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Geburt eines Rebellen

Plötzlich stand er vor mir, Maske auf dem Gesicht, Pistole in der Hand.

„Geld her! Und die Autoschlüssel, aber rasch!“ sagte er. Es klang ein biß­chen zu autoritativ für meinen Ge­schmack, aber das war wohl nicht seine Schuld. Unsere Gesellschaft bietet ja nur autoritäre Muster. Woher sollte er was anderes gelernt haben?

„Sie haben recht, mein Freund“, sagte ich. „Wir sind ja beide Produkte derselben Gesellschaft - ich der Wohlstands- und Konsumgesellschaft, sie der repressiv-scheindemokrati­schen. Ich verdiene ganz gut und sie ha­ben wahrscheinlich nichts, außer ihrer Pistole. Es ist eine sozial gerechte For­derung, daß wir teilen. Ich verzichte aber freiwillig auf die Hälfte der Pi­stole, weil Umgang mit Waffen meinen humanistischen Ansichten wider­spricht.“

Ich gab ihm die Schlüssel. Objektiv gesehen, hat der Verlust des Wagens für mich positive Seiten: Er befreit mich von den Gewissensbissen wegen der Umweltverschmutzung. Und daß ich jetzt zu Fuß laufen muß, wird meiner Figur nur gut tun.

Um ganz sicher zu sein, daß mein Vorgehen richtig ist, wollte ich ihn noch fragen, ob er eine schwere Kindheit hatte. Ich war fast überzeugt, daß seine Mutter ihm zu wenig Verständnis ent­gegenbrachte und sein Vater ein autori­tärer Tyrann war. Vielleicht ist er auch frustriert, weil er studiert hat und dann keinen leitenden Posten bekam.

Meine eigenen Kinder - und Jugend­jahre waren eigentlich erfreulich, von den paar ersten Nachkriegsjahren und von dem bißchen Armut während der Studienzeit abgesehen. Mit meinen El­

tern hatte ich keine Konflikte, denn mein Vater fiel im Jahre 1945 und meine Mutter war kaum zu Hause, sie mußte uns ja ernähren.

Ich wollte ihn auch fragen ... Er ist aber wohl ein wenig ungeduldig gewor­

den, langte mir eine Ohrfeige und schrie:

„Na, quatsch nicht so viel und rück schon den Geldbeutel raus, du sattes Schwein, aber dalli, verstanden?“

Satt war ich überhaupt nicht, ich wollte eben noch schnell vor dem Semi­nar „Sozialausgleich durch direkte Ak­tion“ essen gehen; ich hatte den ganzen Tag keine Zeit dazu. Es wird wohl nichts daraus werden, weil ich mich jetzt, ohne Wagen, gleich auf den Weg machen muß, sonst komme ich nicht rechtzeitig zum Seminar...

Er riß mir die Brieftasche aus der Hand. Ohne Geld hat es ja keinen Sinn ins Restaurant zu gehen.

Sollte ich ihm erklären, daß ich ei­gentlich auch ein arbeitender Mensch bin, und ihn bitten, mir wenigstens ein paar Mark für das Abendessen zurück­zugeben? Der Erste ist erst in einer Wo­che. Nein. Es ist vielleicht gerechter, wenn er mir alles abnimmt, wo er doch nichts hat, außer seiner Pistole. Mögli­cherweise wird mein Geld auch helfen, unser Gesellschaftssystem zu verän­dern. Eine Woche ohne Geld wird mir wohl gut tun. Man ist ja so geneigt, ins Bürgerliche auszurutschen, wenn man vom Staat ein festes Gehalt bekommt.

„Ich finde den Akt der Vermögens­umverteilung mit Hilfe von Gewalt theoretisch durchaus gerechtfertigt,“ sagte ich. „Ich wollte nur betonen, daß ich selbst kein Ausbeuter bin, obwohl man mich freilich anhand meiner beruf­lichen Tätigkeit als Helfershelfer und Unterstützer des ausbeuterischen Sy­stems ansehen kann. Deshalb ...“

„Verschwinde, oder du kriegst noch einen Tritt in den Hintern“, brüllte er.

Er scheint nicht viel Sinn für Theorie zu haben. Ein purer Aktionist. Viel­leicht hat er gar nicht studiert. Schade, ich hätte gerne mit ihm einige Probleme

besprochen. Schließlich trifft man ei­nen aktiven Kämpfer gegen die bürger­liche Gesellschaft nicht jeden Tag.

Es war sowieso zu spät, er fuhr schon mit meinem Auto weg.

Und dann kam mir der schreckliche Gedanke: Was, wenn er überhaupt kein Revolutionär war? Peinlich - dann war mein ganzes Verhalten falsch. Ich hätte mich wehren müssen, ich bin ja ein gu­ter Judoka!

Na, hoffentlich hatte er mindestens soziale Motive gehabt. Und vielleicht ... vielleicht werden meine Worte und meine würdige, bewußte Haltung in ihm ein Interesse für die Theorie wek- ken ... Dann war diese flüchtige Be­gegnung die Geburt eines Revolutio­närs, eines Rebellen!

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