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Die Zärtlichkeit des Textilkusses

Vor hundert Jahren erschien Arzybaschews Roman "Sanin": einst ein Skandal, heute vergessen.

Ganz verschollen ist dieses Buch. Und doch hat es vor hundert Jahren im zaristischen Russland Aufregung und Erregung verursacht wie kaum ein anderes seit Turgenjews "Väter und Söhne". Michail Petrowitsch Arzybaschew (1878-1927) hatte mit "Sanin" einen Nerv getroffen. Noch fünfzehn Jahre danach war die Welle der lüsternen Entrüstung im westlichen und fernöstlichen Ausland spürbar. Allein in Deutschland erschienen sechs verschiedene Ausgaben in einer Gesamtauflage von mehreren Hunderttausend. Zwei Verfilmungen sind nachweisbar, eine in Deutschland, 1922, mit Hans Albers in der Titelrolle und eine österreichisch-polnische Koproduktion von 1924 mit dem Stummfilmstar Magda Sonja; der junge Hans Moser spielte einen Diener.

Danach ebbte die Welle ab. Das hatte mehrere Gründe. Im bolschewistischen Russland wurde das Buch als dekadent verfemt, der Autor 1923 in die Emigration getrieben. Im Ausland geriet der Roman ins Abseits, weil er eine verklungene Vorkriegszeit darstellte und man inzwischen lärmendere Lektüre in die Hände bekam. In den Kanon der Weltliteratur wurde "Sanin" nicht aufgenommen, im Gegenteil - er wurde zum Trivialroman heruntergestuft. Unter diesem Aspekt brachte der Verlag Langen Müller 1971 eine Neuausgabe heraus, die eher in die Rubrik "Aus der Schmökerecke" passt und nicht etwa im Zuge der 68er-Bewegung als Vorläufer einer modischen Befreiungsideologie ausgegraben wurde.

Russische Erotomanie

Denn "Sanin" ist ein Roman über Versuch und Versagen der Selbstverwirklichung. Nach dem Scheitern der Revolution von 1905 machte sich bei der jungen russischen Intelligenz lähmende Resignation breit. Vielleicht hat es keinen Sinn, die Welt verändern zu wollen. Das autokratische System hatte sich erfolgreich gegen einen schlecht vorbereiteten Umsturzversuch zur Wehr gesetzt, vereinzelte Meuterei wie die auf dem Panzerkreuzer "Potemkin" war mühelos niedergeschlagen worden.

Die Arbeiter waren schlecht organisiert, die Bauern nicht bereit, sich zu Aufständen zusammenzurotten. Das Militär, obwohl durch die Niederlage im sinnlosen russisch-japanischen Krieg von 1904/05 zermürbt, hielt dem Regime noch die Treue. Die Rädelsführer der Studenten wurden relegiert und in die Verbannung geschickt. Also griffen die jungen Leute in den Schulen und an den Universitäten gierig nach einem Buch, das ihnen bestätigte, dass es andere Werte gab als Agitation und Parteiarbeit, wie zum Beispiel die Liebe.

"Sanin" hat die Erotomanie der jungen, enttäuschten Intelligentsia gewiss nicht ausgelöst, aber bekräftigt. Jedenfalls beriefen sich die neu entstandenen Propagandavereine der freien Liebe auf den Roman. Ihre Mitglieder nannten sich "Saninisti".

Skandal in Deutschland

In Deutschland wurde die erste Auflage, die 1909 bei Georg Müller in München gedruckt wurde, konfisziert. Der Verlag hatte den Fehler begangen, dem Roman ein erklärendes Vorwort beizugeben, in dem er als eine Art Auslöser der sexuellen Revolution gepriesen wurde. Das rief auch hier die Zensur auf den Plan und führte wie in Russland zu einem Verbot als "unzüchtige Schrift".

Erst nach Monaten kam es zu einer Revision des Urteils. Die Gutachter mochten mehrheitlich das Unzüchtige nicht entdecken. Georg Müller, besorgt um das schwindende Interesse an einem Buch, das zwar überall in der Presse erwähnt wurde, aber eben noch nicht greifbar war, publizierte sogleich eine Broschüre mit allen Gutachten und Urteilen. Müllers schäbiger Marketing-Trick, dass er die inkriminierten Stellen getreu dem Verbotsdokument auflistete, machte es den auf Pornografie erpichten Lesern des 530 Seiten starken Buches leicht, gleich zum Wesentlichen vorzustoßen. Auf ihre Kosten sind sie nicht gekommen. Gleichwohl gilt der Roman bis heute in Nachschlagswerken und Literaturgeschichten als anstößig; allenfalls als "Spiegel einer Epoche" sei er von kulturhistorischem Interesse.

Anstößige Provinz

Zwei junge Männer kehren in ihre Heimatstadt in der Provinz zurück. Der eine, Jurij, weil er von der Universität geworfen und ein halbes Jahr verschickt worden war. Der andere, Sanin, kommt nach nicht näher bestimmten Lehrjahren heim. Er wird so eingeführt: "Die wichtigste Zeit im Leben, in der sich unter dem Einflusse der ersten Zusammenstöße mit Menschen und Natur der Charakter bildet, verlebte Wladimir Sanin fern von seiner Familie. Niemand beaufsichtigte ihn, niemandes Hand leitete ihn, und die Seele dieses Menschen wuchs frei und eigenartig heran, wie der Baum im Felde."

Beide haben zunächst keine Beschäftigung, liegen dem elterlichen Haushalt auf der Tasche und langweilen sich. Beide haben mannbare Schwestern, die sich anschicken, erste Liebeserfahrungen zu sammeln, was sich konventionell auf die Ausschau nach einem Bräutigam konzentriert. Jurij und Sanin rümpfen zwar über solches Spießertum, das gleich an Ehe denkt, die Nase, die sie in der Großstadt hoch zu tragen gelernt haben, befördern aber doch die Beziehungen der Mädchen zu jungen Ärzten mit ernsthaften Absichten.

Da kommt der einen, der Schwester Sanins, etwas dazwischen, sie lässt sich von einem feschen Offizier verführen - ein Vorgang, den sie zwar ersehnte und genoss, aber mit Gewissensqualen und schandbarer Schwangerschaft büßt. Sanin bringt die Dinge ins Lot, wirft den Offizier hinaus und bringt den befreundeten Arzt dazu, dennoch die "Gefallene" zu umwerben.

Unterdessen hat sich Jurij in eine Lehrerin verliebt. Was aber mit ihr anfangen? Verführen vor der Ehe will er sie nicht, aber heiraten mag er sie auch nicht. Unvermutet kommt Sanin ihm zuvor und schläft mit ihr. Nicht dass er die Gelegenheit gesucht hätte, sie ergab sich. So spontan wie seine ganze Lebensweise.

Wollust und Gewissensqual

Karssawina macht nun ebenso wie Lyda nach der Wollust die Qual des schlechten Gewissens durch. Sanin, der keinen Lebensplan hat und keineswegs an eine Heirat nach dem One-Night-Stand denkt, tröstet sie, so gut er kann. Jurij kommt nicht mehr in die Verlegenheit, seinen Großmut walten zu lassen und Kwassarina zu verzeihen. Er hat sich dem durch Selbstmord entzogen, nicht weil er von ihrem "Fehltritt" erfahren hätte, sondern aus allgemeiner Zerfallenheit mit der Welt und seiner Unentschlossenheit. Als Sanin aufgefordert wird, auf Jurijs Beerdigung ein paar Worte des Gedenkens zu sprechen, weigert er sich, so wie er nie Dinge tut, zu denen er befohlen wird und provoziert die Trauergemeinde: "Die Welt ist um einen Dummkopf ärmer geworden, das ist alles!" Als er merkt, dass er sich damit den Unmut der Freunde zugezogen hat, verlässt er ohne Abschied die Stadt, springt nach einer Weile aus dem fahren Zug, kollert den Bahndamm hinunter und geht mit einem "freien, gellen Schrei" der Sonne entgegen. Generationen literarischer Landstreicher und Aussteiger danach werden es ihm gleich tun.

"Ein freier, geller Schrei"

Der Roman zeichnet sich durch häufigen Perspektivenwechsel aus, die Figuren werden mit ihren Gefühlen und Empfindungen, Stimmungen und Reflexionen beschrieben, ohne dass der Erzähler ein anderes Urteil darüber abgäbe, als dass er ihnen die Freiheit ihres Tuns und Denkens zugesteht. Dazu gehören sadistische Phantasien ebenso wie zarte, scheue Berührungen: "Er bog sich nieder und küsste den feinen trockenen Stoff, durch den ihr frischer Körper schimmerte."

Sanin ist kein Anarchist, kein Nihilist, kein Parteigänger oder Opportunist. Die Menschen findet er allgemein als widerwärtig, nimmt sich nicht aus, aber zugleich das Recht, nur zu tun, was ihm momentan in den Sinn kommt. Er ist nicht brutal und gewaltsam, aber er wehr sich seiner Haut. Als ihn der Verführer seiner Schwester fordern will, verweigert er das Duell. Es kommt zum Showdown auf dem Corso. Der in seiner Ehre gekränkte Offizier erhebt die Peitsche gegen Sanin, doch bevor sie niedersaust, hat dieser ihn mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Was tun? Der Offizier weiß, dass er nun den Dienst quittieren muss und in Unehren entlassen wird. Er sieht keinen anderen Ausweg, als sich umzubringen.

Kommt das bekannt vor? Schnitzlers "Lieutenant Gustl" erschien in Russland ab September 1901 in verschiedenen Zeitschriften und als Buch in mehreren Verlagen gleichzeitig. Keiner kam an ihm vorbei, auch nicht Arzybaschew, der die letzten Gedanken und Gefühle des Offiziers im Gustl-Stil als inneren Monolog darstellt.

Der Autor ist freier Publizist in Wien.

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