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Abenteuer Avantgarde

1945 1960 1980 2000 2020

Eine bedeutende Fotografin der Zwischenkriegszeit taucht aus dem Vergessen: Germaine Krull.

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Eine bedeutende Fotografin der Zwischenkriegszeit taucht aus dem Vergessen: Germaine Krull.

Die lange Liste der Vergessenen aus der Zwischenkriegszeit ist um den Namen Germaine Krull reicher. Bis zur Ausstellung des Essener Folkwang-Museums (sie ist im Münchner Haus der Kunst von 17. Dezember bis 20. Februar zu sehen) kannten sie nur Sammler und Fachleute. "Avantgarde als Abenteuer" heißt treffend das neue Buch von Kim Sichel, die Krulls Leben erforschte und ihre Arbeit in die Geschichte der Fotografie einzuordnen versucht.

Was nicht ganz leicht ist. Sie stand zwischen den Lagern der "Künstler" und der "professionellen Fotografen". Sie war Künstlerin, aber auch vielbeschäftigte Mitarbeiterin anspruchsvoller Illustrierter und Werbefotografin. Sie war Avantgardistin und Mittlerin zwischen der Tempeln der Avantgarde und der profanen Welt, in der die Innovationen ins optische Kleingeld des Alltags umgewechselt werden. Sie hatte keine Berührungsangst vor den Niederungen der kommerziellen Bilderflut, wo die Entdeckungen der Neuerer verdaut und trivialisiert werden. Es ist auch unwesentlich, wo man auf dieser Skala Germaine Krull ansiedelt. Sie war auch hier Grenzgängerin und hat ohne Angst vor Widersprüchen ihre Position bei Bedarf gewechselt. Sie hat, welch ein Skandal, einfach gelebt und sich über Wasser gehalten, ohne an künftige Biographen zu denken. Ihren Stellenwert freilich hat sie sehr wohl gekannt.

Ihr 1928 in Paris erschienener Band "Metal" - einer von vielen - wirkte damals auf viele französische Fotografen stilbildend. Dasselbe gilt für die Aufnahmen des Eiffelturms, die zum Teil in "Metal", zum Teil in der Zeitschrift "Vu" vom 31. Mai 1931 erschienen. Sie waren nicht nur perspektivisch kühn, sondern auch innovativ, indem sie den Blick auf die Details der Eisenkonstruktion lenkten. Krull war damals in Frankreich die einzige Fotografin, die industrielle Motive abstrahierte.

Auch ihre legendäre Reportage von den Pariser Clochards ist exzellente Fotografie, aber mit der romantischen Verklärung des sozialen und ökonomischen Phänomens folgte sie der Konvention. Daß dieser Blickwinkel weitgehend ihrer eigenen Sicht entsprach, zeigen die gut ein Jahrzehnt später im Kongo entstandenen, das Klischee vom Exotischen bedienenden Genrebilder mit ihrem nostalgischen Blickwinkel.

Germaine Krulls Leben war abenteuerlich und manches ist kaum mehr zu klären, obwohl sie sechs ausführliche "Selbstporträts" (jedes in der Länge eines Buches) hinterließ. Sie wurde 1897 in Ostpreußen geboren, aber der Vater war Ingenieur und ein äußerst unsteter Mann, und die Familie war ständig unterwegs. Sie erinnerte sich an Lebensstationen der Familie in Bosnien, Rom, Paris, Montreux und München, an einen von einer Erbschaft gekauften Bauernhof in der Nähe von Graz, an zahlreiche Reisen zu den Großeltern nach Nürnberg, an eine von der Mutter geführte Pension in Bad Aibling, und sie sprach mehrere Sprachen, aber keine perfekt. Sie besuchte nie eine Schule, da der Vater, ein Freidenker, sie selbst "glänzend, wenn auch nur sporadisch unterrichtete, wobei er sich auf die ihm wichtigen Themen konzentrierte." Der Unstetheit blieb sie in jeder Beziehung treu. Doch nach der Ausbildung in der Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie in München verfügte sie über eine Sprache, die sie mit Perfektion beherrschte - die Bildsprache der Fotografie.

Germaine eröffnete 1918 ihr erstes Atelier, einer ihrer ersten Kunden war Kurt Eisner, der dann im November die Münchner Räterepublik gründen sollte. Nach seiner Ermordung - sie fotografierte ihn auf der Totenbahre - wechselte sie von der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) zu den Kommunisten, rettete Untergetauchten das Leben, wurde aus Bayern ausgewiesen, ging mit ihrem späteren Mann Samuel Levit nach Rußland, nahm am Dritten Weltkongreß der Kommunistischen Internationale in Moskau teil, wurde aus der Partei ausgeschlossen, eingesperrt und ausgewiesen und wurde - ihr Leben lang links stehend - mit der Zeit immun gegen alle Diktaturen: "Heute weiß ich, daß es ein Unglück für die Welt und vor allem für die arbeitende Klasse wäre, wenn der Bolschewismus im Westen käme ... Ich habe eingesehen, daß ich 2 Jahre meines Lebens für ein Ideal hingab ... das aber eben nur ein Ideal ist."

Nachdem sich Levit von ihr getrennt hatte, lebte sie in Berlin, Amsterdam und Paris. In Paris besonders lang und besonders gern. Sie war mit Max Horkheimer, Walter Benjamin, Andre Malraux, Jean Cocteau und etlichen anderen Künstlern und Philosophen befreundet. Eine tiefe Abneigung gegen Hitler und die Nazis führte sie ab 1940 in den Widerstand. In Brazzaville, der Hauptstadt des damaligen französischen Kongo, leitete sie den Fotodienst von General de Gaulle und kam als Kriegsfotografin mit den Truppen von France Libre nach Europa zurück. Ein neuer Bruch in diesem Leben: Germaine Krull reist nach Südostasien, fotografiert im Auftrag des nunmehrigen Kultusministers Malraux die Baudenkmäler von Angkor, wird 1967 mit einer großen Retrospektive ihres Werks in Paris geehrt, lebt nun aber jahrzehntelang in Thailand, wo sie das berühmte Oriental Hotel leitet, Buddhistin wird und sich nur noch selten als professionelle Fotografin betätigt.

Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie nach einem Schlaganfall in Wetzlar, wo sie 1985 starb. Vorher hatte sie noch die Gründung einer Stiftung zur Pflege ihres umfangreichen Nachlasses in die Wege geleitet.

Avantgarde als Abenteuer. Leben und Werk der Photographin Germaine Krull. Schirmer/Mosel Verlag, München 1999. 368 Seiten, 187 Photographien, geb., öS 1.080,- /e 78,84

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