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Knabe sprach: Ich breche dich

Stalking in der Lyrik: Viele Gedichte, die wir als Kernbestand unseres Kulturguts preisen, sind vom Standpunkt der Political Correctness höchst bedenklich.

Stalking ist so alt wie die Welt. Nur wurde der aktuelle Psychoterror in grauer Vorzeit eher brachial vollführt, etwa als Frauenraub wider Willen. Man konnte sich an der Götter Höchstem ein Beispiel nehmen, auch wenn man nicht dessen Tricks und Künste einzusetzen vermochte. Auch wenn man dessen von männlichen Autoren erdichtetes allwissendes Einfühlungsvermögen in Frauensehnsüchte nicht besaß.

Es ging da etwas rüder zu unter den Menschen als unter den Göttern. Nicht weniger gewalttätig, aber rabiater. Vergewaltigung unterscheidet sich von Verführung durch mangelnde Sanftheit in der Vorgangsweise. Beide Male wird die Zustimmung der Frau vorausgesetzt. Auch bei Vergewaltigung sind die Frauen beteiligt, heißt es gern. Sie haben durch ihr aufreizendes Verhalten herausgefordert, also eigentlich - in der Tiefe ihres Wünsche-Reservoirs - gewollt, dass sie genommen werden. Dass dem nicht so gewesen sei, versichern die betroffenen Damen durch die Jahrtausende vergeblich.

Ein wenig Geduld wäre vielleicht vonnöten gewesen. Apoll hatte sie nicht und raste der fliehenden Daphne hinterher. Er erfüllt damit den Tatbestand § 107a StGB "Beharrliche Verfolgung".

Männliche Uneinsichtigkeit

Auch wenn es jetzt beschlossene Sache ist, dass Menschen, die andere verfolgen, verfolgt werden - die Belästigung bleibt doch eine subjektive Kategorie. Wann hört die Werbung auf und wird Terror? Eindeutige Fälle wie Morddrohung oder Körperverletzung stehen als krimineller Sachverhalt außer Frage. Da lässt sich Stalking leicht als psychotischer Ausfluss narzisstischer Kränkung verstehen. Unzweifelhaft sind die Fälle, in denen die Begierde zur Obsession wird und sich - abgewiesen - nur in unaufhörlicher Störung der Intimsphäre äußern kann.

Wie aber, wenn sich die Uneinsichtigkeit der Männer ästhetisch äußert? So entsteht Lyrik. Abgewiesene Männer, die Gedichte machen - zugegeben: kein Straftatbestand, aber doch ein Indiz für unerfüllte Wünsche, Zorn über Verweigerung. Höchst sublimiertes Stalking - also eine erbitterte Kulturtat.

Und bist du nicht willig …

Das Objekt der Begierde hat gefälligst so zu sein, wie man es haben will. Das ist eine Drohung. Lyrisches Stalking setzt ein, wenn die Werbung zurückgewiesen wurde und man sie dennoch fortsetzt. Und zwar im vollen Bewusstsein der Notwendigkeit, der Richtigkeit, der Schicksalshaftigkeit, ja geradezu der Gottgewolltheit dieses Tuns. Im gängigen heterosexuellen Modell, in dem die Gewalt vom Manne ausgeht: Zwei sind füreinander bestimmt. Sie weiß nur noch nichts davon oder will es nicht wahrhaben. Er ist sich sicher, dass sie von der Zwangsläufigkeit des Glücks überzeugt werden muss. Der Phase des Zermürbens durch permanente Zuwendung folgt eine Periode des Hasses in der Maske der Rache, bis hin zur Zerstörung des Liebesobjekts als ultimative Lösung. Und bist du nicht willig, so tu ich dir ein Leids an.

Die Schöne wird mit Worten umschmeichelt, die ihr suggerieren, wie sie zu sein hat, nein, mehr noch: wie sie sei. Der Lyriker sagt: "Du bist." Ob die Gemeinte dem nun zustimmt oder nicht. Die nächste Stufe heißt: "Du sollst. Weil ich es will." Die nächste: "Wir sind." Die Gemeinschaftlichkeit wird einseitig erzwungen. Die Angedichtete hat kaum eine Chance, kommt nie zu Wort. Oder nur als fingierter Partner in der Liebeswechselrede. Der Dichter hält Andacht, himmelt an, betet an, unabhängig von ihrer Einwilligung. In seiner Phantasie vereinnahmt er sie. Das sind die poetischsten Formen des Stalkings: So zu tun, als wisse man, was sie ersehnt, erhofft, erträumt. Stellvertretend für ihre Wünsche formuliert.

Man könnte sagen: Lyrik entsteht aus Kontaktproblemen. Wer die nicht hat, wozu bräuchte der Gedichte? Stalking ist wesentlich Egomanie. Und findet damit ihre Entsprechung in der Poesie. Der Dichter bricht Widerstände, verfügt über die Angedichtete, wie und weil er über die Sprache verfügt. Er phantasiert sich die Frau zurecht und erzeugt eine Gemeinsamkeit in der Einbildung, die möglicherweise jeder Grundlage entbehrt, aber mit der schwarzen Magie der gefügten Verse Liebeszauber ausübt, womöglich mit dem Mehrwert, damit auch noch etwas Unvergängliches geschaffen zu haben.

"Die stolze Unerbittliche"

Der Übergriff wird als Fiktion getarnt, als Sublimation entschuldigt - und ist doch eine Manifestation der Besitzergreifung, die jede Widerständigkeit der Betroffenen mit Versfüßen niedertrampelt. Wie aber sie rumkriegen? Eine sichere Methode schien eine Zeit lang - als eine galante Interpretation des Vergänglichkeitsmotivs des Barock - zu gelten: sich zurücknehmen und gleichsam zum Prinzip des Vollzugs erklären, der den Mädchen bereitsteht, wenn sie ernsthaft bedenken, dass ihnen die Zeit davonläuft.

Die "stolze Unerbittliche" wird von Nathanael Schlot ermahnt:

Soll der stolzen Schönheit Ruhm Nur ein Raub der Jahre werden? Tu, ach! Tu dir selbst, mein Licht, Ein so großes Unrecht nicht!

Das Argument der vergehenden Zeit scheint ihm zwingend:

Denn die Zeit, die Blumen bricht, Schont auch deiner Schönheit nicht.

Nachdem das klargestellt ist, bringt sich der Aufklärer selbst ins Spiel:

Darum denn erlaube mir, Dass ich (frei davon zu sprechen) Deiner Rosen frische Zier Darf in erster Blüte brechen.

Später spricht Hermann Löns das nach, banal und öd wie sein Heidekraut:

Die Zeit, die verpasst ist, Die kommt nicht zurück. […] Was willst du noch warten, Bald ist es vorbei.

Das Argument, die Jugend zu versäumen, ist unabhängig vom Partner, der sich zwar nachdrücklich in Erinnerung bringt, aber nicht unbedingt als er selbst gemeint sein muss. Ein stärkeres wäre, der Geliebten klarzumachen, dass es ohne sie nicht geht. So bekommt die Werbung eine gewisse Dringlichkeit und bleibt zugleich völlig persönlich; es ist ein Notfall: Sie muss für ihn da sein.

Du weißt es: wer gebraucht wird, ist nicht frei. Ich aber brauch dich, wie's immer sei. Ich sage ich und könnt auch sagen wir.

Bert Brecht verschleiert hier die Konsequenzen nicht: Gebundenheit an den Partner, der ihre Brauchbarkeit für sich in Anspruch nimmt, und zwar ohne Einschränkung. Der Zusatz fördert eine infame possessive Tendenz zutage: Wenn er "Ich" sagt, meint er "Wir". Sie kann sich diesem Zugriff nicht entziehen.

Aus dem "Du sollst, weil ich dich brauche" ("weil wir uns brauchen") wird im nächsten Schritt ein "Du musst". Und zwar im Vertrauen darauf, dass sie ihn liebt, eine Unterstellung, die Clemens Brentano selbstgewiss untermauert:

Ich weiß wohl, was du liebst in mir - Es ist die Glut in meiner Brust - Es ist die zauberhafte Zier, Der tief geheimen innern Lust, Die strahlt aus mir, und ruft zu dir: […] Komm, lebe, liebe, stirb bei mir Du musst, du musst. -

Wenn der bloße Befehl nicht ausreichen sollte, muss eine Bestrafung angekündigt werden, am besten als Beteuerung, dass die Geliebte schon sehen werde, was passiert: Wenn sie sich weigert, bringt er sich um.

Don Giovanni hat diesen Trick drauf, in der berückendsten Canzonetta der Opernliteratur:

Wenn du mir keinen Trost gewährst, muss ich vor deinen Augen sterben.

Eine andere Position nehmen die Dichter ein, welche die Mädchen vor den Verführern warnen wollen. Das sind die ernsthaft Sentimentalen, die es gut meinen und warnen, wie Christian Daniel Schubart mit der allvertrauten "Forelle", einer Fabel über die Täuschung des gejagten Wildes.

Die ihr am goldnen Quelle Der sichern Jugend weilt, Denkt doch an die Forelle! Seht ihr Gefahr, so eilt! Meist fehlt ihr nur aus Mangel Der Klugheit. Mädchen, seht Verführer mit der Angel! Sonst blutet ihr zu spät.

Die berühmteste Fabel tritt als Volkslied auf und spart die Belehrung für den Menschen aus. Es gehört zu den geheimen Absprachen unseres Kulturkreises, dass Gewaltgedichte wie das "Heidenröslein" als schmerzlich-schön und nicht als berüchtigt gelten. Der Täter-Knabe ist mutwillig, das Opfer-Röslein nahezu wehrlos, aber der Sprache mächtig: "Ich steche dich, dass du ewig denkst an mich." Was soll's, ein Dornenritz! Als zweites bleibt der Rose nur der verbale Protest: "Ich will's nicht leiden." Goethe steigert die Infamie, indem er die Ohnmacht schon via Diminutiv deutlich macht. Nicht eine stolze Rose, sondern ein bescheidenes Röslein wird geknickt.

Und der wilde Knabe brach 's Röslein auf der Heiden; Röslein wehrte sich und stach, Half ihm doch kein Weh und Ach, Musst es eben leiden.

Damit ist der Vorgang des Anpirschens der Vergewaltigung gewichen. Die lyrischen Stalker belassen es allesamt bei der kurzen gereimten Bedrängung. Stalking als ein anhaltender, quälender Vorgang der beharrlichen Verfolgung hat eher episch-dramatisches als lyrisches Format: ein Thema für Opern ("Carmen", "Salome").

Der Lyriker phantasiert sich in gebotener Kürze den Erfolg zurecht. Dabei entsteht die allgemeine Tendenz der absoluten Besitznahme. Gewalt wird mit Liebe entschuldigt. Hermann Hesse:

Weil ich dich liebe, bin ich des Nachts So wild und flüsternd zu dir gekommen, Und dass du mich nimmer vergessen kannst, Hab ich deine Seele mit mir genommen.

Sie ist nun bei mir und gehört mir ganz Im Guten und auch im Bösen; Von meiner wilden, brennenden Liebe Kann dich kein Engel erlösen.

Die lyrische Allmächtigkeit wird an einer Verweigerung des auserkorenen Opfers nicht zuschanden. Im Gedicht wird das Opfer unterworfen, ob es will oder nicht. Apodiktisch wird alles niedergemacht, was dem Erfolg entgegenstehen könnte. Meister dieses Verfahrens ist Theodor Storm. Er gesteht der Geliebten zwar ein leises Zögern zu, doch vor der Gewalt des Liebessturms muss sie sich beugen:

Behalten möchtest du dich gerne, Da du doch ganz verloren bist.

Du fühlst, wir können nicht verzichten; Warum zu geben scheust du noch? Du musst die ganze Schuld entrichten, Du musst, gewiss, du musst es doch.

Eines der ersten Stalking-Gedichte deutscher Zunge ist das schönste Liebesgedicht des 12. Jahrhunderts. Es darf in keiner Anthologie fehlen. Leichtfüßig kommt es daher, anmutig und entschieden, vollkommen in seiner Präzision. Und ist doch Ausdruck der liebenswürdigsten Freiheitsberaubung und bestgemeinten Versklavung. Und trifft exakt den Straftatbestand einer "massiven Beeinträchtigung der Freiheits- und Lebenssphäre des Opfers":

Du bist mîn, ich bin dîn, des solt du gewis sîn. Du bist beslozzen In mînem herzen, verlorn ist daz sluzzelîn - du muost ouch immêr dar inne sîn.

Es sind die deutschen Verse einer Nonne, mit denen sie einen lateinisch geschriebenen Liebesbrief beschließt - und die deshalb wohl nicht als Zeugnis für eine fromme unio mystica gelesen werden dürfen. Womit das weite Feld des weiblichen Stalkings eröffnet wäre, das von der Nymphe Echo zur romantischen Täterin, dem Käthchen von Heilbronn, führt.

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