Watt - © Foto: iStock/benedek
Wissen

Geistesblitz in Glasgow

1945 1960 1980 2000 2020

Seine Erfindung beschleunigte die Welt. Doch die Idee dazu kam in einem Moment der Muße und Entschleunigung. Zum 200. Todestag von James Watt, dem Vater der Dampfmaschine.

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Seine Erfindung beschleunigte die Welt. Doch die Idee dazu kam in einem Moment der Muße und Entschleunigung. Zum 200. Todestag von James Watt, dem Vater der Dampfmaschine.

Er befindet sich in bester Gesellschaft: Am George Square im Zentrum von Glasgow ist James Watt (1736-1819) neben großen Staatsmännern, Generälen und Dichtern verewigt. Die Statue des großen Erfinders teilt sich den Platz etwa mit den Denkmälern für Queen Victoria und Prince Albert, für den Politiker Sir Robert Peel und den Heerführer Sir John Moore sowie für die Schriftsteller Robert Burns und Sir Walter Scott. In der rauen schottischen Hafenstadt trotzen sie nicht nur Wind und Wetter, sondern auch den Ausscheidungen der Möwen, die sich hier gerne auf ihren Köpfen niederlassen. Während diese Helden der britischen Geschichte meist in aufrechter, stolzer Pose zu bewundern sind oder gar majestätisch auf einem Pferd thronen, wirkt James Watt irgendwie nachdenklich. In der 1832 errichteten Bronzeskulptur sitzt er scheinbar grübelnd und versunken über einer ausgebreiteten Landkarte, die er mit einem Zirkel bearbeitet.

Begabter Handwerker

Als Sohn armer, jedoch gebildeter Eltern wurde Watt in Greenock nahe Glasgow geboren. Ursprünglich hatte sich der oft kränkelnde Bub für ein Medizinstudium interessiert, konnte sich dieses aber nicht leisten. In Glasgow scheiterte seine Suche nach einem Lehrherrn, sodass er in London eine "inoffizielle" Lehrstelle antrat. Seine beruflichen Möglichkeiten standen, gelinde gesagt, nicht zum Besten. Zurück in Glasgow gelang es ihm endlich, eine Stelle an der Universität zu ergattern. In seinem Job als "Instrumentenmacher" ging es eigentlich nur darum, technische Geräte für das akademische Personal zu warten. Doch der begabte Handwerker schaffte es, Professoren und Studierende in seinen Bann zu ziehen. Bald wurde dem jungen Mechaniker eine höchst fordernde Aufgabe zugeteilt; jene Aufgabe, die seinen späteren Ruhm begründen sollte: die Weiterentwicklung des Dampfmaschinen-Modells von Thomas Newcomen, das damals noch extrem ineffizient war und riesige Mengen an Kohle verbrauchte.

Watt experimentierte einige Monate und reüssierte mit der Idee, den Kondensationsprozess aus dem Zylinder der Maschine, der wiederholt gekühlt und erhitzt werden musste, in einen separaten Kondensator zu verlagern. Dadurch sank der Brennstoffverbrauch, während die Leistung in die Hö he schnellte. In den nächsten Jahren arbeitete Watt, unterstützt vom Unternehmer John Roebuck, an seinem Prototyp. Obwohl er 1765 ein funktionables Modell fertigstellen konnte und vier Jahre später ein Patent zugesichert bekam, dauerte es noch weitere zehn Jahre, bis die ersten voll einsatzfähigen Dampfmaschinen nach seinem Prinzip gefertigt werden konnten. Mit dem Industriellen Matthew Boulton gründete er eine Firma bei Birmingham. Die erste Dampflokomotive hat Watt aber nicht mehr erlebt: 1825 zog sie einen Kohlewagen mehr als 20 Kilometer von einem Bergwerk zum Hafen. Fünf Jahre später wurde die erste Zugverbindung zwischen Liverpool und Manchester eröffnet. Die Dampfmaschine beflügelte auch Schiffe, Webstühle und Nähmaschinen -und versetzte die Räder der Industrialisierung in immer schnellere Bewegung. Binnen kürzester Zeit wurde Großbritannien zur "Werkstatt der Welt"(Yuval Noah Harari).

Luzider Spaziergang

Kollege Oliver Tanzer hat James Watt in der letzten FURCHE-Beilage anno (Nr. 51/52/2018) hellsichtig als "Genie gegen jede Chance" porträtiert: "James Watts Leben widerpricht allen Klischees von Erfolg und Karriere. Er hatte keinen Schulabschluss, er ließ sich unglaublich viel Zeit -und er blieb ungewöhnlich nett." Stets war er ein geselliger Geschichtenerzähler, der "sich selbst zu einem Düsentrieb des 18. Jahrhunderts heranzieht, eingebettet in den fruchtbaren Humus der schottischen Aufklärung". Und, so wäre hinzuzufügen: Der britische Ingenieur, der maßgeblich zur Beschleunigung der Welt beitragen sollte, hatte seinen genialen Einfall ausgerechnet in einem Moment der Muße und Entschleunigung. "Es geschah im Glasgow Green Park", erinnerte er sich: "Ich hatte mich an einem feinen Sonntagnachmittag zu einem Spaziergang aufgemacht, bei dem mir die Dampfmaschine in den Sinn kam. Ich war bei Herd's House angelangt, als die Lösung in meinem Geist auftauchte, und nicht weiter als bei Golf House, als das ganze Ding zu Ende gedacht war."

An der Universität Glasgow, die Touristen durch Harry-Potter-Flair bezaubert, ist Watts Dampfmaschine im 3-Druck zu sehen.

Zum 200. Todestag am 25. August wird in Glasgow und Birmingham mit Veranstaltungen und Ausstellungen an den großen Erfinder erinnert. An der Universität Glasgow, die Touristen durch ausgeprägten Harry-Potter-Flair bezaubert, ist unter anderem ein 3D-Druck von Watts prototypischer Dampfmaschine ausgestellt. In der schottischen Metropole ist sein Erbe heute auch durch die "James Watt School of Engineering" und zwei Professuren in Elektrischer und Mechanischer Ingenieurswissenschaft präsent. Sie wurden 1920 durch eine Fundraising-Kampagne der Institution der schottischen Ingenieure und Schiffsbauer (IESIS) ermöglicht. Der Physiker Asen Asenov widmet sich dort der technischen Planung im Nanobereich und der Astronom Colin McInnes der Weltraumtechnologie.

Als Revolution der Energieumwandlung hat die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts für zunehmende Schubkraft in allen Bereichen der Gesellschaft gesorgt. Auch ihre Schattenseiten hat James Watt nicht mehr wirklich erlebt: Aufgrund der historischen Rahmenbedingungen folgten nicht nur ungeahnte Möglichkeiten und ein beispielloser Aufschwung, sondern auch Entfremdung und Verarmung im großen Stil. Und es zeigte sich, dass die wachsende Geschwindigkeit im Alltag für die menschliche Psyche problematisch ist: Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind massenhaft Nervenleiden bezeugt, die sich aus heutiger Sicht als "Beschleunigungspathologien" begreifen lassen. Die digitale Revolution, die derzeit über den Globus fegt, hat dieses Zustandsbild ganz offensichtlich noch verschärft. Die jüngste Beschleunigungswelle befeuert weltweit das Burnout. Muße ist zum Fremdwort geworden. Bei Innovationen gilt es zunehmend, die Spreu vom Weizen zu trennen. Und der technische Fortschritt wirft mehr denn je ethische Fragen auf.

Ist es das, worüber Watt, versteinert zur Statue, zu grübeln scheint? Fast könnte man es in das Denkmal hineinlesen. Dass Informatiker, Gentechniker und andere Wissenschaftler, deren Erfindungen unsere Zukunft prägen werden, so wie angehende Ärzte einen hippokratischen Eid leisten sollten, ist eine Idee, die jüngst von der britischen Mathematikerin Hannah Fry vorgebracht wurde. Der umsichtige Mister Watt, der so gern Medizin studiert hätte, wäre wohl begeistert gewesen.

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