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Begegnungen der dritten Art

1945 1960 1980 2000 2020

80 Jahre Kärntner Volksabstimmung: "Diese Megaparty auf dem Berg da oben damals, die werd ich nie, nie, nie vergessen!"

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80 Jahre Kärntner Volksabstimmung: "Diese Megaparty auf dem Berg da oben damals, die werd ich nie, nie, nie vergessen!"

Was sagen Sie? Achtzig Jahre ist diese Volksabstimmung schon her? Kinder, wie die Zeit vergeht! Nicht zu glauben! Das war ein Event damals, Musik, Reden, Bier, Schnaps Sliwowitz, Knarren, Wappen, cheer leaders, Feuerwerk! Einfach super! Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich auf diesen komischen Berg hinaufgekraxelt bin - wie hieß der noch schnell? - und oben war eine Urne (hab mir schon gedacht, da ist wer draufgegangen, und der knallharte Sensenmann hat sich wieder einen genehmigt, hihi! - ist aber eh nix passiert, außer dass ein paar lustige Wandersburschen mit Blut eine Grenze geschrieben haben!) und daneben zwei Event-Manager mit weißen und grünen Zetteln - wir waren ja noch alles Analphabeten seinerzeit. Rundherum jede Menge Leute vom Kärntner Heimatdienst, vom Slowenischen Heimatdienst, vom Vorarlberger Heimatdienst, vom Wiener Heimatdienst, vom Französischen Heimatdienst, und natürlich die Amigos und die Aliens.

Hinter einem Bretterverschlag ist ein zweijähriges Bürscherl namens Swittbert gehockt, hat die Szene im Stil von Begegnung der dritten Art - Der Tag, an dem wir Kontakt aufnahmen gemalt und so metastasierende Kreuzerln dazugekritzelt - ein echter Visionär - und hat von seinem Papa ein Stollwerk dafür bekommen. Mich hat er besonders schön getroffen, und wir waren sozusagen alle gut drauf. Ich war damals gerade leberkrank und habe mir als Entschädigung den Schnurrbart vom Nietzsche Friedl aufgeklebt, Augenprothesen in die Höhlen gedrückt, den Cowboyfilzhut vom Barker Lex aufgesetzt und einen Rasierpinsel dazugesteckt - bei den Amigos haben mir mein Ethno-Outfit und mein Lifestyledesign den Spitznamen Bonanza eingetragen - aber ist ja alles nur wegen der Weiber gewesen.

Ans Thema des Gipfeltreffens kann ich mich nicht mehr so genau erinnern - ich glaub Ljubljana gegen Bad Goisern oder so irgendwas mit Regionalentwicklung jedenfalls -, ist ja schon so lange her und ist ja auch egal - Hauptsache, was zu feiern! Aber genau erinnern kann ich mich noch, dass genau in dem Moment, als ich rechts auf die Urne zugetorkelt bin (ich war ja schon so frühschoppenvoll!), von links die Biljana gekommen ist. Sie war, glaub ich, eine von den Aliens, aber was für ein Weib! Sowas gibt's heute gar nicht mehr. Ein Haupttreffer! Ob ihr Wisch grün oder weiß war, kann ich nicht mehr sagen, aber: Solche Titten! Solche Schenkel! Und übrigens auch ein Herz aus Gold. Bei mir hat's sofort Bonanza gespielt oder Ramazotti oder Bolero oder wie das Ding heißt. Mein Arzt, der Trottel, meint, ich litte an einem hirnorganischen Abbausyndrom, und ich frag mich immer, woher will der das wissen. Jedenfalls hab ich mir die Biljana geschnappt und vom Fleck weg geheiratet, noch oben bei der Urne. Phantastisches Weib! Wie viele Kinder wir hätten haben können, wenn wir nicht beide unfruchtbar gewesen wären! Zuerst hab ich gedacht, sie ist unfruchtbar, und sie hat gedacht, ich bin unfruchtbar, aber der Arzt, der Trottel, hat gesagt, wir sind beide unfruchtbar. War aber egal, haben wir nicht so aufpassen müssen beim Lieben. Und wie wir uns geliebt haben all die Jahre, während die Amigos rundherum Krawall gemacht haben! Wahnsinn!

Letztes Jahr - ich glaub, am 10. Oktober - ist die Biljana gestorben. An die Todesursache kann ich mich nicht mehr so genau erinnern, muss wohl Altersschwäche gewesen sein. Sie war mein Leben, und seit sie nicht mehr ist, bringe ich tatsächlich alles durcheinander. Ich bin allein - wenn nicht einsam und find mich einfach nicht mehr zurecht. Der Arzt sagt, neben dem hirnorganischen Abbausyndrom und dem postgeriatrischen Gehirnstrommuster könnte auch eine depressionsassoziierte Pseudodemenz vorliegen. Der Trottel! Heut, an ihrem Todestag, wollt ich wieder Biljanas Grab besuchen, aber seit letzter Woche hab ich vergessen, wo genau es liegt. Und in dem Gedränge hier findet man ja nichts. Überall Leute in Lodenrüstungen mit vielen vielen bunten Smarties auf der Brust, Redner, Musik, Bier, Schnaps, Sliwowitz, Fahnen, Pauken & Trompeten. Die alle müssen die Biljana sehr sehr lieb gehabt haben. Hauptsache, was zu feiern. Ich würd auch noch gern mitfeiern, aber ich weiß nicht mehr, wie das geht, ich hab die Regeln vergessen. Oder hab ich sie in einer Urne entsorgen lassen? Wenn ich das noch wüsste! Urnen gibt's hier auch so viele, und wer sagt mir, welche die richtige ist, die Ururne sozusagen, falls es eine gibt. Ein einziges Mal würd ich es so gern noch mit ihr treiben!

Mein Kopf wackelt, als wollte er jeden Moment vom Körper plumpsen - mitsamt dem Schnurrbart und dem Filzhut und dem Rasierpinsel. Die Leberkrankheit habe ich mittlerweile überwunden (ich kauf mir Alkohol und verlier ihn sofort irgendwo!), aber dafür bilde ich mir jetzt ein, dass ich diesen Friedhof nicht mehr lebend verlassen werde. Was wollte ich hier nur? Ist ja egal. Ein Testament sollt ich machen, aber ohne Kinder hat's ja keinen Sinn. Regelt eh alles der Staat oder so was. Oder ich hab Kinder, und ich hab's vergessen. Übrigens hab ich gar nichts zu vererben. Wie gern wäre ich demnächst ein Vaterland geworden. Aber ich werde nur ein Land werden. Ich sterbe. Und ich vergesse. Sogar das Sterben vergesse ich während des Sterbens. Wenn ich nicht irre, verwese ich. Aber diese Megaparty auf dem Berg da oben damals, die wird ich nie, nie, nie vergessen!

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