oder weil ihm Fallen gestellt werden.

Die Wirklichkeit des Landes bildet dafür eine düstere Kulisse - die Armut, die latente Gewalttätigkeit, die ungelösten politischen und religiösen Konflikte, die Umweltzerstörung, die herrschenden Lebensformen, die wie geheimnisvolle, uralte Rituale erscheinen - jedenfalls für einen Fremden.

Gerhard Roths Held beginnt an seiner Identität zu zweifeln. In diesem Zustand sucht er Rat bei einem islamischen Gelehrten, einem Weisen, einem Guru. Der empfiehlt ihm, nur auf seine "innere Stimme" zu hören und zu begreifen, dass es "natürlich keinen Zufall gebe. Alles hänge zusammen. Auch die Gegensätze bildeten einen Zusammenhang". Die Botschaft, die Thomas Mach hier erfährt, lautet: Wer sich einer anderen, fremden Kultur nähert, sollte auch etwas vom Gedankengut dieser Kultur annehmen. Aber es geht wie in den meisten Büchern Gerhard Roths um mehr. Sein Held macht einen Entwicklungsprozess durch, ist auf dem Weg, sich selbst zu finden, inmitten von Ereignissen, die ihn alle in Frage stellen. Es wird eine Reise, die von Außen nach Innen führt, eine Reise zu sich selbst. Der Autor wollte schon immer die Räume der Realität öffnen und erweitern. Im Gespräch sagte er einmal, schon als Kind habe er immer den Wunsch gehabt, zu wissen, was hinter den Dingen, dem Sichtbaren liege.

"Der Strom" ist eine weitere literarische Entdeckungsreise Gerhard Roths, wobei der unbekannte Kontinent, der dabei erforscht werden soll, nur vordergründig das Land Ägypten ist, sondern die Realität. Der Schriftsteller als Forscher bedient sich kriminalistischer Methoden. Aber anders als in traditionellen Kriminalromanen gibt es bei diesem Autor keine Gewissheit beim Aufdecken des vermeintlichen Verbrechens. Im Gegenteil: je näher der Romanheld dem eigentlichen Kern des Falls kommt, dem Tod der Selbstmörderin, desto mehr entschwindet die Wahrheit wieder. Es bleiben die überscharf gesehenen und beschriebenen Einzelheiten. Nichts fügt sich. Die Realität selbst erscheint als ungelöster, rätselhafter Fall: fatal, monströs, fremd.

Am Ende des Buchs, das in Alexandria spielt, dieser Stadt mit einer großen literarischen Vergangenheit, begegnet Thomas Mach einem Mann, von dem es heißt: Er sei groß, weißbärtig, etwa 60-jährig, ein Europäer, ständig damit beschäftigt, zu fotografieren und sich Notizen zu machen, wie unter Schreibzwang. Es ist ein ironisches Selbstporträt des Autors, der hier wie ein "deus ex machina" erscheint. Von diesem Augenblick an beruhigt sich die Lage. Rettet er uns, seine Leser, aus den Schrecken und Zwängen einer verstörenden Realität, in dem er, zumindest literarisch, also schreibend und abbildend, alles wieder in Ordnung bringt?

Der Strom

Roman von Gerhard Roth.

S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2002. 350 Seiten, geb., e 20,50

Der Autor leitet das Nachtstudio des Bayerischen Rundfunks.

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